Logbuch

HELDEN.

Mir gehen zwei Polizisten nicht aus dem Kopf. Der eine, ein junger Mann von keinen dreißig Jahren, verlor sein Leben im Dienst. Bei einem Attentat auf einen Anti-Islamisten stach ihn ein Islamist nieder. Zu beiden habe ich eine Meinung, die spezifischer ist als das Geschwurbel des Herrn Bundespräsidenten, der die allgemeine Verrohung im Land beklagt.

Mit dem getöteten Polizisten hält die Demokratie den Kopf hin, so wie sie es mit jedem Lehrer, jedem Sanitäter, jedem Feuerwehrmann tut. Wir bezahlen diese Helden nicht mal anständig. Wir schulden ihnen Respekt, weil sie jene sind, die Frau Merkel meinte, als sie anordnete, dass „wir“ das schaffen.

Und dann ist da im gleichen Einsatz der Polizist, der seine Waffe zog und schoss und den Attentäter traf. So, wie man um seinen Kollegen zu trauern hat, ist er zu loben. Er sollte um seiner Sicherheit Willen anonym bleiben können, aber ich weiß ihn zu schätzen. Danke!

Am Ende der Ursachenkette steht der Satz, dass unsere Sicherheit am Hindukusch verteidigt werde. Den höre ich heute wieder, mit anderen Ortschaften. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Es gibt kein letztes Ende der Ursachen und nicht nur eine Kette. Aber vieles hat mit amerikanischer Außenpolitik zu tun. Der bayrische Jude Henry Kissinger konnte das gut erklären, weil er sie zugleich verkörperte. Ich habe mit ihm darüber gesprochen, als ich ihn für ein Buch über seinen Fürther-Fußball-Verein begeistern wollte. Alles hängt mit allem zusammen.

Logbuch

MORGENSTUND.

Es ist fünf Uhr - Paris erwacht. Das ist der Refrain eines Liedes, das mich Ende der Sechziger Jahre faszinierte. Ich hatte als Pennäler das Glück eines Parisbesuches und erlebte die Metropole mit den noch frischen Spuren der Studentenrebellionen. Man idealisierte das und skandierte klammheimlich mit: „flic, faschist, assassin“. Was falsch und dumm war, aber revolutionsromantisch.

Das erwachende Paris sah, so der Chansonsänger, neben den Bäckern und Arbeitern auch die Stripteasetänzerinnen und Transvestiten, die die Bars verließen. Paris erwacht. Das war für einen Pubertären aus der deutschen Provinz natürlich schon als Vorstellung aufregend. Die Gaslaternen der Großstadt haben das „carpe noctem“ geschaffen, die Erfüllung des Molochs mit Verruchtheit. Rote Mühle. Strangers in the night, für die Romantiker englischer Zunge.

Warum schlafen wir? Eine ungeklärte Frage. War das in der biologischen Evolution ein Diktat der Dunkelheit? Alle Säugetiere machen das wohl, sich auf‘s Ohr zu legen. Wir sind, wie die Batterie-Autos, für Dauerbetrieb irgendwie nicht gebaut. Und dem Schlaflosen künden morgens um vier, dass es bald hell wird, die Vögel mit einem Gesang, dessen biologischer Sinn sich mir auch verschließt.

Aber so ist Evolution. Es gibt keinen erhabenen oder gar vorausgehenden Sinn, der umzusetzen ist. Die Natur hat keine Ziele höherer Art. Sie lässt langfristig bestimmte Eigenarten leichter überleben als andere. Und warum dann ausgerechnet der Homo Sapiens aus Afrika es geschafft hat, der Neandertaler aus Düsseldorf aber nicht (obwohl man sich verkuppelte), das weiß man nicht. War das mit der Düsseldorferin Agnes Strack-Rheinmetall abgestimmt? Und warum verlieren die Borussen gegen die krummbeinigen Spanier? Die Natur hat keinen Verstand, sie lässt gedeihen oder nicht. Wie man das für eine Idylle halten kann, wissen die Götter.

Logbuch

VERSCHWÖRUNG.

Was muss es eine Erleichterung sein, die WELTFORMEL gefunden zu haben, die aus Komplexität und Kontingenz befreit. Es muss beglücken, wenn das Leben nicht mehr ein diffuses Schreckenskabinett von Fremdem ist, ein Konglomerat von Zufällen und bösen Absichten oder eigenen Fehlern, von Banalem oder Bösem, jedenfalls dunklen Kräften und dummen Kapriolen. Ich rede von den BESONDERS AUFGEKLÄRTEN, Querdenker genannt.

Selig, wem die Welt als Verschwörung erscheint. Man mag dann zwar Opfer sein, aber wenigstens Opfer ein und derselben Misere epochalen Ausmaßes. Das Banale bekommt Bedeutung, jedwede Unpässlichkeit erweist sich als Ausdruck von Weltgeschichtlichem. Für alles gibt es einen Grund; der ist zwar verborgen, aber das kann den Verschwörungstheoretiker nicht blenden. Er weiß hinter allen ERSCHEINUNGEN ein WESEN zu erkennen. Einen Leviathan!

Wer derart eine WELTFORMEL für sich gefunden hat, wirkt dann beseelt bis besessen von dem Bestreben, diese Formel in allem und jeden wiederzufinden. Vermeintliche Widersprüche im Wirklichen werden belächelt; man weiß es ja besser. Es entsteht der FANATISMUS des Rechtgläubigen. Dem distanzierten Beobachter erscheint die Weltsicht der BESONDERS AUFGEKLÄRTEN, denen jeder Zweifel abhanden gekommen ist, als MANIE, eine milde Form des Wahnsinns.

Wer ist schuld? So lautete die Frage der dahingerafften Bevölkerung in der mittelalterlichen Pest. Und es waren, so der Mythos, die brunnenvergiftenden, kindermordenden Juden. Wer will schon Opfer von Flöhen und Ratten sein? Oder von seinen eigenen Hygienemängeln? Wenn es nicht mehr Satan war, dann die Illuminaten. Oder die Freimaurer? Oder alle drei? Auch der Marxismus-Leninismus ist nicht frei von der Imagination einer Weltherrschaft, Imperialismus genannt. Der Faschismus schließlich wusste die US-Börse mit den (!) Juden zu verbinden und einer Rassenlehre. Lässt sich in „Mein Kampf“ schon früh nachlesen; daraus hat „der Führer“ kein Geheimnis gemacht.

Während der COVID-Pandemie erreichte auch die transferernährten Sesselpuper im „indirekten Bereich“ (Industriejargon) das Gefühl, dass Staat immer staatliche Gewalt (sic) ist und man besann sich auf anthroposophische Impfängste. Jetzt verschmelzen hier bequemer Pazifismus mit Homöopathischem, grünen Mythen und palästinensischer Che-Guevara-Guerilla-Romantik zu einem Selbstmitleid der „chatting classes“ und ihrer wohlstandsverwahrlosten Blagen, nämlich unter einem umfassenden Notstandsregime leben zu müssen, wo ein Wahrheitsdiktat herrsche. Apokalypse!

Also, ich bin mehrfach geimpft und sage hier, was ich will. Und nein, niemand holt mich morgen ab. Und meine Verlustangst wegen fehlender Weltformel, die hält sich in Grenzen.

Logbuch

NEUE WELT, TAPFER.

Die Zukunft beginnt heute, wenn sie nicht schon gestern begonnen hat und wir es verschlafen.

Ein Freund berichtet aus Fernost per WhatsApp-Call. Ich höre die vertraute Stimme nicht nur aus einer entlegenen Welt; sie berichtet auch aus einer fernen Zeit. Ich fühle mich jetzt, da ich dies notiere, wie George Orwell, der 1948 von 1984 berichtet. Er war übrigens für die britische Regierung in deren Kriegspropaganda tätig und wusste aus eigener Erfahrung, wie dabei gelogen wird. Auch bei „London calling“, dem meiner Vorfahren wahrheitshungrig auf dem Dachboden lauschten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Aus den USA kommend sei er, erzählt mein Freund, in der chinesischen Industriemetropole spät am Abend hungrig gelandet und habe wohlweislich noch am Flughafen die Restbestände örtlicher Währung von seinem WeChat-Account in Bargeld getauscht. Er hatte auf dem Nachtmarkt anderer Metropolen wunderbare Garküchen in Erinnerung, die seinem Appetit zu Willen sein sollten. Deshalb besser „Cash auf de Tesch“.

Im Hotel keine Restauration. Der Concierge erheitert über seine Fragen zu nächtlichen Restaurants; da erinnere er wohl Hong Kong oder Singapur (beide Nennungen schütteln den braven Mann vor Ekel). Mit Cash fange man hier gar nichts an. Er solle sich über WeChat etwas auf‘s Zimmer bestellen. Da war aber der Etat gerade geleert. Mein Freund weckte einen anderen Ex-Pat vierhundert Kilometer entfernt und bat diesen, ihm ein warmes Mahl zu ordern. Der sagte ihm noch, er solle darauf nicht in der Halle warten. Der Room Service brächte es auf‘s Zimmer.

Eine halbe Stunde später klingelt es an der Tür seines Hotelzimmers, er öffnet, niemand steht dort. Dann bemerkt er in Kniehöhe den kleinen Roboter, dessen Anzeigetafel ihn bittet seine Bereitwilligkeit zu erklären. Ein Fach springt auf und gibt ein Paket dampfender Teigtaschen frei. Der Empfang wird durch Knopfdruck bestätigt. Nun darf er bewerten, wie zufrieden er mit dem Service der blinkenden Büchse ist. Der Wicht rauscht ab.

Mit halbem Auge sieht er noch, wie er im Aufzug verschwindet. Stellt sich zum Dessert die Frage, wie der Blechgnom an die mannshohe Türklingel gekommen ist. Oder in den Aufzug. Mein Freund vermutet, dass er auf die Elektronik des Hotels zugreife. Die Teigtaschen seien nicht schlecht gewesen; die nähme er noch mal. Seinen Geschmack kenne das System jetzt ja. Müssen nur noch frische Dollars auf WeChat. Brave new world.