Logbuch

SCHADENFREUDE.

Der schottische Koch Tom Kitchin wird in der Presse als Tyrann skandalisiert. Das lese ich mit Freude. Sein Laden hat mich zuvor mies behandelt. Häme? Das ist ja eigentlich unchristlich.

Ein misslungenes Dinner in einem sauteuren Edelrestaurant THE KITCHIN in Edinburgh. Der Empfang findet meine Reservierung nicht und verweist uns rüde aus der Tür in einen Abstellraum. Nach langem Hin-und-her bekomme ich einen freien Tisch vor der legendären Klotür. Laune der Blonden im Keller, wie A A Gill sagen würde. Der Weinservice (von einem Sommelier wage ich gar nicht zu reden) echt mies. Das Menu des Hauses fahrig, sehr unterschiedliche Qualität. A A Gill hätte es ein „rip-off“ genannt, einen Nepp. Übrigens heißt der üble Küchenchef wirklich Tom Kitchin (no pun intended).

Dann, wir haben uns bis zum Dessert durchgekämpft, klingelt mein Handy. Ich gehe ran, einen Notfall fürchtend. Es ist das Restaurant, in dem ich gerade sitze. Ich sei ein „no-show“ trotz fester Buchung; sie würden jetzt eine Strafzahlung vom meiner Kreditkarte einziehen. Mühsam meine Fassung wahrend erwähne ich, dass man mir gegenüber die Buchung bestritten habe, mich nach unsäglicher Streiterei aber nun unschwer an dem Tisch vor dem WC finde. Darauf sagt dieses Wesen: „Ooops!“ und legt auf. Am Tisch saftige Rechnung. Zorn bis heute.

Jetzt lese ich in der TIMES, dass der Chef eben dieser Edelhütte ein Unhold sei, zu körperlicher Gewalt neige und sich Frauen gegenüber übergriffig zeige. Der Laden sei erledigt. Nun gut, denke ich, das hat er ohnehin verdient. Eigentlich sollte ich, einem Rat des Neuen Testaments folgend, die linke Wange hinhalten, nachdem man mir auf die rechte geschlagen hatte.

Aber die Blonde ist da alttestamentarischer. Auge um Auge. Und lobt ein anderes Restaurant Edinburghs, das NUMBER ONE im BALMORAL. Dort allerdings lassen sie chinesische Prinzlinge rein, die sich beim Essen gegenseitig fotografieren und filmen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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HONG KONG. ADE.

Man verliert seine Heimat nie, weil sie in der Seele steckt, jedenfalls in den Knochen. Deshalb sehe ich das Romantisieren der Heimatlosen mit großer Nachsicht. In aller Regel hat sie nichts getaugt, deshalb ist man ja gegangen. Aber man vermisst sie wie eine verlorene Geliebte.

Man berichtet mir in der Museums Tavern am Britischen Museum, dass sehr viele chinesische Bewohner Hongkongs in diesen Wochen ihre englischen Pässe bemühen, um sich in dem Vereinigten Königreich eine Existenz aufzubauen. Es gebe eine Sonderkonjunktur in den touristischen Pensionen ("B&B" für "bed&breakfast") mit vermeintlichen Touristen, die wohl in Wirklichkeit Zuwanderer sind. Man sucht eine neue Existenz. Da passt der Brexit wie die Faust auf's Auge.

Ich selbst habe mich 1997 beim sogenannten Hand Over in Hongkong im Foreigner's Press Club (oder so) gründlich blamiert, weil ich die Gefühlslage der Briten und der britisch Gesinnten völlig verkannt habe. Wie die Engländer im 19. Jahrhundert an diese Provinz gekommen sind, ist eine Frage, die zu diskutieren, damals unzeitgemäß war. Vielleicht auch heute noch unzeitgemäß ist. Die Befürchtung der britisch Gesinnten in Hong Kong? Es drohe ein Inkorporation durch den chinesischen Staat. Man sitzt auf gepackten Koffern.

Migration, da zumeist unfreiwillig, ist kein Abenteuer, das mit touristischen Kategorien gemessen werden kann. Sie ist, aus welchen Gründen auch immer, Verlust der Heimat und eine ungewisse Zukunft. Der leichtfertige Spruch "Home is where I hang my hat" zeugt von der Melancholie der Landstreicher. Boxcar Willi. Aber da ist prinzipiell etwas dran: Migration begleitet immer Melancholie.

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SATIRE. BROTLOS.

Satire darf die Mächtigen nicht loben. Das macht nur ihre korrupte Schwester, die Propaganda. Aber es gibt ja nix zu meckern.

Der Bundespräsident hält eine gute Rede. Kompliment an die Redenschreiber. Und Kompliment an den Kerl aus dem Lippischen, der das Amt bekleidet. Den kenn ich 30 Jahre oder länger und hab mir schon oft den Mund verbrannt. Frank-Walter, ich bitte um Nachsicht. Du kannst das. Punkt.

Die Außenministerin macht auf internationalem Parkett eine gute Figur. Kompliment an die Reiseplanung im AA. Und Kompliment an die Dame aus dem Völkerrecht; sie macht das echt nicht schlecht. Oder hatte das nicht schlecht gemacht gehabt, wie sie selbst formuliert. Frau Bärbock, ich bitte um Nachsicht. Über das Plusquamperfekt allerdings sollten wir vielleicht noch mal reden.

Der Bundeskanzler übt sich in Diplomatie. Kompliment an die Auster; das knappe Reden scheint ganz gut geraten. Gute Führung aus dem Bundeskanzleramt, muss man sagen. Merkelsche Kontinuität. Mutti schaut wohlgefällig auf den grinsenden Schwiegersohn, genannt der Schlumpf. Aber die Ampel funktioniert. Läuft bei Euch.

Nur ich, ich geh am Stock. Diese Lobhudelei geht mir nicht von der Feder. Der Geist, der stets verneint, jetzt als jasagende Hofschranze. Bitter. Schlimmer: banal.

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KRET & PLETI.

In England gibt es eine Debatte, ob dem Wunsch von Ushas Mann in Amerika entsprochen werden könne, der gerne schottisch-irischen Ursprungs wäre. Die gebürtige Inderin Usha hätte gern einen katholischen Puritaner zum Mann. Darum sind sie Ostern beim Segen URBI ET ORBI. Was denn nun? Da geht jetzt ja alles durcheinander. Amerikanischer Melting Pot: Kreti und Pleti.

Vorurteilsfrei ist man, wenn ehrlich mit sich selbst, ja selten. Aber es könnte lohnen, nicht der Bequemlichkeit alter Ressentiments zu folgen. Meine Lebenserfahrung ist allerdings, dass am Ende der Übung nur wieder Erkenntnisekel steht. Trotzdem, manchmal lohnt der Blick auf vermeintlich Bekanntes, der es wie wirklich Fremdes betrachtet. Dieses Befremden kann helfen das fälschlicherweise Vertraute zu verstehen. Das ist die Haltung des Ethnologen, der eine gerade entdeckte Kultur von bisher unbekannten Wilden beschreiben will. Wenn ein guter Forscher des Primitiven, verbietet er sich Voreingenommenheit und Arroganz und folgt ehrlichem Interesse.

Ich rate zu einer solchen Haltung auch bei politischen Phänomenen, etwa den neuen politischen Kräften, die uns aus den USA ansprechen. Was ist da eigentlich passiert auf der Münchner Sicherheitskonferenz, als der amerikanische Vizepräsident JD Vance den transatlantischen Konsens in den Senkel stellte? Ich will als sozialer Ethnologe zwei Details zum besseren Verständnis beitragen.

Die wirklich eindrucksvolle Wandlung des armen Hinterwäldlers Bowman, ein protestantischer Hillbilly, zum steinreichen Börsenstar der Neuen Rechten, der sich dann JD Vance nennt, und damit zum Running Mate von Trump II, versteht nur, wer um das evangelikale Bedeutung von SAULUS-PAULUS weiß. Das ist das eine.

Warum dieser Protestant in der Ehe mit einer indischstämmigen TIGER-MAM dann zum Katholizismus konvertiert und von sich (faktenfrei und offen widersprochen) irisch-schottische DNA reklamiert, das begreift nur, wer das Rollenbild von JF Kennedy in der amerikanischen Geschichte erinnert. Ja klar, die Dame Usha arbeitet mit ihrem Bubi am JFK-Mythos; sie ist Jackie. Da entsteht die dritte oder vierte Wandlung des POOR WHITE TRASH zum ultimativ charismatischen PRESIDENT. Das ist das andere.

Die Ideologie dazu nennt sich „postliberal“. Da ist das Problem. Das kriegt Usha so nicht weg.