Logbuch

MUTTER DER PORZELLANKISTE.

Sehe mir in einer 300 Jahre alten Bibliothek im Hessischen Handschriften an, die dort schon gut zweihundert Jahre liegen. Genauer gesagt: Die Fachleute klauben die alten Briefe aus Folianten und behandeln sie wie rohe Eier. Vorsichtig werfe ich einen scheuen Blick darauf, berühre aber nichts. Briefe eines kranken Dichters an seine Mutter.

Was mir auffällt: Niemand von den Archivaren trägt weiße Handschuhe. Man hält die Kostbarkeiten mit bloßen Händen. Ich frage. Das mit den weißen Handschuhen mache man nur, wenn das Fernsehen komme. Gründliches Händewaschen sei wichtig, aber eben auch, dass man sein Fingerspitzengefühl erhalte. Die weißen Handschuhe schadeten mehr als sie nützten; sie seien ein Laienschnack.

Ähnliches gilt für die Spitzengastronomie, wo natürlich mit bloßen Händen gearbeitet wird. Außer das Fernsehen schaut zu. Die Nation vor der Glotze will Handschuhe sehen; neuerdings sind sie schwarz, die Schützlinge. Hygienisch kein Vorteil, wenn sie eine ganze Schicht durchgetragen werden. Aber der Laie will nichts essen, wo schon jemand mit den Fingern dran war.

Eine ähnliche Diskussion kenne ich von Chirurgen, aber das würde jetzt doch zu sehr beunruhigen, wenn man das ausbreiten würde. Vielleicht wollten mich die Herren an den Skalpells auch nur auf den Arm nehmen. Gerade Fachleute neigen gegenüber Laien zu schwarzem Humor. Mit Gummi ist mir trotzdem lieber.

Warum allerdings der Heckwischer meines Autos in der Waschanlage so einen albernen Gummischutz erhält, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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KLEIDER-CODE.

An der Rezeption eines Berliner Hotels der gehobenen Klasse steht gestern Abend ein stiernackiger Herr im weißen, deutlich zu kleinen Bademantel des Hauses und den dazugehörigen Badelatschen, allerdings in schwarzen Socken. Er hat eine Frage. Neben ihm eine jüngere Frau in schwarzer Jeans und Stiefeletten. Er tatscht ihre Gesäßtasche. Es verschlägt mir als unfreiwilligem Zeugen den Atem.

Es kann ja passieren, dass man solchen Gästen im Aufzug begegnet, auf deren Weg in die häusliche Sauna. Das ist schon peinlich. Aber in der Halle. Mit dieser Körpersprache? Wir erleben, was Kleidung angeht, einen INFORMALITÄTS-SCHUB, der seinen Ursprung in der FKK-Kultur der DDR haben könnte, aber eher schon Ausdruck dessen ist, was der LOCKDOWN zerstört hat. PYJAMA-POWER.

Ich will gar nicht wissen, was die Leute im HOME OFFICE tragen. Eine Verkäuferin bei meinem Herrenausstatter erzählt mir, sie verkaufen insbesondere bei Damenmode nur noch Oberbekleidung. Unten rum sei ja egal. Fassungslos.

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NARRATIV.

Jeder Simpel spricht heutzutage von anderen „Geschichten“, die jetzt mal erzählt werden müssten. Der Rufmord kommt modern daher. Dabei ist das uralt.

Aus dem Schatzkästlein des kundigen Thebaners: Trivialmythen dienen den Dummen als Beweis des Bösen oder des Guten. Seit dem Griechen HOMER und früher. MUTTI ist so ein Trivialmythos. Journalisten füllen solche Rahmen („frames“) dann mit Nachrichten. Sie machen Mythen frisch. Das ist der Kern von Presse, alte Mythen als neueste Nachrichten verkaufen.

Als Urvater des Journalismus gilt PIETRO ARETINO, eine loses Mundwerk der italienischen Renaissance. Er war, obwohl Spötter und Lebemann, sehr um seinen RUF & RUHM bemüht. Mit aller gebotenen Unbescheidenheit nannte er sich selbst DER GÖTTLICHE. So zeichnete er mit DPA für „Divino Pietro Aretino“. Das ärgerte seine Kritiker.

So reicherte man die Biografie mit der Episode an, seine Mutter, eine stadtbekannte Dirne aus Arezzo, habe in der Nacht vor seiner Geburt geträumt, sie werde einen Weinschlauch gebären. Dann aber kam sie mit dem Balg Pietro nieder. Der fortan „vom Wein“ als Spottname trug: DI VINO. Das ist hübsch gemein: aus DIVINO wird DI VINO, ein besoffener Hurensohn.

So machten es die Alten Römer. Ihre Gründungsväter Romulus und Remus sollen ja von einer Wölfin gesäugt worden sein. Wolfskinder. Nun, LUPA hatte damals noch eine andere Bedeutung. So wie das „bitch“ (Hündin) heute im Englischen. Aber man stammte natürlich lieber von den Göttern ab als der Sohn einer LUPA zu sein. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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VIZEKANZLER SIMM SALA BIMM.

Ich habe im Romantikhotel zu Wernigerode übernachtet und warte nun vor dem Frühstückssaal darauf, ans Buffet gelassen zu werden. Die Küche ist bemüht, wenn auch ossig. Zum Dinner gestern Abend beim Italiener gleich hier am Marktplatz gegenüber, ein zu gut eingerichtetes Lokal; aus dem Augenwinkel sah ich Dinge, die Petra Reski interessieren könnten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der Ort liegt am Fuße des Brocken, jenes Mittelgebirges, das die Sagen und Märchen als Blocksberg feiern, an dessen Hängen sich seit Jahrhunderten ein Bergbau auf Erze schmiegt. Der Gipfel beheimatet am letzten Apriltag, in der Nacht zum ersten Mai, den Hexensabbat. Ja, ich hatte eine Einladung von Saskia zur Walpurgisnacht.

Ich gebe zu, dass meine Verkleidung zur Hexe etwas von Charleys Tante hatte, aber die Nacht war es wert. Ich war auch nicht der einzige verkleidete Mann. Die gefeierte Saskia hatte ihren Zauberlehrling dabei. Nur Insider mit Leine-Blut in den Adern wussten ihn zu erkennen unter den Lumpen einer alten, etwas dicklichen Hexe.

Nach einem Ausritt auf Besen und Tanz um‘s Feuer wurde geplauscht. Saskia berichtete, wie es ihnen gelungen sei, den Siggi aus dem nahen Goslar aus dem Brandt-Haus zu vertreiben und den Gerd zur Unperson zu machen. Es gab viel gehässiges Gelächter. Als der Morgen mit erstem Licht drohte, schwang man sich auf die Besen und verflog.

In Berlin wird der Spuk freilich weitergehen. Saskias Zauberlehrling steht als Vizekanzler an und Finanzminister. Wer an der Leibnitz zu Hannover Soziologie studiert hat, der kann das. Ich habe da mal bei einem wunderbaren Linken Gescheites zu Marx gehört. Namen habe ich vergessen, aber die Veranstaltung war morgens um halbe Acht; damit keiner kam.
Außer ich, der Heino und die Zauberlehrlinge.