Logbuch

LEERE STADT.

Hölderlin war nie im Hyatt. Es gibt eine Lyrik des lieblichen Ortes, aber keine Gedichte über Häuserschluchten. Jedenfalls keine gelungenen. Metropolen sind als „locus amoenus“ belanglos.

Mainhattan. Lobby des Frankfurter Hofs, mal das erste Haus am Platz. Piefige Sitzmöbel mit Seilen versperrt. Bar nachmittags ohne Service. Ein kitschig gekleidetes Hochzeitspaar lässt sich orientalisch ausladend im Gang ablichten. Zimmer dreihundert Ocken oder mehr.

Direkt dahinter: Motel One. Gesamte Lobby eine dezent beleuchtete Bar. Angebot eng, aber Service gut, Preise fair. Zimmer zur Zeit teuer, nämlich 139. War auch schon 69. Gute Betten. Was soll ich sagen? Die Aldisierung des Luxus. In einer abgerockten Metropole.

Weg vom Bahnhof über den Kiez. Kaiserstraße: Junkie-Elend allenthalben. Aber dann geordnete Schlange vor Louis Vuitton, geduldige Asiaten. Sehe bei Omega im Fenster meine Uhr, für die ich mal knapp 3k an DM gezahlt habe, jetzt für 9500€. Faktor 10. Obszöne Inflation.

In der Fressgasse keine Rindswurst im Angebot. Das hat es immer rausgerissen, dieses edle Erbe jüdischer Metzger. In die Äppelwoi-Kneipen der Schweizer Straße wage ich mich erst gar nicht.

Metropole ohne Gesicht. Ob es den HÄSSLICHEN HOF wohl noch gibt? Egal. Eine leere Stadt. Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny: „Show me the way to the next whiskybar, oh, don‘t ask why.“

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ROSENKOHL.

Die Königin des Gemüses. Gestern leider halbroh, was der Trottel von Koch „blanchiert“ nennt und aus dem Zuckerwasser („wie bei Spargel“). Barbaren. Kulinarische Nachhilfe.

Der international Brüssel oder Brabant zugewiesene Sprossenkohl wird vorsichtig vom Strunkansatz befreit, aber niemals roh zerteilt, schon gar nicht geviertelt. In Fleischbrühe kurz, aber kräftig aufkochen. Bei Tiefkühlware länger. Eine Casserole fetten (Olivenöl und Butter) und befüllen. Scharf anbraten, dann eine halbe Stunde bei kleiner Hitze simmern lassen. Schmoren erwünscht, deshalb nicht zu häufig wenden. Erst zum Schluss salzen und pfeffern (grober schwarzer), Muskatnuss. Beim Speisen je einzeln zerteilen.

Die Verwendung von Worcestershire Sauce kann toleriert werden, solange damit das englische Original gemeint ist. Der Rest ist Schweigen.

 

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POSITIVISMUS.

Man kann den Teufel nicht mit Belzebub austreiben. Gegen Propaganda hilft kein „fact checking“, das, was früher die DOKUMENTATION in Redaktionen machte und heute als CORRECTIV naive Jungjournalisten in Schülerzeitungsmanier. Ein philosophischer Exkurs.

Mit Donald Trumps „alternativen Fakten“ entwickelte sich das fahrlässige BULLSHITING, die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit, in vorsätzliche PROPAGANDA. Darin wurde die Presse zum „Volksfeind“ („enemy of the people“). Sie wehrte sich, indem sie ihre DOKU öffentlich machte; das ist die interne Überprüfung von Fakten. Ein oberflächliches Unterfangen zur Vermeidung grober Fehler. Zumindest die Namen sollen richtig geschrieben sein (das Curt-Jürgens-Theorem).

Die Relotius-Affäre beim Spiegel hat bewiesen, dass man so Fiktionalem gar nicht auf die Spur kommt. Philosophen kennen das Problem als POSITIVISMUS. Man unterstellt vagen Indizien die Aussagekraft schlüssiger Beweise und formt so aus vermeintlichen Fakten veritable Verschwörungstheorien. Haltet den Dieb! Im Endeffekt wird mit Tatsachen gelogen; ja, das geht. Ja, das ist notorisch.

Ich kenne dazu ein jüngstes Beispiel, in dem ein historischer akademischer Austausch mit russischen Wissenschaftlern zur Kriegstreiberei gegen die Ukraine stilisiert wird, also zu Völkermord. Eine ungeheure Diffamierung lauterer Leute. Denn auch die Propaganda für die gerechte Seite ist Propaganda. Mich stört nicht die Parteinahme in einem Konflikt, sondern der inquisitorische Wahrheitsanspruch, der die Häupter der so Verleumdeten der Guillotine anvertraut. Und „hoppla“ feixt, wenn sie über‘s Pflaster rollen.

Ich traue diesem POSITIVISMUS nicht. Ich habe Philosophie studiert.

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VOM HIMMEL IN DIE HÖLLE.

Bitter, wenn die Verteufelung allein nicht mehr hilft. Sondern auch noch nützt, dem Bösen. Man kann als Engel nicht durch die Hölle fliegen, ohne sich die Flügel zu versengen.

Die AfD käme, wäre Sonntag wieder Wahl, nicht nur auf ein gutes Viertel der Stimmen, sondern wäre auch stärkste Fraktion im Bundestag. In einigen Regionen des Landes erzielte sie gar die absolute Mehrheit. Ich schließe nicht aus, dass sie die Sperrminorität im Parlament weiter ausbauen und damit stabil innehalten könnte.

Die Rechtspopulisten haben zudem vielerorts Freunde an der Macht, neuerdings auch deutliche Sympathie aus Amerika. Man ist nicht in der EU vor ihnen sicher, auch nicht in der NATO. Die kritische Wahrnehmung all dessen in meinem Vaterland darf nicht davor täuschen, dass die GRÜNEN abgestraft sind und die mächtige SPD bei schlappen 15% agiert; trotz breiter Unterstützung durch Zivilgesellschaftliches.

Das alles darf eigentlich nicht sein, wenn man die Demokratie aus der Perspektive aller anderen Parteien versteht. Es droht, wenn man den Roten folgt, dass die Höllenpforten geöffnet werden und sich eine Machtergreifung des Faschismus wiederholt. Dieses Szenario schreckt viele Bürger, aber nicht mehr die Wähler der AfD. Genau da ist des Pudels Kern.

Wenn die Brandmauer besagt, dass man mit der AfD offiziell keine Regierungskoalition eingehen wird, so könnte ein Weg ja darin liegen, dass man deren Politik verdeckt kopiert und so die verlorenen Wähler zurückgewinnt. Begleitend könnte man deren Parolen kriminalisieren und den Staatsapparat repressiv walten lassen. Das scheint mir der letzte Stand der höheren Staatskunst zu sein. Zweifel am Erfolg sind erlaubt.

Also wird man mit den Wählern der AfD reden müssen und der AfD. Man wird sich dabei die Flügel versengen. Trotzdem Zeit, Verantwortungsethik über Gesinnungsoptik zu stellen.