Logbuch
ZENSUR.PUR.
Geschichte bedarf also der Reinigung. Auch die Literaturgeschichte. Neues zum Syndrom der Säuberung, auch bei der Mutter der Weisheit (Alma Mater). Geschichtsklitterung ohne Sinn und Verstand.
Die Londoner TIMES hat eine Umfrage an den Universitäten gemacht, welche Bücher von den Empfehlungslisten für Studenten jüngst gestrichen worden sind. Gut 1000. Darunter AGATHA CHRISTIE und WILLIAM SHAKESPEARE. Ab in den Giftschrank, raus aus dem Kanon, nur noch für Erwachsene. Der Inhalt sei „challenging“, fordernd. Das gehe nicht.
Unter KANON (hat nichts mit Singen zu tun) versteht man eine Liste von Werken, die Schüler und Studenten zur Lektüre vorgeschrieben werden. Mit sanfter Empfehlung oder mit klarem Druck: Das musst Du gelesen haben! An bayrischen Gymnasien gehörte dazu Goethes Faust. Jetzt nicht mehr. Wahrscheinlich wg. Gretchen, der verführten Unschuld.
Unter der Empfehlung AD USUM DELPHINI (hat nichts mit Flipper zu tun) versteht man aufbereitete antike Werke „zum Gebrauch durch Schüler“, die vorher gereinigt wurden. Darin waren etwa unverblümte Passagen explizit sexuellen Inhalts getilgt. In der altgriechischen Sagenwelt gab es dazu eine Menge zu tilgen, da ZEUS alles vögelte, was ihm in den Weg kam.
Die schöne Leda etwa schlief in einer Nacht mit zwei Männern, mit dem Gatten und mit Zeus, die sie beide schwängerten, sodass sie zwei Zwillinge gebar, vier Kinder also, die dann die weiteren mythischen Erzählungen nach rechts und links bevölkerten. Das aber ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Der Punkt: ZEUS näherte sich Leda in Gestalt eines Schwans. Sex mit Tieren, na gut, aber mit einem Schwan; ich bitte Sie!
Unter GIFTSCHRANK versteht man den Teil der mittelalterlichen Bibliotheken, in denen jene Werke verschlossen waren, die nur der Klerus selbst lesen durfte, weil die Glaubenskongregation sie auf den INDEX gestellt hatte. Verbotene Bücher, nur zum internen Gebrauch. Dabei ging es nicht nur um Sex, sondern auch solchen Unsinn, wie die Zweifel daran, dass die Erde eine Scheibe ist.
In unsere Schulen und Hochschulen zieht gerade wieder der Geist der fürsorglichen ZENSUR ein. Das hatten wir schon; neu ist, dass diese CANCEL CULTURE sich selbst als besonders „wach“ (englisch: „woke“) empfindet. Irrerweise wird in England aber gerade die historisch massive eigene Verstrickung in die SKLAVEREI getilgt. Weiße Geschichtsklitterung. Die bekannten Schrecken der ZENSUR kehren wieder. Mit modernem Wortgeklingel. Ich bin nicht fortschrittsgläubig.
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SCHLIMME FINGER.
Kann man einen Kardinal entlassen? Das weiß ich als Protestant gar nicht. Aber kann man den Rauswurf des Würdenträgers verhindern? Ja, sagte da eine PR-Agentur aus Leipzig. Und kriegte vom Bistum Köln als Honorar 820.000 Euro. Drei Mille hat der ganze Spaß gekostet.
Ursprünglich war PROPAGANDA das ureigenste der Kirche. Sie hat so die Erfüllung des Missionsgebotes benannt; im Kirchenlatein des 17. Jahrhunderts „sacra congregatio de propaganda fide“. Das Missionsgebot ist eine Anweisung des Nazareners Jesus Christus selbst: „So geht nun hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker.“ Die Missionare nahmen das wörtlich, weshalb bei den Naturvölkern eine bestimmte Stellung beim GV als „Missionarsstellung“ vertraut wurde. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Skandal in Köln war eine Tradition der missbräuchlichen Gewalt gegen Knaben, die Kritiker als ein vermeintliches Naturrecht des Klerus brandmarkten. Hier war der Kardinal mit einem Rechtsgutachten unzufrieden und wollte ein neues, wohl eines, das ihm stärken zu Gefallen war. Dabei brachte er die Opfer (in Köln „Betroffene“ genannt) wie die Gläubigen so auf, dass Rom ihn beurlaubte. Ich bin kein Insider, meine aber den Herrn, dem der Herr dieses Amt gegeben hat, schon mal in Berlin gesehen zu haben. Er hat etwas derart freudloses als bebrilltes Ponem, wie man im Jiddischen sagt, dass man ihn schlecht vergisst.
Die kirchliche PROPAGANDA ließ sich also von bis dato weitgehend unbekannte PR-Leute und einschlägigen Advokaten helfen. Eine Kölner Zeitung kommt an die sogenannten Strategiepapiere der Leipziger Agentur und zitiert daraus. Ich hätte sie nicht lesen sollen; jetzt werde ich das Symptom des Fremdschämens nicht los. Was sich so ein Alltagsverstand von zwei Hanseln darunter vorstellt, wie man Journalisten hinter die Fichte führt (die darauf natürlich nicht reinfallen). Und zum Überfluss nimmt ein Presserechtler einer einschlägigen Kölner Kanzlei an den Wortgefechten auf Twitter extensiv teil, mit Invektiven, die nach meiner Meinung (als juristischem Laien) mit Patzigkeiten treffender charakterisiert sind denn als juristische Expertise. Da kenne ich von anderen anderes.
Man hätte auch in Köln dem vermeintlichen Naturrecht auf Knabenmissbrauch abschwören können, die Opfer ohne Wenn und Aber als Opfer anerkennen und Vorzüge der Heterosexualität unter Erwachsenen erwägen. Stattdessen: Tricksen, tarnen, täuschen. Ach, wie klein. Aber gut bezahlt, das muss der professionelle Neid den schlimmen Fingern lassen. Mir fällt zu alldem nur ein Wort des Nazareners ein, das da lautet: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber, das ist vom Übel.“ Das ist aus der Bergpredigt, einem Teil des Evangelums, der im katholischen Klerus ohnehin nicht sehr beliebt ist.
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AM DEUTSCHEN WESEN.
Sendung mit der Maus. Ich liebe sie. Obwohl ich nicht zur Zielgruppe gehöre, begeistert es mich, wie freudig hier Wissen vermittelt wurde. Belehren können, ohne herablassend zu sein; eine seltene Tugend.
Dabei wurde eine Sprache gepflegt, die einfach war, weil klar. Nicht dieser Bullerbü-Stil mit dem die Pippi-Langstrumpf-Literatur Kinder veralbert. Besonders übel, wenn Erwachsene in diesen infantilen Jargon verfallen. Der gelernte Kinderbuchautor Habeck vermeidet das besser als seine grüne Kollegin aus dem Völkerrecht. Die amtierende Bundesaußenministerin ist nicht frei von Jugend-Jargon. Immer wieder Versuche zu Sendung mit der Maus; aber leider in schlecht.
Ihre Bereitschaft andere Völker zu belehren ist groß. Sie will „ebend“ (sic) das Gute. Dabei verunglücken gelegentlich die Metaphern. Ihren türkischen Kollegen weist sie öffentlich an, ihr bitte zuzuhören, „auch wenn dabei die Ohren weh tun“. Ohrenschmerzen sind zwar eine populäre Kinderkrankheit, aber nicht der Kern des Problems der türkisch-griechischen Konflikte um Mittelmeerinseln. Diese Komplexität kann man nicht so einfach vom Tisch wischen. Der Astrid-Lindgren-Duktus erfrischt zwar manche ihrer Anhänger, auf internationalem Parkett klingt er aber unangemessen banal. Er klingt nach Bullerbü.
Sind wir, andere Völker herablassend belehrend, jetzt das moralische Vorbild der Welt? Hhhm. Eigentlich gehört ein gewisses Maß an Demut zur deutschen Staatsräson nach 1945. Es ist nicht die zweite Strophe im LIED DER DEUTSCHEN von Hoffmann von Fallersleben, die wir zu unserer Nationalhymne gemacht haben, sondern die dritte.
Wie die zweite lautet? Nun, so:
„Deutsche Frauen, deutsche Treue / Deutscher Wein und deutscher Sang / Sollen in der Welt behalten/ Ihren alten schönen Klang. / Uns zu edler Tat begeistern, / Unser ganzes Leben lang. / Deutsche Frauen, deutsche Treue / Deutscher Wein und deutscher Sang.“
Ich hätte es gern wie in der dritten, also eine ganze Nummer kleiner. Denn wir leben in Zeiten, in denen Kräfte wachsen, die dem Geist der ersten Strophe frönen.
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DIE AUFTEILUNG DER WELT.
Man wundert sich über die Töne aus dem Reich der Neuen Rechten in den USA zur Rollenverteilung in der Welt. Die Fans der Tea Party klingen wie Wiedergänger längst vergangener Zeiten; sie klingen wie ihre eigenen Kolonialherren, von denen sie sich 1773 freimachen wollten. Das war ja wohl die Bostoner Tea Party. Aber Geschichte wiederholt sich; leider keine bloße Farce. Deshalb der Reihe nach.
In der kolonialen Weltsicht gibt es kein vielseitiges Miteinander der Völker dieser Erde. Es gibt den Rest der Welt nur als einen bunten Zoo, in dem man sich nach Herzenslust bedienen kann. Das Recht auf Ausbeutung beschränkt sich nicht auf exotische Früchte; es schließt die Bodenschätze ein und am Ende die Menschen als Sklaven. Gleichzeitig hat man immer schon seine Rolle als Kolonialherr verklärt. Am erfolgreichsten wohl die Engländer im Konzept des edlen und daher sanften Mannes, dem „gentleman“.
Dabei hat man nicht alles spätere Übel erfinden müssen; oft wurden nur örtliche Unarten zum System erhoben und zur Weltherrschaft gebracht. Das gilt für das Opium wie den Sklavenhandel. Man langte zu, weil man die fremde Welt so angelegt sah, als Gelegenheit zur Bereicherung. Was der Portugiese einmal in Händen hat, sagte ein Sprichwort, das gibt er niemals wieder her. Und der Moff!
Mynheer Peeperkorn ist eine literarische Figur bei Thomas Mann, übernommen aus einem gängigen Vorurteil seiner Zeit, dass die reichen Holländer ihren Wohlstand dem Gewürzhandel mit den Molukken verdankten. Das mag heute amüsant finden, wer am Sonntag vom Niederrhein oder aus dem Revier ins Nachbarland rüberfährt, um zu shoppen. Denn natürlich haben die Supermärkte dort am Sonntag auf. Die Moffen sind eine Nation der Händler und für ihre Geschäftstüchtigkeit bekannt.
Das begann schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts, wenn nicht früher. Damals beherrschten die Welt zwei kleine Nationen, die Flamen und die Portugiesen. Sie brachten das Opium in die Welt, diese Drecksäcke. Ich lese SMOKE AND ASHES, eine Geschichte des Opiums, von einem kundigen Bengali verfasst, den ein Zorn auf die „Vereenigde Oostindische Compagnie“ treibt; der ostindische Gewürzhandel als Motor des Kolonialwarenhandels. Später steigen hier in großem Stil die Briten ein; die „confessions of the English opium eater“ werden Weltliteratur. Wir haben Zeugnisse von George Orwell und Rudyard Kipling, die beide vor Ort waren.
Opium diente eingangs zur Unterwerfung der dazu verführten Völker und dann als Handelsgut. Natürlich war es angenehmer, sein Schiff mit dem weißen Poppy-Gold zu beladen als mit Bergen von lebenden Leibern. Leider vergleicht mein Autor die Opiumkriege, die bis ins 18. und 19. Jahrhundert gingen, mit dem heutigen Vorgehen von Big Pharma. Das halte ich für überzogen. Aber so ganz sicher sein kann man nicht. Denn das Koloniale hatte immer eine doppelte Tugend: Die fürchterlichen Dinge draußen in der Welt zu tun und dabei zuhause gut auszusehen. Der Tee in der Tasse des Gentleman hat nie berichtet, wie er da wohl hinkam.