Logbuch
MÄNNERGRIPPE.
Der Mann ist das empfindsamere Wesen. Jedenfalls das empfindlichere. Das hat die Natur so gewollt, weshalb die Frauen die Kinder kriegen. Und die Kitas spielen in der frühkindlichen Erziehung die ganz wesentliche Rolle der Durchseuchung mit insgesamt 60 Infekten. Beides zusammengenommen führte dazu, dass ich Männergrippe habe. Und zwar echt schlimm. So schlimm, dass ich den Hausarzt aufsuche. Wg. Rezept.
Ich will harte Drogen. Weil viel hilft viel. Es ist mir so elend, dass ich gern ein Bombenantibiotikum hätte, so ein Mega-Peniszilin. Und diese Schmerzmittel für Pferde, die man auch auf der Drogenszene verticken kann, weil sie als halal gelten. Gern auch eine Kernspinntonographie. Auf keinen Fall etwas Homopathisches; das ist mir zu schwul. Mein Hausarzt ist von großer Geduld und einiger Erfahrung.
Mein Elend ist viral, sagt er; da hilft kein Peniszilin. Er rät zu Kapuzinerkresse und Mehrrettich. Alta, ich sterbe und die geben mir Brunnenkresse und Radi. Ein pflanzliches Medikament? Ökokacke! Wenn es dann nicht in drei Tagen besser sei, solle ich eine Mail schreiben. „Dann ändern wir die Strategie.“ Ich habe dann vergessen, ausdrücklich nach Fentanyl zu fragen.
Mir ist besser. Vom Totenbett auferstanden. Wird wohl nix mit den Opiaten, die ich auch im Görli verticken kann. Kresse oder Mehrrettich gehen da eher nicht, vermute ich. Das war knapp.
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HOPPLA HOPP.
Gestern habe ich eine wirkliche Überraschung erlebt. Ich biege in der hässlichsten Stadt Deutschlands um die Ecke in ein besonders hässliches Gewerbegebiet und finde unter den industriellen Monstern dort eine Leichtmetallhalle erheblicher Größe, gesichert wie ein Camp in Afghanistan. Hinter dem Stacheldraht erblicke ich dann die Denomination. Ich stehe vor einem Hauptverhandlungssaal des Oberlandesgerichts Frankfurt.
Befinden wir uns im Krieg? Es scheint so. Es wird hier verhandelt gegen HEINRICH XIII PRINZ REUSS. Die Ultranationalisten stehen vor Gericht, weil sie einen Staatssturz geplant haben sollen; ich gestehe, ich hatte das Thema nicht ernstgenommen. Jetzt sehe ich eine improvisierte Aufrüstung, die mich irritiert. In Moabit haben wir eindrucksvollere Gerichtsgebäude, gut, zugestandenermaßen aus einer anderen Zeit. Wahrscheinlich jener, in die HEINRICH XIII zurückwill.
Architektur öffentlicher Gebäude ist immer auch Symbol der Macht gewesen. Es sollte die Würde des Staates zum Ausdruck kommen, wenn in Roben gegen die Würdelosen verhandelt wurde. Ich habe beim Amtsgericht mal die Richterin mit „gnä‘ Frau“ angeredet und wurde scharf dahingehend belehrt, dass es „Frau Vorsitzende“ heißt; meine Sache war so aussichtslos, dass mein eigener Anwalt von einem Plädoyer abgesehen hat. Ich hatte eine Geschwindigkeitsüberschreitung mit einer Fluchtfahrt vor angeblichen Terroristen begründet. Ich bin meine Fleppe natürlich trotzdem losgeworden.
Mir gefällt diese Stacheldrahtlager-Symbolik nicht. Das hat etwas Improvisiertes. Stammheim in Leichtbau. Ich überlege, ob der historische Vergleich angemessen ist, möglicherweise nicht; aber diese ad-hoc-Justiz, die befremdet mich.
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GENERATIONSKONFLIKT.
Was eine Demokratie ausmacht, das ist oft nur das Urteil der Historiker, also rückblickend. Oder die Wähler, die einem System die Zustimmung entziehen; Regierungen werden immer nur abgewählt, und zwar, wenn es dem Souverän mit dem alten Regime reicht. Auch rückwärts gewandt. Wehe, wenn es dem Volk reicht. Da hilft auch nicht mehr, wenn Olaf Correctiv und die Omas gegen Rechts schickt.
Die Republik (eine öffentliche Angelegenheit, wörtlich übersetzt) verfügt über vier Gewalten; die gesetzgebende, die rechtsprechende und die exekutive. Die Gewalten sollten geteilt sein, damit die Herrschaften sich gegenseitig kontrollieren, bevor der Wähler sie kassiert oder die Geschichtsschreibung sie in die ewige Verdammnis schickt.
Dabei erinnere ich das Urteil einer Dame des englischen Hochadels, die, als ihre ledige Tochter (deren leiblicher Vater nicht seine Lordschaft war), schwanger vor der Familie stand, versicherte, dass sie die Frage nach dem Vater gänzlich in ihrem Belieben beantworten könne. „That is a Ladies prerogative!“ Das sei das Vorrecht einer Dame. Ich stimme zu. Mütter haben Vorrechte, auch dieses.
Die vierte Staatsgewalt ist die prärogative, nämlich im Notstand auch gegen seine eigenen Grundsätze entscheiden zu dürfen, wenn er das für unumgänglich hält. Etwa beim Ausbruch einer Seuche. Die Macht hat, wer den Notstand erklären kann. Siehe Corona und der Hausarrest im Wege einer Verordnung, nicht mal eines Gesetzes. Mittels der Expertise von Tierärzten.
Die Prärogative von Ihro Gnaden endet im Recht der Infantin, nämlich zu erfahren, wer ihr leiblicher Vater sei. Wenn der klug ist, folgt er der Ansage von Mylady. Die Prärogative des Corona-Regimes endet jetzt: alle Akten ungeschwärzt auf den Tisch. Dann folgen die Urteile von Wähler und Historiker.
Die Notverordnungspolitik der Tierärzte verliert ihre Kraft. Es ist wie bei der Pest: die Überlebenden haben das Sagen. Das Prärogativ künftiger Generationen. Bald also die Rache der eingesperrten Kinder und Kindeskinder. Oder deren Mütter. Gemütlich wird das nicht. Wir werden uns viel zu verzeihen haben.
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NEUE WELT, TAPFER.
Die Zukunft beginnt heute, wenn sie nicht schon gestern begonnen hat und wir es verschlafen.
Ein Freund berichtet aus Fernost per WhatsApp-Call. Ich höre die vertraute Stimme nicht nur aus einer entlegenen Welt; sie berichtet auch aus einer fernen Zeit. Ich fühle mich jetzt, da ich dies notiere, wie George Orwell, der 1948 von 1984 berichtet. Er war übrigens für die britische Regierung in deren Kriegspropaganda tätig und wusste aus eigener Erfahrung, wie dabei gelogen wird. Auch bei „London calling“, dem meiner Vorfahren wahrheitshungrig auf dem Dachboden lauschten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Aus den USA kommend sei er, erzählt mein Freund, in der chinesischen Industriemetropole spät am Abend hungrig gelandet und habe wohlweislich noch am Flughafen die Restbestände örtlicher Währung von seinem WeChat-Account in Bargeld getauscht. Er hatte auf dem Nachtmarkt anderer Metropolen wunderbare Garküchen in Erinnerung, die seinem Appetit zu Willen sein sollten. Deshalb besser „Cash auf de Tesch“.
Im Hotel keine Restauration. Der Concierge erheitert über seine Fragen zu nächtlichen Restaurants; da erinnere er wohl Hong Kong oder Singapur (beide Nennungen schütteln den braven Mann vor Ekel). Mit Cash fange man hier gar nichts an. Er solle sich über WeChat etwas auf‘s Zimmer bestellen. Da war aber der Etat gerade geleert. Mein Freund weckte einen anderen Ex-Pat vierhundert Kilometer entfernt und bat diesen, ihm ein warmes Mahl zu ordern. Der sagte ihm noch, er solle darauf nicht in der Halle warten. Der Room Service brächte es auf‘s Zimmer.
Eine halbe Stunde später klingelt es an der Tür seines Hotelzimmers, er öffnet, niemand steht dort. Dann bemerkt er in Kniehöhe den kleinen Roboter, dessen Anzeigetafel ihn bittet seine Bereitwilligkeit zu erklären. Ein Fach springt auf und gibt ein Paket dampfender Teigtaschen frei. Der Empfang wird durch Knopfdruck bestätigt. Nun darf er bewerten, wie zufrieden er mit dem Service der blinkenden Büchse ist. Der Wicht rauscht ab.
Mit halbem Auge sieht er noch, wie er im Aufzug verschwindet. Stellt sich zum Dessert die Frage, wie der Blechgnom an die mannshohe Türklingel gekommen ist. Oder in den Aufzug. Mein Freund vermutet, dass er auf die Elektronik des Hotels zugreife. Die Teigtaschen seien nicht schlecht gewesen; die nähme er noch mal. Seinen Geschmack kenne das System jetzt ja. Müssen nur noch frische Dollars auf WeChat. Brave new world.