Logbuch

PFLOGBLÖTE MIT CEM BALO.

Der Sommerhitze entfliehend wohne ich in einem kühlen Dom zufällig einer lebendigen Orchesterprobe bei; es gibt den Engländer Händel, den ich auch als Unmusikalischer zu verstehen glaube. Mein grundsätzliches Problem bei Klassischer Musik liegt in der Ignoranz, die fehlende musikalische Bildung nach sich zieht; man hört ja nur, was man schon weiß. Dem Idioten ist alle Musik Geräusch.

Derart unterbeschäftigt, schaue ich mir die Musiker an. Mir fällt auf, dass sie alle auf eine eigenartige Weise herumhampeln und Fratzen schneiden. Gibt es das, eine mysteriöse Musiker-Mimik? Wohl kaum als klaren Code, da unterschiedliche Instrumente unterschiedliche Körpersprachen bedingen. Man kann dem Posaunisten schlicht nicht vorwerfen, dass er auf dicke Backe macht. Ich konzentriere mich auf die Blockflöte und das Cembalo und sehe unter dem individuell Verquerem geheime Gesten der Verständigung, etwa zu Einsätzen. Sie schneiden unterschiedliche Grimassen, aber simultan.

Das bringt mich auf die Idee einer Geheimsprache, hier kurzer Blicke und winziger Gesten, mit denen sich die derart Orchestrierenden verständigen. Man sollte mal eine Doktorarbeit vergeben zur nonverbalen Kommunikation von Dirigenten mit ihren Orchestern. Könnte zeigen, dass die Geräuschemacher den Algorithmus ihrer Notenblätter durch Fratzenschneiden und Blickewerfen okkult überstrukturieren. Kybernetik Zweiten Grades. Das wär ein Ding.

Schlaues von der Kybernetik oder Binse für jedes Musikschulkind? Ich wette: beides.

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NUR IM ERSTEN.

Die ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN haben einen Hauskabarettisten, der sich „Dieter Nuhr im Ersten“ nennt und so schon ausweist, was er als seine Rolle begreift. Ich finde ihn abgeschmackt und seine TV-Show eine peinliche Retorte, weil sie seine auswendig gelernten Scherze mit fremden Zuschauerlachen montiert, obwohl unterschiedlichen Ursprungs. Kolportage, eine Blamage. Unterhaltungshumor als Fertiggericht.

Ich habe mal mit seinem Produzenten zusammengesessen, der rühmte, dass „der Dieter“ (nur im Ersten) seine Texte selbst schriebe, während andere (er nennt Namen) für sich texten ließen. Nun, das ist jetzt gründlich schiefgegangen. Nur im Ersten wurde von Nuhr im Ersten unterstellt, dass sich weibliche Mordopfer auf Zufallssex ohne Ansehen der Person einließen. Frauen, die rumficken. Täter-Opfer-Umkehr: brüllkomisch. Empörung im Netz. Ein Gag ging daneben; das passiert.

Was mich an diesem Spaß-Spießer weit mehr stört, das ist seine Routine, wo er woken Widersinn billig veralbert und ausgerechnet die piefigen Piefkes, sprich sein Publikum, sich vor Glück nicht lassen können. Mancher Gag ist gelungen, sein Publikum ist schlicht ekelhaft. Kleinbürger, die über Proleten lachen. Dieter Nuhr ist der Heinz Ehrhardt der Baby-Boomer, ein Witzchenreisser für Realschullehrer. Paaah, wie profan.

Was das breitere Publikum, weil nur im Ersten, nicht so weiß, in seiner Freizeit ist der Dieter auch noch Künstler. Er montiert (siehe oben) Graphisches mit Fotografischem zu Bildern, die wir Normalsterblichen allerdings schon von IKEA kennen. Es gibt Fotobände mit dem blasierten Quatsch. Nuhr ist die Aufzugsmusik der Bildenden Kunst. Ebenso ambitioniert wie abgeschmackt.

Mein Rat: Er möge sich auf seine Rolle als Ansager fremder Äußerungsakrobaten beschränken und ansonsten Mutti in Ratingen beim Einkaufen helfen. So sah ich ihn kürzlich. Der Hausmann als Hampel. Sie hätte sich ja mal vorher angucken können, mit wem sie… Sie wissen schon.

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WELTMÄNNISCHES.

In der friedlichen Sommerfrische eines frühen Sees lese ich eine Stadtgeschichte von einem nun wirklich fernen Ort; ich blättere in den Annalen Thessalonikis, das ist im Norden des Helenischen Reiches, in Mazedonien. Der Ort muss seinen Charme gehabt haben, sonst hätten sich nicht Generation über Generation die Kehlen durchgeschnitten, um hier eine vorübergehende Heimat zu finden. Ich lese von Herrschaften des Byzantinischen, des Osmanischen, der immer großkotzigen Römer, von kleinen jüdischen Siedlungen ursprünglich spanischer Juden. Slawen haben auch hier gesiedelt.

Ein Viel-Völker-Reich unterschiedlicher Regentschaften, immer neue Fremde rauften sich zusammen. Einen Tempel als Moschee genutzt, dann als Kirche geweiht, dann zur Markthalle erblüht. Bevor man hieran als Symbol Gefallen findet, welch ein Menschenbild? Wir sind doch wirklich ein unfriedliches Pack als Erdenbewohner. Immer wieder treffen wir als FREMDE aufeinander, wo Vertrautheit erst als Ausnahme entstehen muss, wenn der andere sich nicht vorher von seiner schlechtesten Seite hat zeigen dürfen. So bilderreich die Geschichte, so elend das sich dabei offenbarende Menschenbild, nicht in den Bibeln, aber in den Geschichtsbüchern.

Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein. Neben meiner Idylle all überall Niedertracht, Verrat, Verbrechen. Aber Alexander der Große stammt doch von hier und der einmalige Kemal Atatürk. Große Männer großer Reiche. Viele Vertreibungen vieler Völker. Und was ich noch sagen wollte, das Blätterteiggebäck aus Thessaloniki schmeckt echt widerlich, schon wenn mit Honig gefüllt, erst recht, wenn darin Spinatartiges in Ziegenkäse vergammelt. Einzubilden braucht der Griech aus Griechenland sich rein gar nix. Damit das mal klar ist. Ich will jetzt einen Kaffee und ein Hörnchen. Nicht diesen fremden Fraß.

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AUS PERU IN DEN ANDEN.

Wir haben einen Papa. In Latein: Habemus papam. Ja, aber was für einen? Zwei hilfreiche Anmerkungen zur Papstwahl, sprich zu Leo XIV, dem Stellvertreter Christi, den sie aus einer Mission in Peru nach Rom geholt haben. But there is more to it!

Es war klar, dass im Konklave ein tiefer Zorn über die billige Anmaßung des amtierenden amerikanischen Präsidenten herrschte, sich selbst im Habit des Papstes zu zeigen, ein gefälschtes Foto, dessen Humor sich jedwedem Menschen jedweder Kultur verschließt. Man kann es als Gotteslästerung lesen. Vor allem aber gehört es zur DNA des Vatikans, solche Ansprüche weltlicher Macht auf die Stellvertretung Gottes zurückzuweisen. Jahrhunderte hat man das müssen.

Zudem hatte Trump sich in der Papstpose, Photoshop sei dank, mit normal großen Händen versehen. So tief kann Narzissmus sitzen. Aber das Stigma der „tiny hands“ gehört zu den Niederungen der politischen Propaganda, die hier und heute keine Rolle spielen soll. Es ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Jedenfalls wollte Rom zeigen, dass es auch Amerikaner von Format gibt. Deshalb ein Papst aus Detroit am Eriesee. Gut so. Das ist gelungen.

Der zweite Hinweis ist bedeutender. Leo XIV ist Augustiner. Auf den Jesuiten auf dem Stuhl Petri folgt ein Augustinermönch. Er sagt das in seiner ersten Predigt im neuen Amt ausdrücklich, dass er ein Kind des Augustiners sei. Nun muss man sich nicht mit der Geschichte der mittelalterlichen Bettelorden auskennen, um den Ausruf „ein Augustinermönch!“ schon mal gelesen zu haben. Sie galten ja als evangelisch und apostolisch, meint als in Armut lebende Missionare. Und Intelligenzbolzen. Ein Augustiner also.

Nun, die Zuschreibung war ein Spottruf aus dem machtbewussten Rom gegen einen Abtrünnigen, der sich über die Finanzierung des Petersdoms mittels Ablasshandel empörte. Ihn wollte man damit deklassieren, was seinen Trotz nur noch steigerte. Hier stehe ich und kann nicht anders. Der Augustinermönch, das war Martin Luther. Das finde ich urkomisch. Deshalb rufe ich dem neuen Herrn der Unfehlbarkeit vom Eriesee in Michigan fröhlich zu: „I wish you well!“