Logbuch
ABERGLAUBE.
Unter den „Klebas“, den Klimaprotestlern, sehe ich sehr junge Menschen, denen mein Respekt gehört, obwohl sie Nötigung zum Mittel der Überzeugung machen; ich bin halt im Herz immer noch der Pauker, der ich mal war. Und immer öfter aber auch alte Säcke. Schlecht gelaunt und ebenso gekleidet.
Der Anblick ist nicht neu; seit Wackersdorf irritiert mich der erwachsene Kindskopf. Wem sagt „Stuttgart 21“ noch was? Da waren sie wieder. Das Milieu des Boris Palmer. Das trotzig erhobene Haupt des Häretikers. Jetzt ein kühner Sprung in Pfingstgemeinden der kenianischen Provinz. Dort vermag es ein selbsternannter Pastor der „Good News Church“ eine „Hungerreligion“ als freikirchliche Sekte zu errichten. Hunderte von Toten mittels Spiritualität, lese ich.
Nun, die Gute-Nachrichten-Religion (kein Spott bitte; genau das meint auch der Begriff EVANGELIUM) eines ehemaligen Taxisfahrers fordert zum freiwilligen Hungertod auf, sprich zum Selbstmord auf Raten, weil man unmittelbar nach dem Hungertod Jesus treffe. Erneut bitte kein Spott. Die christlichen Amtskirchen sind nicht von geringerer Irrationalität. Von amerikanischen Protestanten ganz zu schweigen: „What would Jesus do?“
Zurück zu den schwäbischen Klebern mit schütterem Haar und den hysterischen Großmüttern aus dem Breisgau. Als Impfgegner habe ich sie gesehen, bei Ostermärschen, mit Friedenstauben und Regenbögen und nun unter den Nationalfarben der Ukraine. Aber ist es überhaupt erlaubt, all diese Bilder zu vermengen? Wir sind hier ja nicht bei BILD.
Nun, ich lese, der afrikanische Pastor mit den Massengräbern der Verhungerten mache aus dem Aberglauben für sich ein Geschäft. Dazu klingt ein Song der Dreigroschenoper in meinen Ohren, nach dem die Menschen nicht nach der Moral leben, sondern von ihr. Wer danach fragt, erkennt eine Einheit im Vielfältigen, die auch unangemessene Vergleiche erlaubt.
Logbuch
ALLES IDEOLOGEN.
Außer ich. So leidet die grüne Seele, nachdem der Trauzeuge in Bremen zuhause geblieben ist. Ich sehe das ohne Schadenfreude.
Die grüne Wählerschaft versteht sich selbst zu einem guten Teil als BEWEGUNG. Das ist ein historisch belasteter Begriff, aber er trifft zu. Man glaubt nicht nur an eine gute Sache, sondern auch an eine sehr große. Ich teile diesen Tunnelblick nicht, verstehe aber, was er mit den Menschen macht.
Das Argument der Effizienz ist in sich plausibel, möglichst geringer Verzehr von Ressourcen, klar! Deshalb baut man auch nicht neu, sondern renoviert, um nur ein Beispiel zu sagen. Die Bundesumweltministerin will zuhause weiter ihren Benziner fahren, solange er es tut; das ist klug. Dienstlich fährt sie ein neues Batterie-Auto und fliegt, die Steffi. Das ist Politik.
Jetzt zu Bremen und dem Bundes-Effekt: wenn ich mich in den Ruch einer Sekte bringe, die Vetternwirtschaft und Cousinenkultur antreibt, dann sind die Schwärmer verstört. Wenn ich die Monopolisierung von Strom im Wärmemarkt erzwingen will, dann muss ich das anders plausibel machen als mit der einäugigen Verteufelung von Öl und Gas.
Alles Ideologen, außer ich; das reicht dann nicht.
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STILLE. DUNKELHEIT.
Ein hohes Gut ist die Stille, wenn Nachtruhe. Und die Dunkelheit, allenfalls im Kerzenschein. Und glimmende Glut im Kamin, trockenes Landhaus und warm.
Heute Nacht gegen zwei bin ich durch Haus und Hof geirrt, um eine Lärmquelle zu finden. Der wummernde Bass einer schlechten Musik hatte mich geweckt und vermuten lassen, eine Schaltuhr habe ein Radio angestellt, was zufälliger Manipulation der geschätzten Putzfrau entstammen kann. Oder meiner Ungeschicklichkeit.
Auf dem Land ist Stille eines der Güter, die das Leben wertvoll machen. Das weiß zu schätzen, wer die große Stadt zum Vergleich hat. Nun wohne ich in Berlin in der Nähe einer Feuerwache und genieße die Sirenen zehnminütig. Aber auch grölende Fröhlichkeit der Zugedröhnten auf den Straßen der Nacht. Und laute Nachbarn, zumal die AirB‘n’B-Idioten aller Herren Länder in den schwarz vermieteten Wohnungen.
Der Großstadtverkehr auf Asphalt und in der Luft, er reißt nicht ab. Auf dem Land kann ich Stunden im Garten sitzen, ohne dass man auch nur ein Auto hört. Ab und zu, jedenfalls samstags, ein alter Trecker mit einem Schiffsdieselgetucker. Sonst nur die Vögel im Morgengrauen. Zur fehlenden Lärmbelastung kommt das hohe Gut der Dunkelheit: kein Lichtmüll allenthalben wie in den Neonwüsten der Metropolen. Hier hat die Straßenbeleuchtung mittels Stadtgas eine neue Kultur geschaffen, das pulsierende Nachtleben. Auf dem Dorf schläft man nachts, der Herr wie das liebe Vieh.
Außer es ist Muttertagskirmes im Nachbardorf mit einem Live-Concert einer mediokren Cover-Band bis tief in die Nacht, eine kulturelle Entgleisung. Einst eine Kontraktionsform aus „Kirchweih“ und „Messe“ („Kirmes“) nennt es der Berliner treffender „Rummel“. Jetzt auch auf dem Dorf. Kleinrummel. Paaah.
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KRET & PLETI.
In England gibt es eine Debatte, ob dem Wunsch von Ushas Mann in Amerika entsprochen werden könne, der gerne schottisch-irischen Ursprungs wäre. Die gebürtige Inderin Usha hätte gern einen katholischen Puritaner zum Mann. Darum sind sie Ostern beim Segen URBI ET ORBI. Was denn nun? Da geht jetzt ja alles durcheinander. Amerikanischer Melting Pot: Kreti und Pleti.
Vorurteilsfrei ist man, wenn ehrlich mit sich selbst, ja selten. Aber es könnte lohnen, nicht der Bequemlichkeit alter Ressentiments zu folgen. Meine Lebenserfahrung ist allerdings, dass am Ende der Übung nur wieder Erkenntnisekel steht. Trotzdem, manchmal lohnt der Blick auf vermeintlich Bekanntes, der es wie wirklich Fremdes betrachtet. Dieses Befremden kann helfen das fälschlicherweise Vertraute zu verstehen. Das ist die Haltung des Ethnologen, der eine gerade entdeckte Kultur von bisher unbekannten Wilden beschreiben will. Wenn ein guter Forscher des Primitiven, verbietet er sich Voreingenommenheit und Arroganz und folgt ehrlichem Interesse.
Ich rate zu einer solchen Haltung auch bei politischen Phänomenen, etwa den neuen politischen Kräften, die uns aus den USA ansprechen. Was ist da eigentlich passiert auf der Münchner Sicherheitskonferenz, als der amerikanische Vizepräsident JD Vance den transatlantischen Konsens in den Senkel stellte? Ich will als sozialer Ethnologe zwei Details zum besseren Verständnis beitragen.
Die wirklich eindrucksvolle Wandlung des armen Hinterwäldlers Bowman, ein protestantischer Hillbilly, zum steinreichen Börsenstar der Neuen Rechten, der sich dann JD Vance nennt, und damit zum Running Mate von Trump II, versteht nur, wer um das evangelikale Bedeutung von SAULUS-PAULUS weiß. Das ist das eine.
Warum dieser Protestant in der Ehe mit einer indischstämmigen TIGER-MAM dann zum Katholizismus konvertiert und von sich (faktenfrei und offen widersprochen) irisch-schottische DNA reklamiert, das begreift nur, wer das Rollenbild von JF Kennedy in der amerikanischen Geschichte erinnert. Ja klar, die Dame Usha arbeitet mit ihrem Bubi am JFK-Mythos; sie ist Jackie. Da entsteht die dritte oder vierte Wandlung des POOR WHITE TRASH zum ultimativ charismatischen PRESIDENT. Das ist das andere.
Die Ideologie dazu nennt sich „postliberal“. Da ist das Problem. Das kriegt Usha so nicht weg.