Logbuch
DENGLISCH.
Man spricht Deutsch. Mit englischen Brocken. Das Fachchinesisch der ganz modernen Menschen. Hinter jedem Schlagwort lauert ein Geschäft.
Wenn die Heimarbeit andauert, so ist das das NEW NORMAL der NEW WORK bei den WOKEN. Sagt der Experte für HR, sprich „Ähtsch Ahr“, HUMAN RELATIONS. Oder, neuerdings: HUMAN RESSOURCES. Nur wer den neuen Jargon beherrscht, weist sich als zeitgemäßer Gestalter des Personalwesens aus. Das ist tatsächlich wichtig, dass jede Veränderung ihre Gewinner zu feiern gedenkt und möglichst wenig Verlierer zurücklässt.
Ich habe da nichts zu lästern, weil meine Profession, die ÖFFENTLICHKEITSARBEIT, sich vor hundert Jahren als PR (Public Relations) begründet hat. Vor HR kam PR, zwischendurch IR. Wegen dem SHAREHOLDER VALUE. Egal. Der Gründer der PR wollte den Begriff der PROPAGANDA ablösen, der aus dem Kirchlichen stammte. Es war übrigens ein Wiener Jude, angeblich mit Sigmund Freud („uncle Siggi“) verwandt, der als Migrant in die USA ein eher gebrochenes Englisch sprach, wie alle amerikanischen Intellektuellen dieser Zeit. Er machte mit PR ein Vermögen und feierte die neue Massenkommunikation als Geheimwissenschaft. Neues Wort, neues Geschäft.
So wie heute PR-Agenturen über PURPOSE plappern; das ist schlicht und einfach der Sinn einer Sache. Poooh. Die CSR (Corporate Social Responsibility) wird gerade durch das Buzz-Word GSE ersetzt; ich habe vergessen, was es heißt. Nein, ich möchte es nicht erklärt bekommen. Mich wundert nicht, dass die Hegemonie der Informationstechnologie ihren kalifornischen Jargon durchsetzt; das soll so sein, dass wer die Macht hat, auch das Sagen bestimmt. Mich wundert, wo das schlechte Englisch herkommt. Waren die alle auf der Berlitz School in Mumbai?
Ganz abstrus wird es, wenn in dem PIDGEON ENGLISH andere Moden eingewebt werden, etwas das GENDERN oder das #gerneperdu. „Can I say YOU to you?“ Ich bin kein Sprachpurist, aber doch von einem gewissen Gestaltungswillen. Wer sorglos redet, denkt auch nicht sauber. Man kann auch sprachlich ganztägig Jogginghose tragen, sprich verwahrlosen. DID I MAKE MYSELF CLEAR. Nur so als question. Wegen der learnings.
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GUYS.
Am Empfang des Raffles in Singapur fragt der Hotelmitarbeiter mich und Gattin: „What can I do for you guys?“ Eine echte Unverschämtheit. Typen? Für Euch Typen?
Aus dem Amerikanischen kommt eine geschlechtsneutrale Anrede, deren Ursprung vergessen scheint. „GUYS and dolls“, das waren mal Typen und ihre Schicksen; heute steht GUY für jedweden Typen jedweden Geschlechts. Da ist ja mehr im Schwimmen begriffen als die Biologie weiß. Guys also? Aber nicht, wenn ich tausend Dollar für ein Bett zahle. Dann redet der uniformierte Laffe mich mit Sir an und die Blonde an meiner Seite mit Mam.
Übrigens ist es Mam mit einem „a“ wie in „marmelade“ und nicht Mäm mit einem „ä“ wie in „jam“ oder „ham“. Kommt auch am englischen Hof aus dem Französischen von „Madame“, dem Pendant zu „Monsieur“ (Meine Dame/ Mein Herr). Im George V in Paris bin ich ebenso Monsieur wie im kleinen Bistro um die Ecke; eine Kulturnation. Da quakt einem niemand „salut les copains“ beim Check-In oder dem Absinth ins Gesicht. Die Anrede mit GUYS ist eine egalistische Frechheit.
Wie das routinierte Duzen im Geschäftsleben und die Verkürzung von Namen (eigentlich nämlich mindestens zwei gemäß Tauf- und Familiennamen) auf eine einsilbige Verballhornung des Vornamens. Weil sich im Einwanderungsland USA niemand Fremdsprachiges merken will oder kann. Aus Richard wird Dick; und Dick, das heißt Schwanz oder Blödmann. Ich mag die Amis nicht. Obwohl unsere geschätzte Schutzmacht; wg. GI, was „government issue“ heißt, sprich Staatseigentum. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Unter Freunden duzt man sich. Und unter Kollegen (#gerneperdu); finde ich gut. Historisch auch unter Genossen. Und bei den Sportskameraden. Alles gut. Ich habe schon Bundeskanzler geduzt und Bundespräsidenten, aber den schnorrenden Bettler in Zehlendorf vor dem Rathaus, den sieze ich. Oder die Nichtsesshafte in dem Transporter auf dem Autobahnrasthof Göttingen (Fahrtrichtung Hannover). Eine Anrede ist eine Respektsbezeugung.
Wo wir gerade dabei sind: der Doktortitel ist Namensbestandteil. Von seiner Nennung sind ausdrücklich nur andere Promovierte ausgeschlossen. Hier kann man sich aber das Vergnügen bereiten und die Doktorarbeit anderer Doktoren über die Fernleihe zu besorgen und mal mit Muße anzusehen. Es gibt so manche GUYS unter den Damen und Herren Doktoren. Typen halt. Dicks.
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VOM WETTER REDEN.
Die feine englische Art spricht vom Wetter, weil sie eine freundliche Zuwendung will, die keine AUSEINANDERSETZUNG ist. Es geht nicht um die Sache.
Der gebildete Franzose spricht von Kunst wie der vornehme Italiener vom Essen. Freundlich und höflich, vor allem ohne jeden Drang, überzeugen zu müssen. Wenn das mein ach so deutscher Frisör nur könnte. Er will über Sport oder über Politik reden; es ist unerträglich. Von Sport habe ich keine Ahnung; es interessiert mich nicht.
Über Politik rede ich nicht mit Frisören. Weder beim Haarschnitt noch auf Twitter. Hier fehlt notorisch der Wille, sich zwar jemanden zuzuwenden, aber dabei möglichst jede AUSEINANDERSETZUNG zu vermeiden. Es lungern geradezu Zeitgenossen herum, die nur Streit suchen. Das hat etwas sehr Kleinbürgerliches. Als Kinder werden sie in der ersten Reihe der Schulklasse gesessen haben und das Klassenbuch geführt. „Herr Lehrer, ich weiß was…“
Soziologisch: der Proletarier ist großzügig, dem Bourgeois ist es egal, der Kleinbürger hat diese elende Ambition des Besserwissers. Im schlimmsten Fall mit moralischer Oberwelle. Neulich sah ich im Restaurant Borchardt, dass diese Ex-Staatsekretärin des Senats, die auch mal Sprecherin im Außenministerium war, einen Platz an meinem Nachbartisch hatte; ich bat den Kellner, was ich selten tue, mir einen anderen Tisch zu geben. Ich ertrage diese Twitterin nicht. Möge sie andere belehren.
Eine KONVERSATION ist getragen vom Willen, eine gewisse Leichtigkeit im Thema mit einem interessanten Gedanken zu verbinden, aber dabei jeden Übergriff zu vermeiden. Nie wird man persönlich. Nie wirklich indiskret. Selbst wenn er derb werden sollte, der Witz, sind ausschließlich Dritte gemeint. Es gilt gegenüber Dritten, dass das Recht zu beleidigen über dem Recht steht, nicht beleidigt zu werden; ein Grundgesetz der Satire. Seinem Gegenüber zeigt man sich aber, wie der Gentleman sagt, „kind and polite“.
Warum hier eingangs der Ausfall zu Frisören? Nun der HANSEAT sagt: „Der Mensch ist entweder Hanseat oder Frisör.“ Da ist was dran.
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GETTO REGEL.
Ein ICE der Deutschen Bahn ist bei der Ausfahrt von Köln nach Dortmund in einen Ast gefahren, und zwar in dem bewohnten Vorort Köln-Mülheim, was die Weiterfahrt verhinderte und die Passagiere im gestrandeten Zug wie Gefangene festhielt. Für geschlagene fünf Stunden. Die Paxe seien ob dieser Wartezeit auf offener Strecke derart aggro gewesen, dass die Bahn die Polizei zum Schutze ihres Personals anforderte. Sie rufen die Bullen, echt?
Mich wundert das nicht. Ich meide, wo immer es geht, die Bahn vollständig. Eine Bahnsprecherin entschuldigt sich. So einfach also geht das? Wundert mich auch nicht. Ich kenne die Dame; sie war zuvor Journalistin beim WDR. Ich meide, wo immer es geht, den WDR vollständig. Das ist eine soziale Ausweitung einer alten Überlebensregel für das Getto. Meide den Ärger, wo immer es geht. Einfach aus dem Weg gehen. Gilt auch für den ICE im Kalifornischen.
Ich werde dem dortigen Bürgerkrieg auch meine Aufmerksamkeit entziehen. Der oberste Warlord hat die Unruhen gerade mit den vorjährigen Waldbränden verglichen. Ich hör es mir erst gar nicht mehr an. Von mir aus können sie die Bullen rufen. Und ich werde auch nicht mehr von Bullen reden. Auch das ist ja eine weitere Verrohung der Sitten. Nennen wir sie die schutzhaftgewährenden Service-Kräfte. Was wäre gewesen, wenn es in Köln gebrannt hätte? Der Garpunkt in der Röhre wär dann schnell erreicht. Vielleicht sollte die Bahn schlicht erwägen, ihr Personal zu bewaffnen. Zumindest mit Riot Guns. Wenn man seinen ICE in Köln wieder vor einem Ast beschützen muss. Oder das Personal vor den Passagieren. We are all getting Getto.