Logbuch

VERLEGER.

Ehrbare Huren sind sie, die Journalisten. Und das sage ich nicht, weil ich Personen beleidigen möchte oder die Profession. Die Betonung liegt auf dem Ehrbaren. Sie fühlen sich der Wirklichkeit verpflichtet („Sagen, was ist!“) und zeigen Mannesmut vor Königsthronen. Viele von ihnen achte ich; einige sind gar zu bewundern, weil sie schreiben können und es auch tun. Salut!

Der Journalist ist zugleich, das muss man schon einräumen, der abhängig Beschäftigte eines Verlegers, für den er Lohnarbeit leistet. Da mag es Lichtgestalten geben wie Jeff Bezos, dem die Washington Post gehört, der seiner Redaktion gerade untersagt hat, eine Wahlempfehlung abzugeben. Das feiert der Bötchen-Publizist Gabor Steingart als Pressefreiheit, den ich auch schon kannte, als er noch im Arsch eines anderen Verlegers steckte. Nun, ich habe eine ganze Reihe von Verlegern kennengelernt.

Bei Springer war ich für Axel Cäsar zu spät, aber den aufgestiegenen Hafenreporter habe ich noch erlebt; den kleinen Burda aus Offenburg, ein recht kluger Mann, und die WAZ-Erben, darunter proletige Pfeffersäcke, die (ich höre sie noch) ihrem Geld nicht böse waren. Wenn wir schon die Ahnenreihe abgehen, so werden wir auch einräumen müssen einen südafrikanischen Autofabrikbesitzer aus Brandenburg gekannt zu haben, der sich Twitter kaufte.

Nun könnte, wenn man dem antikapitalistischen Impuls hinreichend nachgegeben hat und erst mal gut ist mit Klassenkampf, der Weg zum Erhabenen darin bestehen, dass man keinen Oligarchen zu Willen ist, sondern dem Staat. Diese obrigkeitsstaatliche Speichelleckerei versucht uns ja gerade COLLECTIV schmackhaft zu machen. Ich bin da anders gewirkt; meine Söldnerehre kennt keine Ehrfurcht vor Feldherren. Wir lassen keine Kameraden zurück und keine Waffen; das war es dann aber auch. Wir knien nicht vor den Fahnen, denen wir folgen.

Noch ein dritter Weg ist zu würdigen, das sogenannte KRAUT FANDING; dabei sammelt man Kleinspenden ein und gibt sich mit diesem Geld als Agentur des Gemeinwohls aus. Die Spender werden nicht genannt; vielleicht edle Menschen, vielleicht fragwürdige Agenten mit schwarzem Geld, sicher aber immer eine Anonymitas. Meine süditalienischen Freunde nennen diese Zuwendung „pizzo“; so geht dort Schutzgelderpressung. Auch kein Hort hehrer Moral.

Früher konnte man Verleger leichter hassen, weil sie wirklich dramatische Renditen hatten; ich sage nur CITIZEN CANE oder HUGENBERG. Heute scheint das Geschäft mühsamer, jedenfalls bei denen, die noch Papier bedrucken. Trotzdem wäre über den Verleger der Berliner Zeitung mal zu reden. Oder die SPD als Verlagseignerin. Ja, über den großen Döpfner, den Liebling der Witwe. Aber all das verblasst hinter dem, was man heute als den reichsten Mann der Welt und seine Kampagne zugunsten der NEW RIGHT erleben darf.

Ich bin dabei zu Zurückhaltung aufgefordert, denn ich publiziere dort. Es gilt also auch für mich, was eingangs gesagt wurde. Das ist die innere Schmach aller Federn, dass sie beim Tinteklecksen einen Mut zeigen, der auf dem Papier Bestand hat, aber nicht im Leben. „Das Leben möge sich in Acht nehmen“, schrieb der große Lichtenberg voller Ironie, „wenn ich zur Feder greife!“ Kontrafaktisch.

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ZWEI SEELEN, ACH.

Wo sonst? Wo treffen sich Jungs, wenn sie Zeit haben? Im Baumarkt. Bei Obi spricht mich ein LESER an. Vordergründig verlegen freut mich das natürlich. Man weiß ja nie, wen man erreicht. Das Logbuch erscheint auf drei Plattformen der Sozialen Medien, ich schätze mit insgesamt 3000 regelmäßigen Beziehern und verzeichnet auf der Homepage inzwischen 1662 Glossen. Das ist viel, weil es mich persönlich freut, und herzlich wenig, wenn man sonstige Zahlen aus dieser Welt kennt. Aber man lebt als Autor in der Furcht vor dem Urteil seiner Leser. An zehn oder zwanzig davon denke ich besonders. Zwei, drei fürchte ich.

Die Glossen im Logbuch entstehen als Frühsport, meist bevor der Betrieb bei uns losgeht; die erste meiner wunderbaren Kolleginnen ist um sechs am Start. So entstand eine Leser-Gemeinde. Der älteste unserer Zunft ist dreihundert Jahre dabei, ein Professor in Königsberg. Sein Verleger saß in Riga im Lettischen. Man muss politisch anmerken, dass die ostpreußische Metropole heute Russland ist und Lettland entschieden nicht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Von Immanuel Kant will ich folgendes erzählen: Er war eine sehr liberale Seele und hat Geistlichen zugebilligt, dass sie den Gepflogenheiten ihrer jeweiligen Kirche bei dem folgen, was sie von der Kanzel predigen. Da dürfe man schon mal fünf gerade sein lassen. PR erlaubt. Rigoros war er bei jener Literatur, mit der man unter die Augen seiner LESER trete; dort walte der Geist der Aufklärung. Wahrheitsgebot. Sein Verleger Hartknoch war übrigens engagierter Freimaurer.

Wir unterscheiden seit dreihundert Jahren beim aufgeklärten Menschen zwei Seelen (in einer Brust). Da ist der Bürger als politisches Wesen (citoyen) und der Bürger als ökonomisches (bourgeois). Der Revolutionär und der Spießer. Der erste fährt ein Batterie-Auto, der zweite einen Verbrenner. Der erste will grünen Strom, der zweite französische Kernkraft. Oder noch lieber russisches Gas. Der erste wählt grün oder rot, der zweite schwarz oder gelb.

Wer von dem Citoyen etwas will, ist gut beraten, es dem Bourgeois leicht zu machen. Man nennt das neudeutsch „nudging“, was so was wie „anfüttern“ meint. Oder „deficit spending“, wenn es im großen geschieht. Darf ich mal fragen, was sich die Politik bei der Streichung der Förderung für Elektromobilität genau gedacht hat? Oder bei der Schuldenbremse? Und so rutschen wir hier jeden Morgen vom Banalen ins Grundsätzliche, manchmal auch andersherum.

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DER SCHLÜSSEL.

Volkswagen ist ein Thema und die Medien gieren nach Nachrichten und Kommentaren. Auch auf meiner Mailbox Nachfragen, ob ich Näheres wüsste oder mich in Talkshowsesseln räkeln möchte. Nein. Das mache ich prinzipiell nicht. Aus Respekt vor den aktiven Kollegen. VW steht vor großen Herausforderungen, vielleicht den größten. Alle Beteiligten. Ich drücke die Daumen, wünsche Glückauf und halte die Klappe.

Die einschlägigen Automobilpäpste mögen das anders halten, das ist ihre professorale Freiheit, über Dinge zu plappern, die sie nicht mal halb verstanden haben. Geschenkt. Aber die Öffentlichkeit sollte doch ein Gefühl haben, wo der Hase im Pfeffer liegt. Am Sonntagabend meldet sich in meinem Auto eine Nachricht im Display; ich möge bitte die Batterie im Funkschlüssel erneuern. Wenn der Audi was sagt, höre ich zu (pun intended). Also suche am Montag die Markenwerkstatt auf und stelle mich in die Schlange vor dem Teileverkauf.

Der freundliche Schrauber setzt mir die neue Knopfzelle gleich ein und schickt mich an die Kasse. Ich habe 5,41 € zu zahlen. Für eine Knopfzelle, die beim asiatischen Herstellen keine 10 Cent kosten dürfte. Ich lese auf meinem Schlüssel „Huf“; das kenne ich aus meiner Jugend im Niederbergischen. Huf ist kurz für Hülsbeck und Fürst, eine Gießerei in Velbert, die seit hundert Jahren Schlösser macht. Ich erinnere die, weil sie eine hübsche Tochter hatten, und staune, dass sie die Transformation vom Temperguss zum Elektronikhersteller geschafft haben. So ist der Gang der Dinge, aus der Metallverarbeitung in die Elektronik. Aus Niederberg in die Welt.

Die Karre hat fünf oder sechs Schlösser, die ich mit Fingerdruck schließe und wie von Geisterhand öffne, weil das Funkbiest in meiner Hosentasche schlummert. Was übrigens auch der grimmige Dieb weiß, der an Autos kommt, die sich nächtens aus der Garage mit dem Schlüssel im Flur unterhalten und dabei zu belauschen sind. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Gesamtkosten des Schließsystems, ich habe keine Ahnung, aber sicher ein Tausender. Bei BMW, erzählt mir ein Freund, kriegst Du dafür zwei neue Außenspiegel (in denen die Rundumkamera schlummert); die waren ihm gezielt geklaut worden.

Es ist unsere Bequemlichkeit als Kunden, die eine technische Aufrüstung anheizt, die aus einem gebogenen Blech mit Rädern ein Ensemble von Computern macht, das nur noch ein sehr guter Rechner steuern kann, während ein recht schlechter das Lenkrad hält. Ich habe das Bild der Velberter Schleifer noch im Kopf, die bedeckt mit Metallstaub auf ihren Böcken saßen, kistenweise Bier soffen und Gussteile entgrateten; dazu braucht es heute einen Kybernetiker. Das ist der technologische Sprung.

Das andere ist die Inflation. Fünf Euro sind nach richtigem Geld zehn Mark. Für eine Scheißbatterie. Nun, der Kaffee, den ich mir nach meinem Werkstattbesuch beim Bäcker geholt habe, kostet 4,80 €; auch zehn Mark. Für ne Tass Kaff. Fazit? Eine Binse. Wir sind zum Strukturwandel gezwungen; das ist der Schlüssel.

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MUT ZUR LÜCKE.

Eine große Rede für eine gute Sache, die Zustimmung findet, vielleicht sogar Begeisterung erzeugt, die ist nie und nimmer vollständig. Wie leidet doch ein Publikum, wenn seine Geduld durch eine endlose Aufzählung strapaziert wird. Längst ist die Absicht des Vortragenden erraten und das Anliegen unter Umständen sogar gebilligt, da kommt der Rhetor noch mal vom Hölzken auf‘s Stöcksken.

Ohne ein harsches Urteil über den Gast fällen zu wollen, komme ich zu diesem Gedanken um den Segen der Selektion, als ich im Industrie Club zu Düsseldorf einem Granden des Montanen lausche. Ja, das ist jener Ort, an dem Hitler die Thyssens seiner Zeit für die Aufrüstung gewann; nicht jüngste, die davor. Es spricht heute der Chef der Salzgitter AG, ein gediegener Mann, zuvor der Wind-Mops von Vattenfall, der dem „grauen“ Stahl eine Zukunft geben will als grünem und dabei dem Wasserstoff als Medium zu huldigen hat. Die Franzosen halten das für Unsinn, trotz Staatsknete; aber was wissen die schon.

Es muss hier für alle revierfernen Seelen eingeworfen werden, dass der aus Steinkohle gewonnenen Koks in der Stahlerzeugung nicht dem Heizen dient, sondern als Reduktionsmittel von Nöten ist. Einfach gesagt: Er ist anders als bei Omas Einzelofen nicht durch eine Wärmepumpe zu ersetzen. Deshalb ist in den ehemaligen Hüttenwerken Hermann Göring künftig dem Elektrolysör nichts zu schwör. Das aber ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der Vortragende bemüht sich um alle Argumente für einen grünen Stahl an der Leine und der Peine, auch das der sozialen Verelendung, wenn Industrie schlicht und brutal wegbricht. Und das ist ein sehr ernster Hinweis; wer wüsste das nicht besser als ein Junge von der Ruhr. Heute schon schreit der Niedergang aus Essen, Bottrop, Gelsenkirchen. So dann auch in Salzgitter, das sie vor Ort schon jetzt Salzgetto nennen. Aber es war an diesem Abend wohl doch ein Argument zu viel.

Dabei erinnere ich mich an einen Vortrag zur Elektromobilität, den ich vor Jahren andernorts in Niedersachsen hörte, als noch nicht so ganz klar war, was die kalifornischen Oligarchen so frühstücken und warum sie es durch die Nase tun. Es wurde nach vierundfünfzig anderen Argumenten zugunsten des E-Autos auch noch angepriesen, dass ich die irgendwann lendenschwache Megabatterie ja anschließend, wenn zum Ampelspurt zu schwach, in den Keller meines Hauses nehmen könne und dann mit Balkonsolar füttern, um die Pumpe im Goldfischteich zu betreiben oder das Wasser für die Kois zu wärmen. Das sollte den notorisch drohenden wirtschaftlichen Totalschaden der E-Schüssel versüßen. Ein Argument zu viel.

Wer den Mut zur Lücke gefasst hat, wird durch den Charme der Ellipse getröstet. Diese Finesse der Rhetorik spart bewusst aus, was das Publikum dann zu ergänzen hat; worüber es sich freut, so es gelingt. Wem das zu risikoreich ist, der ersetze das Mittel durch ein Ziel. Mit diesem rhetorischen Trick erspare ich mir Details und andere Umständlichkeiten des praktischen Lebens und verlocke das Publikum, in den Himmel zu blicken. Im Englischen prägnant „pie in the sky“ genannt.

Beispiel? Weltfrieden durch deutsche Elektro-Panzer aus grünem Stahl.