Logbuch

DES FEUERS MACHT.

Was die Welt zusammenhält? Der Kampf um Energie. Ein Verteilungskampf. Das war mal Kohle. Sehr lange Öl. Und gerade wohl Gas. Eine kleine Weltgeschichte der Energie.

Man sagt, dass die Industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts auf Steinkohle basierte. In England zunächst, dann auch in den französischen und deutschen Revieren. Die eigentliche Bewährung bestand die legendäre Dampfmaschine nicht als Eisenbahn, sondern als Pumpe. Der Tiefbergbau wurde erst möglich durch WASSERHALTUNG, durch Dampfmaschinen, die verhinderten, dass die untertänigen Grubengebäude vollliefen. An der Ruhr ist das einem Iren zu verdanken.

Das Ölzeitalter hatte nach dem amerikanischen Boom damit zu kämpfen, dass der Herrgott mit der geologischen Anlage der Vorräte wenig Verstand bewiesen hatte; er hatte die Scheichs in einer Weise bevorzugt, die den Öl-Multis einiges Kopfzerbrechen bescherte. In diesem Zusammenhang von einer HEGEMONIALEN Außenpolitik der USA zu reden, ist nicht mehr modern und nur noch Marxisten erlaubt, also gar nicht.

Jetzt also Erdgas. Ich habe in meiner Zeit mit zwei Förderländern versucht gute Beziehungen zu pflegen: NORWEGEN und RUSSLAND. Hier liegen gewaltige Vorräte. Zum Kalkül der Natur siehe die Bemerkung zum Herrgott oben. Und den Norwegern ist hier keine KRIEGERISCHE HEGEMONIE vorzuwerfen. Jens Stoltenberg kenne ich seit jener Zeit; er war mal Energieminister, dann Ministerpräsident und soll wohl Kopf der norwegischen Staatsbank werden. Ein feiner Mann. Und Gas-Lobbyist.

Da wir den Ausbau der KERNENERGIE hierzulande politisch vermasselten haben, werden wir jetzt Solar- und Windanlagen boosten müssen. Und die effizientere Nutzung. Alles, was uns also die letzten drei- oder vierhundert Jahre kümmert, ist diese vermaledeite Energie.

Das schreibe ich in Lingen an der Ems, einem idyllischen Städtchen, übrigens im Windschatten eines laufenden Kernkraftwerkes, eines großen Gaskraftwerkes, einer Fertigung von Nuklearbrennstoffen und einer Raffinerie, und zwar aus einer Uni in einem ehemaligen Eisenbahnausbesserungswerk. Was ich damit sagen will? Nix. Ich mein ja nur.

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IDIOTEN‘APOSTROPH.

Deutsches Sprache, schweres Sprache? Eigentlich nicht. Aber die Zeichensetzung, die hat es in sich. Heute: der Oberstrich oder das Apostroph. Sonderform: das Idiotenapostroph.

In Hagen lese ich aus dem Zug, dass es gegenüber vom Bahnhof bei einem Einzelhändler Fahrräder und deren Zubehör zu kaufen gibt. Die Leuchtreklame besagt, Achtung, jetzt genau hinschauen BIKE‘S AND MORE. Da ist es, das Idiotenapostroph. Hier soll es die Mehrzahl von Rad, sprich “bike“ (engl.) anzeigen. Man frage nach Deutsch oder Englisch und nach Plural oder Genitiv.

Der früher sittenstrenge Duden erlaubt den Oberstrich in besitzanzeigenden Fällen (Genitiv) zur Kennzeichnung von Eigennamen. Wäre also ein MIKE (fam. engl. für Michael) der Besitzer des Radladens, dann ginge MIKE‘S BIKE‘S AND MORE. Der erste Oberstrich wäre zulässig im Deutschen, der zweite noch immer ein Idiotenindikator.

Jetzt aber aus Ostberlin, kurz vor dem Innenstadtflughafen BER, ein durchschlagendes Beispiel: MIKE‘S ROSTBRATWURST VOM GRILL. Keine Filiale des PEN, eine Pommesbude, im Jargon dieses unfreundlichen Springer-Journalisten eine Bratwurstbude. Sie gehört einem MIKE. Das zeigt das Genitivapostroph an.

Wenn der Ostberliner namens Michael aber meint eigens ergänzen zu müssen, dass die Würste VOM GRILL kommen, was meint er wohl, wofür in dem davor genannten Kompositum ROSTBRATWURST das Lexem ROST steht? Korrosion? Wie am Auspuff des Trabi? Also da ist mir der idiotische Wessi aus Hagen lieber, der MORE hat und RÄDER.

Apostroph geht im Deutschen übrigens immer, wenn bei Besitzanzeige das Wort auf s endet. Das hörte ich gern von Klaus‘ Kocks‘ Logbuch.

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SKLAVENHÄNDLER.

Wenn Miss Marple, Agatha Christies Hauptfigur, ihren Tee mit Zucker veredelt und liebevoll über das edle Kattun des Kissenbezuges streichelt, sehen wir die Früchte des Kolonialen. Ob uns das nun empört oder nicht.

Das Britische Empire, das sich selbst „Gemeinwohl“ (Commonwealth) nannte, hat 1833 offiziell den Sklavenhandel aufgegeben. Als er sich ökonomisch nicht mehr lohnte. Aus humanistischen Überlegungen. Beides. Und zwar in dieser Reihenfolge.

In den 150 Jahren davor waren drei Millionen Afrikaner unter britischer Flagge versklavt worden. Sie vollbrachten, wenn sie die Entführung überlebten, die Zwangsarbeit auf den Plantagen in der Karibik und Amerika, deren Früchte Baumwolle, Tee und Zucker waren. Das sollte man heute noch wissen, wenn man die feine englische Art genießt.

Man baute im Empire, dem Weltreich der so selbstbewussten Aufklärung, vorsätzlich auf weiße Überlegenheit, beging gelegentlich Völkermord und leugnete lange die Vorzüge der Immigration der dabei in England dazugekommenen Briten (sie waren aus den Kolonien, hatten aber einen britischen Pass, waren also keine Fremden).

Unter den Sklavenhändlern ebenso Adelige wie reiche Bürger, die Gentlemen, einige mit Sitz in Parlament. Noch heute ein Volk mit der fortlebenden Mentalität einer Klassengesellschaft und notorisch geleugneter Geschichte, die eben nicht getilgt, sondern nur aufgearbeitet werden kann.

Man muss sie mit den Augen ihrer Kolonialisierten betrachten können, die weltherrschenden Engländer. Jeden Sieger auch aus der Perspektive der von ihm Geschlagenen. So geht Geschichte, wenn sie als Wissenschaft gelten darf.

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DIE AUFTEILUNG DER WELT.

Man wundert sich über die Töne aus dem Reich der Neuen Rechten in den USA zur Rollenverteilung in der Welt. Die Fans der Tea Party klingen wie Wiedergänger längst vergangener Zeiten; sie klingen wie ihre eigenen Kolonialherren, von denen sie sich 1773 freimachen wollten. Das war ja wohl die Bostoner Tea Party. Aber Geschichte wiederholt sich; leider keine bloße Farce. Deshalb der Reihe nach.

In der kolonialen Weltsicht gibt es kein vielseitiges Miteinander der Völker dieser Erde. Es gibt den Rest der Welt nur als einen bunten Zoo, in dem man sich nach Herzenslust bedienen kann. Das Recht auf Ausbeutung beschränkt sich nicht auf exotische Früchte; es schließt die Bodenschätze ein und am Ende die Menschen als Sklaven. Gleichzeitig hat man immer schon seine Rolle als Kolonialherr verklärt. Am erfolgreichsten wohl die Engländer im Konzept des edlen und daher sanften Mannes, dem „gentleman“.

Dabei hat man nicht alles spätere Übel erfinden müssen; oft wurden nur örtliche Unarten zum System erhoben und zur Weltherrschaft gebracht. Das gilt für das Opium wie den Sklavenhandel. Man langte zu, weil man die fremde Welt so angelegt sah, als Gelegenheit zur Bereicherung. Was der Portugiese einmal in Händen hat, sagte ein Sprichwort, das gibt er niemals wieder her. Und der Moff!

Mynheer Peeperkorn ist eine literarische Figur bei Thomas Mann, übernommen aus einem gängigen Vorurteil seiner Zeit, dass die reichen Holländer ihren Wohlstand dem Gewürzhandel mit den Molukken verdankten. Das mag heute amüsant finden, wer am Sonntag vom Niederrhein oder aus dem Revier ins Nachbarland rüberfährt, um zu shoppen. Denn natürlich haben die Supermärkte dort am Sonntag auf. Die Moffen sind eine Nation der Händler und für ihre Geschäftstüchtigkeit bekannt.

Das begann schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts, wenn nicht früher. Damals beherrschten die Welt zwei kleine Nationen, die Flamen und die Portugiesen. Sie brachten das Opium in die Welt, diese Drecksäcke. Ich lese SMOKE AND ASHES, eine Geschichte des Opiums, von einem kundigen Bengali verfasst, den ein Zorn auf die „Vereenigde Oostindische Compagnie“ treibt; der ostindische Gewürzhandel als Motor des Kolonialwarenhandels. Später steigen hier in großem Stil die Briten ein; die „confessions of the English opium eater“ werden Weltliteratur. Wir haben Zeugnisse von George Orwell und Rudyard Kipling, die beide vor Ort waren.

Opium diente eingangs zur Unterwerfung der dazu verführten Völker und dann als Handelsgut. Natürlich war es angenehmer, sein Schiff mit dem weißen Poppy-Gold zu beladen als mit Bergen von lebenden Leibern. Leider vergleicht mein Autor die Opiumkriege, die bis ins 18. und 19. Jahrhundert gingen, mit dem heutigen Vorgehen von Big Pharma. Das halte ich für überzogen. Aber so ganz sicher sein kann man nicht. Denn das Koloniale hatte immer eine doppelte Tugend: Die fürchterlichen Dinge draußen in der Welt zu tun und dabei zuhause gut auszusehen. Der Tee in der Tasse des Gentleman hat nie berichtet, wie er da wohl hinkam.