Logbuch
POLITICAL ANIMAL.
Als Politiker ein Tier, das zu sagen, ist ja Ausdruck des Respekts. Dieser eine oder diese eine, die hat dann mal den Bogen raus. Man beobachtet in dem Heer der Möchtegerne hier und da jemanden, der ein Händchen hat. Seltenes Vergnügen. Das hat nichts mit der eigenen Parteienpräferenz zu tun, also der Frage, was ich wähle, wenn ich wähle. Man kann Twitter gut dazu nutzen, die Talente in täglichen Kleinkrieg zu beobachten. Mir gefällt dieser Fraktionschef im Bundestag, aber auch der windige Anwalt bei den Liberalen. Oder diese kreuznette Landtagsabgeordnete aus der Pfalz; der hab ich sogar gesagt, dass sie das klasse macht. Und die Leitdame bei der AfD hat mich mal gefragt, ob ich sie berate; da habe ich gekniffen, wg. AfD. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Eigentlich bin ich von dem Pulk der Politiker gelangweilt. Viele finde ich krampfig, abgeschmackt, bemüht, durchschaubar, mittelmäßig. Eigentlich die allermeisten. Aber ich weiß auch, dass ich meinem Urteil nicht trauen kann. Ich bin vom Fach und habe doch keine Nase. Es scheitern Leute, die ich toll fand. Und die allergrößten Spacken bleiben an der Macht. Selbst aus Parteien, denen ich mal angehörte (es sind zwei), ist nichts geworden. Ich bin, um ein Wort von Max Weber abzuwandeln, politisch unmusikalisch.
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STAATSDIENER.
Keine Kaste wie die Eunuchen am Hof des Kaisers von China. Keine „unelected officials“ wie die hochdotierten EU-Beamten. Nein, echte Diener des Staates. Loyal bis an die Grenze der Selbstverleugnung. Karger Lohn, dafür halt unkündbar. Residenzpflicht (arbeiten und leben, ohne zu murren, wohin sie der Staat entsendet). Motto: „Dienend verzehre ich mich.“ Akkurat bis ins Detail, gewissenhaft. Dem Gemeinwesen verpflichtet. Für all das kenne ich Beispiele. Wenige, sehr wenige. Und für das Gegenteil. Faule Säcke. In Bereichen, wo Bürger auf Schutz angewiesen sind. Oder Service, Dienstleistungsbereitschaft. Stattdessen: STAATSVERSAGEN. Bei vielen Schergen der niederen Ränge, wo gleichwohl alle Sessel Kissen haben, lautet die insgeheime Devise: Ausnutzen jedweden Tricks für den eigenen privaten Vorteil. Das Parasitäre als Charakterzug, gänzlich frei von schlechtem Gewissen. Denn diese Privilegierten des „Kollege-kommt-gleich“-Universums empfinden sich selbst als notorisch unterprivilegiert. Das Land schuldet ihnen was. Kennedy andersherum: „Frage nicht, was Du für das Land tun kannst; frage, was das Land für Dich tun kann.“ Das RECHT AUF FAULHEIT. Gefolgt vom RECHT AUF PFRÜNDE. Auch und gerade in diesen finsteren Zeiten. In Berlin dürfen Beamte jetzt eine weitere Überstunde privat verbraten, wenn sie da was für ihre Gesundheit tun. Freizeit auf Kosten der Steuerzahler. Gestern hat mir ein wirklich hochrangiger Politiker (alter Freund, wir reden Klartext, weil ich ihn nie namentlich zitieren würde) so ganz beiläufig dazu gesagt: „Also im öffentlichen Dienst, da macht sich nun wirklich niemand kaputt.“ Wir sprachen über solche Privilegien und die wirklichen Pandemie-Opfer. Ich so: „Ist das so?“ Und er so: „Weißt Du auch.“ Ich so: „War nur ein Witz.“ Er so: „Hör auf!“ Ich denke noch immer über seine Metapher nach. Manchmal hat der Sprachgebrauch ja so seine Tücken beziehungsweise Offenbarungen. Mein Freund, der Ministeriale, sagt: „Alle in der Verwaltung sehen zu, mit dem Arsch an die Wand zu kommen.“ Was meint das Bild?
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FULL FRIED.
Das Englische Frühstück. Im britischen Parlament fand gerade eine Debatte dazu statt, was ein gesundes Frühstück sei und ob Weizenkleie mit gebackenen Bohnen in Tomatensoße zu empfehlen sei. Der Abgeordnete Rees-Mogg, Konservative, hat dazu ausgeführt, dass er Heinz seine gebackenen Bohnen, so heißen die, schon immer ekelhaft fand und es ratsam fände, Weetabix mit warmer Milch und braunem Zucker anzurichten. Seine persönliche Präferenz läge allerdings bei der von der geliebten Kinderfrau selbstgemachten Orangenkonfitüre auf geröstetem Weißbrot. Wörtlich: „Nanny's homemade marmalade on toast.“ Das ist der Ton der englischen Oberklasse. So geht Bourgeoise. Das Kleinbürgertum nimmt Spiegeleier mit geröstetem Speck, gebratene Pilze mit Tomatenhälften, Sojawürstchen, heiße Blutwurst („black pudding“) und einen halben warmen Räucherfisch. Und erst dann den Konfitürentoast. Ach ja, und die zuckerhaltige Weizenkleie vorher, in kalter Milch. Beim Röstbrot weißen Toast oder solchen mit Körnung, „brown“ genannt. Dazu Tee mit Milch und Zucker. Nennt sich alles in allem „proper breakfast.“ Soll ja bis zum Lunch halten.
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DER TON DER KINDHEIT.
Wir wissen es nicht, aber wir haben es, ein Gedächtnis für den Ton unserer Kindheit. Insbesondere die Heimatvertriebenen hören ihn sofort, noch bevor es ihnen klar wird, und reagieren mit Urvertrauen. Natürlich ohne jede Rechtfertigung, aber eben doch. Muttersprache ist mehr als ein Vokabular; es ist ein Ton.
Den Schwaben sagt man nach, dass sie ihren Dialekt nie ganz verlieren; noch mehr gilt das für die Badenser oder die Menschen aus der Saarregion. Franken sind urbehindert. Es ist ungerecht. Der erdverbundene Niedersachse spricht angeblich lautreines Hochdeutsch, wie bäuerlich blöd er auch immer sein mag. Dem blitzgescheiten Sachsen hängt dagegen ein lebenslanges Stigma an. Zu der lokalen Lautung, dem Dialekt, kommt die soziale Gliederung; man kann sehr proletarisch klingen, selbst wenn man Obersteiger oder Lateinlehrer war.
Gestern treffe ich in einer Berliner Praxis auf eine junge Türkin, die nicht nur fließend Deutsch spricht, sondern sogleich meine Aufmerksamkeit als Erzählerin fesselt. Tolle Olle, denke ich. Ich brauche eine gewisse Zeit, dann wage ich die böse Frage nach der eigentlichen Herkunft, aber eben so, wie ich sie meine: Ich frage Frau Dogan, wo sie aufgewachsen ist. In Bochum, genauer in Wattenscheid. Da habe ich studiert. Zwei Ruhrpottseelen finden sich im schnöden Berlin.
Für uns Kinder des Reviers, die wir mit Emscherwasser getauft sind, ist der Ton der Heimat ein Erkennungszeichen. Zumal wenn in Bottropsky die Ostpreußen auf die Pollacken treffen oder den Türkischmann, hier eine junge Frau. Der Ton der Heimat. Übrigens all jener, die eigentlich eine andere hatten oder keine und zugewandert sind. „Anton, sächtä Scherwinski für mich…“
Die Heimat der Muttersprache sitzt tief; sie hat keine Hoheitsfunktion, aber ist doch ein sentimentales Refugium. Meine Frau Mutter hat stets Wert darauf gelegt, dass der Junge hochdeutsch spricht; die guterzogenen Zöglinge eines Arzthaushaltes galten als Vorbild. So bin ich zweisprachig aufgewachsen. Ich kann Ruhrpottproll und Gumminasium-Deutsch. Latein kam erst später.