Logbuch
EINE LANGE DÜRRE.
Oft schon mussten die Menschen unter einer Dürre leiden. Woher ich das weiß? Weil ich von den Versuchen lese, sich dieses Unglück zu erklären. Wir reden von dem jungen Phaeton, der tragisch am Solaren scheiterte.
Phaeton war der Sohn des Helios; sein Papa leugnet aber die Vaterschaft. Phaeton wurde gehänselt. Da ließ Papa ihn mal einen Tag lang den Sonnenwagen über den Himmel lenken. Das ging schief. Phaeton wurde an dem von vier Pferden gezogenen Wagen übermütig und verlor die Kontrolle. Die Gäule stürzten auf die Erde und verbrannten sie. Eine lange Dürre folgte.
Da wurde es Zeus, dem Götterchef, zu bunt und er, der Zürnende, sandte einen Donnerkeil, der den übermütigen Sohn des Sonnengottes tötete. Phaeton fiel in den Po und ertrank (so viel Wasser muss also damals doch noch drin gewesen sein). Seine Schwestern, die Nymphen, standen am Ufer und beweinten den gerichteten Jüngling, worauf sie zu Pappeln verwandelt wurden. Po-Begrünung.
Warum wurde dann doch wieder alles gut? Nun, Zeus reute seine Tat und er sandte eine Sintflut, um die Erde wieder abzukühlen. Wenn das dann bitte möglichst bald sein könnte und ich endlich aufhören könnte, den Garten zu wässern. Das alles habe ich mal nachgelesen, als mein Unternehmen ein Auto nach Phaeton benannte und keiner im Vorstand wusste, was der Namen eigentlich heißt. Passiert (siehe Audi E-tron).
Für diejenigen unter uns, die in Altgriechisch schwach sind, tut es auch der Bibel erster Teil, das sogenannte Alte Testament. „Es zürnte der Herr und er sandte eine lange Dürre. „My skinny Minnie is a crazy chick.“ (Bill Hayley). Darüber haben wir als Pubertanten lachen können.
Logbuch
KARL MAY.
Meine Jugend begleitete ein ungelesenes Buch über einen Schatz im Silbersee. Unzählige Versuche der Lektüre strandeten nach zwei Seiten. Das war weise. Ich bin etwas wirklich Üblen entronnen.
Noch mal Glück gehabt. Ich erinnere den Schinken noch gut, verlegerisch aufwendig gestaltet und mit Vorruhm versehen, lag die Schwarte irgendwann unter dem Weihnachtsbaum. Meine Frau Mutter wusste den langen Namen eines Hatschi Alef Omar Abbu Irgendwas herzusagen; bis heute ein Mysterium, woher sie das hatte. Ich sollte mich für Old Shatterhand begeistern, was irgendwie nicht gelang.
Frühem Zubettgehen wirkte man als Heranwachsender damals entgegen, indem man unter dem Schutz der Bettdecke heimlich beim Licht einer Taschenlampe noch las. Dieses Buch aber vermochte mich nicht wach zu halten. Heute weiß ich warum. Hinter der aufgeblasenen Sprache wurde Angelesenes zu Abenteuern aufgebauscht. Gravitätisches Geschwätz. Kolportage mit einem aufgesetzten Exotismus, banal und pompös zugleich. Der Autor war, so fängt es an, ein gelernter Kleinkrimineller. Kein Vorbild für die Jugend.
Der Autor war zudem krank, er litt an Pseudologie, wie die Psychiater seiner Zeit zwanghaftes Lügen nannten. Er war weder Old Shatterhand noch gab es dieses Fraternisieren mit angeblich herzensguten Wilden, Blutsbrüderschaft genannt. Plagiate en masse und vorurteilsbeladene Stigmatisierungen fremder Völker. Alles nur Staffagen einer vordergründigen Reiseliteratur, deren Reisen nie stattgefunden hatten. Man muss froh sein, dass der Ravenstein Verlag, das Zeug jetzt aus dem Programm genommen hat.
Die Filme vor jugoslawischer Kulisse habe ich nie aufmerksam gesehen, weil das schon zu einem Zeitpunkt meiner Pubertät war, in der man ins Kino ging, um „Loge“ zu buchen, wo heimliches Grabschen angesagt war; die Abwesenheit von Klassenkameradinnen vorausgesetzt. Da interessierte die Ilona aus der Parallelklasse, und nicht Winnetous Schwester.
Ich nenne noch einen dritten Grund. Karl May war Ossi, nicht nur das, er war Sachse. Also ehrlich, als wenn wir im Westen nicht eigene Kinderbuchautoren hätten.
Soviel zum intellektuellen Stand der Literaturkritik.
Logbuch
PROPAGANDA.
Was vom Tage übrig blieb. Ich habe gestern vor dem Einschlafen noch Nachrichten geschaut. Und davon geträumt. Die Sorge hat die Nacht überdauert.
Was hat mich gefreut? Der neue Botschafter Israels entstammt einer Familie Berliner Juden, die 1933 vor den Nazis fliehen mussten. Er hat gestern mit seiner Familie den ersten öffentlichen Auftritt auf dem Bebelplatz in Berlin arrangiert, weil dort eine der Bücherverbrennungen stattfand, die seiner klugen Großmutter damals gezeigt habe, wohin das Land getrieben würde. Das ist klug, weil damit begann der Völkermord, mit dem Verbrennen von Büchern. Mit Propaganda.
Was hat mich erzürnt? Ungarn befestigt die Grenze zum Balkan mit riesigen Stacheldrahtanlagen und der amtierende Innenminister äußert dazu offenen Rassismus. Sein Premier tut dies nur in Andeutungen, die aber verstanden werden. Die illiberale Demokratie (Selbstbeschreibung) will eine reinrassige (Selbstbeschreibung) Nation. Das kann Europa nicht tolerieren. Nicht schon wieder.
Wozu ich nix sage? BILD-TV bietet Thilo Sarrazin ein Forum; er habe ein neues Buch geschrieben. Auch ein Großmeister der Andeutung, die von den Seinen verstanden wird. Das habe ich nicht mal durch Kritik auch noch zu befördern.
Drei Nachrichten, ein Thema. Brecht: „Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
Logbuch
GETTO REGEL.
Ein ICE der Deutschen Bahn ist bei der Ausfahrt von Köln nach Dortmund in einen Ast gefahren, und zwar in dem bewohnten Vorort Köln-Mülheim, was die Weiterfahrt verhinderte und die Passagiere im gestrandeten Zug wie Gefangene festhielt. Für geschlagene fünf Stunden. Die Paxe seien ob dieser Wartezeit auf offener Strecke derart aggro gewesen, dass die Bahn die Polizei zum Schutze ihres Personals anforderte. Sie rufen die Bullen, echt?
Mich wundert das nicht. Ich meide, wo immer es geht, die Bahn vollständig. Eine Bahnsprecherin entschuldigt sich. So einfach also geht das? Wundert mich auch nicht. Ich kenne die Dame; sie war zuvor Journalistin beim WDR. Ich meide, wo immer es geht, den WDR vollständig. Das ist eine soziale Ausweitung einer alten Überlebensregel für das Getto. Meide den Ärger, wo immer es geht. Einfach aus dem Weg gehen. Gilt auch für den ICE im Kalifornischen.
Ich werde dem dortigen Bürgerkrieg auch meine Aufmerksamkeit entziehen. Der oberste Warlord hat die Unruhen gerade mit den vorjährigen Waldbränden verglichen. Ich hör es mir erst gar nicht mehr an. Von mir aus können sie die Bullen rufen. Und ich werde auch nicht mehr von Bullen reden. Auch das ist ja eine weitere Verrohung der Sitten. Nennen wir sie die schutzhaftgewährenden Service-Kräfte. Was wäre gewesen, wenn es in Köln gebrannt hätte? Der Garpunkt in der Röhre wär dann schnell erreicht. Vielleicht sollte die Bahn schlicht erwägen, ihr Personal zu bewaffnen. Zumindest mit Riot Guns. Wenn man seinen ICE in Köln wieder vor einem Ast beschützen muss. Oder das Personal vor den Passagieren. We are all getting Getto.