Logbuch
IRREN IST MENSCHLICH.
Es ist viel von Künstlicher Intelligenz die Rede, im Amerikanischen AI genannt, für Artificial Intelligence, also eigentlich etwas Künstlerisches. Das ist es aber nicht, wenn eine Maschine denkt. Zeit, noch mal auf den wesentlichen Unterschied von KUNST und KUNSTHONIG zurückzukommen.
Überall wird die Textmaschine namens ChatGPT erwähnt, die zu einem ihr genannten Thema Texte liefert. Das Verfahren ist eine kontextorientierte Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die Maschine sucht das jeweils wahrscheinlichste nächste Wort aus einem gigantischen Archiv von Texten; nach dem Wort den Satz, nach dem Satz den Text. Da die Grundgesamtheit riesig ist und auf strukturierten Äußerungen beruht („Text“), ist die Trefferzahl brillant.
Die Maschine spricht, ohne zu verstehen („no comprehension while contexting“); sie liefert Plagiate auf einer sehr hohen Stufe des Plagiierens. Reden ohne Verstand, jedenfalls ohne Vernunft, das kenne ich von Menschen auch. Und zwar vom Hausfrauenkaffee über Chefredaktionen bis rauf zum Oberseminar.
Wo die KÜNSTLICHE INTELLIGENZ, die ja keine künstlerische ist, empirisch vorgeht, gilt das gleiche Gesetz der großen Grundgesamtheit. Wer aus 10.000 Röntgenbildern der Lunge jene Hälfte mit späterem Krebs genannt bekommt, wird sodann ein guter Radiologe, auch wenn er nur eine Maschine ist. Das nennt sich diskriminierende Qualität, zu deutsch Unterscheidungsfähigkeit. Man sagt mir, dass auch ein Fallbeispiel für moderne KI reiche, sogar „zero“; das glaube ich aber nicht. Jedenfalls verweigere ich mein Vertrauen, auch wenn die kalifornischen Oligarchen bei GOOGLE & CO drauf schwören.
Jetzt der olle Kant: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Das ist fast dreihundert Jahre alt und noch immer sehr gut.
Als mein linkes Knie zur Erneuerung anstand, habe ich den KI basierten Befund einem erfahrenen Radiologen gezeigt, dem ich vertraue, und seine Meinung erfragt. Und eine zweite Meinung eines befreundeten Chirurgen erbeten. Jetzt bin ich mit dem KÜNSTLICHEN KNIE zufrieden; es ist übrigens kein künstlerisches, aber das hatten wir ja schon.
Bei Fragen der Moral würde ich weiter gern auf menschliches Urteil setzen, nicht auf maschinelles. Das dabei mögliche Irren nehme ich hin.
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DEMUT.
Bei dem stets lesenswerten Rainer Hank erfahre ich gestern, dass im Herbst dieses Jahres die Autobiografie von Angela Merkel erscheinen wird. Mein Desinteresse könnte nicht größer sein. Nichts, aber auch gar nichts wünsche ich von ihr zu erfahren.
Allerdings gibt es eine Verstrickung meinerseits: Ich habe bei einem ihrer Wahlkämpfe mal in der BILD am SONNTAG damit gedroht, zu erwägen ihr meine Stimme zu geben; das muss ich einräumen. Mein Ziel damals war es, die SPD zur Besinnung zu bringen; was gründlich misslang, ein Akt eitler Selbstüberschätzung. Das ist mir heute peinlich.
Man erinnert immer seine Niederlagen und Patzer, die Peinlichkeiten des Lebens, mehr als Siege oder glückliche Fügungen. Daher kommt bei Helden der verbreitete Hang, die Vergangenheit zu korrigieren, jedenfalls die eigene Interpretation der Dinge verbindlich zu machen. Ob das dann gelingt, das ist eh ungewiss, wenn nicht unwahrscheinlich. Von mir jedenfalls wird es einen solchen autobiografischen Versuch zwischen zwei Buchdeckeln nicht geben.
In meinem Fach durchschaut man, wie das geht. Am Anfang steht die Fiktion eines CHARAKTERs, und zwar edler oder gar erhabener Art, den man dann in den korrigierten Zufällen des Lebens Stück für Stück aufscheinen lässt, so dass am Ende den Belanglosigkeiten ein höherer Sinn zukommt, nämlich ein narzisstisches Selbstbild. GESCHICHTE wird so charakterreduktibel; wie profan ist das denn? Prahlhans als Küchenmeister.
Wünschenswerter wäre es doch, wenn das Bewusstsein der Schuld bliebe und uns zumindest im Alter zur Demut erzöge.
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EWIGER FRIEDEN.
Kriegsnachrichten aus dem Nahen Osten erreichen mich in Karlsbad im Böhmischen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Hotel IMPERIAL von einem Engländer gebaut, 1907 in Betrieb genommen. Eine Spekulation auf eine multikulturelle Blüte mit Heilwasser und Wandelhalle im Wunsch nach ewigen Frieden.
Ein Imperialismus eigener Art. Die Stadt hat eine große jüdische Tradition und eine deutsch-österreichische wie eine tschechische. Vielleicht keine Idylle, aber ein „locus amoenus“, ein lieblicher Ort. Ob dies eine saisonale Apartheid war oder ein Schmelztiegel, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Die Russen interessieren ohnehin später nur das Uran aus dem örtlichen Bergbau; ich trinke das radiumhaltige Heilwasser eh nicht.
Gründungsjahr 1907. Dann kam der Erste Weltkrieg („14/18“) und Österreich verlor Böhmen und Mähren. Dann der Zweite („39/45“) und Mitte der Fünfziger Jahre schrieb Brecht, der da schon einen Schweizer Pass hatte, sein Geld in Frankfurt/Main und in der DDR wohnte, sein Carthago-Gedicht: „Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr zu finden.“
Mich wundert die kontroverse Beurteilung des Krieges, den Israel gegen die HAMAS führt, nicht, allenfalls die Leichthändigkeit, mit der Urteile ausgesprochen werden; so jüngst von Ex-Vize-Kanzler Sigmar Gabriel, der israelische Kriegsverbrechen tadelte. Dazu weiß ich zu wenig. Aber es fehlt mir schon die Äquidistanz zu den Kriegsparteien.
Karlsbad ist jetzt tschechisch; wer aus dem sächsischen Oberwiesenthal herüberfährt, trifft nicht mal auf einen Grenzposten. Man spricht tschechisch, deutsch oder englisch und zahlt in Kronen oder Euro und entdeckt, dass es aus dem Mährischen ganz ausgezeichnete Weine gibt. Es herrscht jener Frieden, der dem europäischen Gedanken geschuldet ist.
Ich gehöre zu der Generation, die es weise findet, dass mein Vaterland die Warnung Brechts befolgt hat.
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KÜNSTLERISCHE INTELLIGENZ.
Die Blamage ist perfekt. Der amerikanische Gesundheitsminister hat ein Gutachten zur Gesundheit von Kindern vorgelegt, das sich schon bei erster Durchsicht für Fachwissenschaftler als Fälschung erweist. Mehrere dort zitierte Studien gibt es gar nicht, heult die Fachwelt auf. Und das passiert einem Politiker, der ohnehin für irrationale Verschwörungstheorien bekannt ist; etwa der, dass Impfungen zu Autismus führen.
Die Neue Rechte ersetzt rationale Politik notorisch durch Propaganda; das wissen wir. Warum aber passieren dabei so peinliche Pannen? Darauf habe ich zwei Antworten, die es lohnen näher hinzusehen. Beide führen zu einem wichtigen Schlagwort, dem der KOMPETENZSIMULATION. Das ist die Fähigkeit, mit Schlauheiten angeben zu können, obwohl man wissenschaftlich nichts auf der Pfanne hat. Im Deutschen nennt sich das „Lauterbachen“. Ich kenne solche Simulatoren auch als Akademiker im Amt; so ist das nicht, auch in meinem Fach. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Im online vagabundierenden Milieu des neuen Wissens, bei den sogenannten Raketenwissenschaften, wirken Tech-Oligarchen, die sensationelle Antworten auf die Zukunftsfragen der Menschheit zu beantworten wissen, aber keine Akademiker sind. Die Zukunft der Menschheit auf dem Mars ist ein Marketing-Mythos eines Rüstungsunternehmers namens Musk, aber keine Wissenschaft. Es ist blanker Unsinn. Ein TRIVIALMYTHOS, der Staatsknete besorgt, sonst nix. QAnon. Auch das ist wie Lauterbach, der sich als Epidemiologe simuliert hat, ein Fach, das er nie studiert hat (nur seine Frau, das ist ja wohl nicht dasselbe). So wie Musk nicht das autonom-fahrende Auto erfunden hat; er hat die Firma gekauft, die das aus Mercedes-Know-How herausbastelt. Die Künstlerische Intelligenz Kalifonischer Oligarchen. Ein militärisch industrieller Komplex. Das nutzt KI, mehr nicht.
Dann zweitens zu dem, was die Textautomaten so an Texten können. Es wird nach dem Analogieprinzip Semantik simuliert. Da das menschliche Hirn ähnlich arbeitet und die Grundgesamtheit bei großen Rechnern recht hoch ist, sind die Ergebnisse nicht schlecht. Ja, schon heute ist CHAT GPT schlauer als viele Menschen, was daran liegt, wie doof die meisten sind und dass man als Doofer ganz kommod durch‘s Leben kommen kann. Die Künstliche Intelligenz simuliert die natürliche, die wiederum auch nach dem Ähnlichkeitsprinzip arbeitet. Kybernetisch Analogiebildung. Dabei kann das Künstliche bis ins Künstlerische gehen. Fälschungen nicht ausgeschlossen. Das Wahrheitsprinzip ist hohe Häufigkeit.
Mit diesen beiden Vorbehalten ausgestattet sehen wir einer Wissenschaftlichen Studie auf den zweiten oder dritten Blick an, ob sie stimmen kann. Auf den ersten Blick wirkt die KOMPETENZSIMULATION immer ganz passabel; das ist ja, was der Rechner kann. Es braucht immer öfter den wirklich studierten Experten, um die Camouflage zu durchschauen. Das ist intellektuell jenseits von Lauterbach und JFK jun., den Kompetenzsimulatoren in der Politik. Wir erleben Bildungsidioten an der Macht, ganz gleich, ob sie für das Impfen oder dagegen sind. SchlauMeier. KlugScheißer.