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MONTANKULTUR.

Am Samstag mit Kutti & Uli Verköstigung eines Rieslings aus dem Elsässischen, ein Clos Ste. Hune von Trimbach; schon ein ganz großes Gewächs. Der Weinbau im hohen Rheingraben ernährte nicht seinen Mann, man legte in den nahen Vogesen im Bergbau auf Erze an. Nebenerwerbslandwirtschaft, es könnte allerdings auch andersherum sein, dass der Pütt die Nebensache war; aber solche Mischformen gab es immer und überall. In den Bergen gegenüber, dem Schwarzwald, fertigten die Bauern im Winter Kuckucksuhren. Dank an Mehmet vom Carl & Sophie für einen grandiosen Abend mit Freunden.

Wo ich geh und steh entdecke ich Montankultur. Im Westerwald hause ich im Buchfinkenland, was ein Spottname war für die bei Sonnenaufgang singend in die Erzgruben der Nachbarschaft ziehenden Bergleute. Zuhause Kuh und Schwein im Stall. Man ging im nahen Holzappel auf Erz, übrigens mit belgischem Know-how, da man bei den Welschen schon verhütten konnte. So wie der Ruhrbergbau nicht ohne die Iren ausgekommen wäre. Siehe Zeche Erin („Eire“/ Ire) in Castrop.

Der Carl von der vorgenannten Sophie war der legendäre „Bimmel-Bolle“, Betreiber einer Großmeierei, die über die Spree mit Milch versorgt wurde. Wegen fehlender Kühltechnik eilend über Pferd und Wagen ausgeliefert, wovon die Glocke am Kutschbock in den Kiezen kündete. So auch auf der von Hugenotten besiedelten Insel Moabit, begrenzt vom Spreebogen und Heimat des Montanmagnaten Borsig, der hier Lokomotiven baute. Zuwanderung aus Frankreich, dann, viel später, Polen, bevor die Türken kamen. „Anton, sächtä Cerwinsky für mich…“.

Jedenfalls sehe ich, wo ich gehe und stehe, Montankultur. Du kriegst den Jungen aus dem Pott; aber den Pott nicht aus dem Jungen.

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VON FREMDEN UND FREUNDEN.

Mir imponieren tüchtige Leute. Das meint keine Potentaten, Kriegsherren oder Wunderheiler. Es meint einfache Leute, die es durch Fleiß zu etwas bringen. Wenn ich ehrlich bin, so verachte ich im Gegenzug die vorsätzlich Faulen. Ich habe insofern eine wirklich sozialdemokratische Seele.

Dazu eine Geschichte. Den größten und schönsten Weihnachtsbaum in meinem Kiez hatte Cem, der türkische Frisör, Meister seines Fachs, kein Neon-Barbier. Man verstehe das als Symbol. Cem ist Sohn eines Migranten, der mit einer Dönerbude am Baumarkt in Brandenburg acht Kinder großgezogen hat; aus allen ist etwas geworden. Migration kann gelingen. Allerdings muss man morgens seinen Arsch aus dem Bett kriegen. Bürgergeld war das ganz falsche Signal.

Ich höre gern die Lebensgeschichten tüchtiger Meister, jener aus der klassischen Handwerkerrolle. Und ich interessiere mich für Migrationskulturen, die, wenn erfolgreich, immer aus Anpassung an die neue Heimat bestehen und zugleich Sehnsucht nach der verlorenen. Aber auch der Sentimentale ist politisch wach. Cem erzählt mit sehr kritischem Ton von einem seiner Brüder, der das autoritäre Regime in der Türkei bewundere, aber froh sei, hier in Freiheit zu leben. Es braucht Freiheitsliebe, auch bei der Religionsfreiheit.

Man wird von Migranten keine Assimilation verlangen, weil sie das als Abwertung ihrer Herkunft lesen, aber erwarten, dass sie die neue Heimat respektieren. In meinem Kiez ist, was das angeht, mancher Türke der bessere Deutsche, scherze ich, während mir die Haare geschnitten werden. Zweite Geschichte. Auf dem Dorf gilt schon der nächste Kirchturm als Fremde. Mir sagt mein Nachbar Helmut, er sei nicht von hier. Er stammt aus dem Weiler auf dem nächsten Berg; man kann hinspucken.

Völlig fremd ist mir die Deutschtümelei der politischen Rechten; ein soziales Gift reaktionärer Menschenverachter. Geradezu  komisch finde ich einen AfD-Idioten in meiner Stammkneipe, der gegen Ausländer pöbelt und einen Hugenotten-Namen trägt. Den Dorfdeppen ziert keine Migration, schon klar. Wir alle sind Fremde, fast überall. Und, so wir wollen, fast immer Freunde.

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HUNGER LOBBY.

Für 12,99 € kann man bei dem Chinesen, in dessen Restaurant ich zufällig geraten bin, so viel essen, wie man möchte. Ein ausladendes Buffet zeigt die ganze Vielfalt der Glutamat-Gourmandise. Essen wie Müllvernichten. Im Fernsehen läuft was mit Trump.

Ich weiß aber: Der Krieg im Nahen Osten wird Hungersnöte um die ganze Welt zur Folge haben; das ist schon jetzt gewiss, selbst wenn er morgen endet. Das hängt an Menge und Preis des Kunstdüngers. Und den explodierten Preisen für Energie. Das sage ich als ehemaliger Direktor der edlen Ruhrgas AG zu Essen.

Der Bundeswirtschaftsministerin wird vorgeworfen, sie habe mal als Gaslobbyistin gearbeitet; was den Lobbyisten der Erneuerbaren Energien als hinreichender Grund ihrer Diskreditierung gilt. Bei diesem Versuch der Ehrabschneidung hilft wenig, dass sie selbst meint, das stimme nicht mal in der Sache. Gaskathy ruft man ihr nach.

Ich habe bei dem Thema ohnehin nichts zu melden. Ich war Lobbyist für deutsche Steinkohle, Strom jedweder Quelle, auch der Kernenergie, Mineralöl, Erdgas, Wind- und Sonnenenergie; wenn ich das richtig sehe, habe ich in meiner Laufbahn, wenn man das so nennen darf, nur Bioenergie ausgelassen, möglicherweise weil es da so unangenehm nach Gülle roch.

Wenn Expertise disqualifiziert, dann wird der Primärenergieträger zum Glaubensgut. Und so ist es ja wohl auch. Es gibt satanische Moleküle. Mit der Dekarbonisierung wird der Teufel ausgetrieben. Weil die Zukunft des Planeten daran hänge. Ich bin vor dieser intellektuellen Engführung nicht nur Konvertit, sondern mehrfach stigmatisiert.

Darf ich mal ausführlicher über Kunstdünger reden? Und dessen Bedeutung für den Hunger der Welt? Unser Tischnachbar muckt auf. Was das denn mit Energie zu tun habe, werde ich im Restaurant von jemanden gefragt, der „all-you-can-eat“ praktiziert. Es gibt Grade der Dummheit, die mich schutzlos zurücklassen.

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NACHRUHM.

Kaum hat er das Zeitliche gesegnet, der sterbenskranke Papst, da folgen sie von vielen Zungen, die NACHRUFE. Ich bemerke eine doppelte Ambition. Einerseits will jeder möglichst schnell dabei sein; als käme es angesichts der Ewigkeit des Todes darauf an. Auch Altkanzlerin Merkel läuft mit ihrer Bewertung auf dem Nachrichtenband im News TV. Man kann sich fragen, was denn eine protestantische Pfarrerstochter aus dem Osten hier zu vermelden hat. Aber sie liefert prompt eine Würdigung.

Das zweite, nach diesem Hasenrennen der Kommentatoren, ist ein eigenartig bitterer Ton in den Nekrologen. Nichts, was intellektuell schiene oder gar pompös. Bei allen Stimmen schwingt mit, sagen wir es offen, dass der dicke Argentinier eigentlich zu dumm für Papst war. Deshalb wird ihm Barmherzigkeit bescheinigt und ein Menschenfreund gewesen zu sein. Man kennt solche Töne aus der Sonderpädagogik. Diese mangelnde Statur wird sowohl im Theologisch-Systematischen bemerkt wie auch in der Führungsbrillanz einer Weltkirche.

Sagen wir es offen: Es drückt das Vorbild des noch lebenden Vorgängers, den sie den Bücher-Ratz nannten (weil sein Bruder der Orgel-Ratz war). Überhaupt ein großer Gläubiger, weil er den fast häretischen Mut hatte, dem Herrgott zu kündigen, bevor dieser ihn durch Tod ablöste. „Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“ Soviel Demut ist ein ganz eigener Stolz.

Ich bin religiös unmusikalisch und will dem geschiedenen Papst nichts oder seinen Gläubigen; aber die Nekrologe faszinieren mich, weil sie auf so einem steilen Grad wandeln zwischen Mitgefühl und Schönfärberei. Man will ja nichts sagen, aber direkt lügen, das möchte man auch nicht. Das ist der Hochseilakt, den PR als Fach ausmacht. Und ich hätte gerade deshalb den Wunsch, dass man bei meinem Tod bitte die Klappe hält. Der Einzige, der da was Angemessenes vortragen könnte, der lebt ja dann nicht mehr.

Jetzt noch mal zu Mutti. Wir zahlen der Altkanzlerin in Berlin ein Büro mit neun Mitarbeiterinnen, obwohl sie kein Amt mehr hat. Und haben genau dies Altkanzler Schröder aus politischer Missgunst gestrichen. Muttis Sohnemann Friedrich ist ja noch nicht bestallt, aber diese Peinlichkeit könnte er als erste Amtshandlung korrigieren. Oder die neue Parlamentspräsidentin? Das würde mir gefallen. Von anderen Kabinettsmitgliedern der neuen Bundesregierung erwarte ich diese Größe nicht. Auch bitter.