Logbuch
GAFFER & FLANEUR.
Die Großstädte beherbergen einen stetigen Fluss von Menschen, morgens hinein, abends raus. Eine im Gleichschritt dahin eilende Horde. Viehtrieb. Zwei Typen widersetzen sich dem. Der GAFFER und der FLANEUR. Eine Beobachtung.
Wenn auf der Autobahn sich die Gegenfahrbahn staut, auf der gar niemand verunfallt ist, so liegt das an den GAFFERN. Diese Vorbeifahrenden wollen einen eigenen Augenschein vom Unglück und gewähren ihrer Neugier die nötige Zeit. Geborstenes Blech und vergossenes Blut, welch eine Attraktion. Mitleidloses Mitleiden.
Der GAFFER ist eigentlich eine Erscheinung der Großstadt des 19. Jahrhunderts. Er ist ein namenloser Passant, den eine Ungeheuerlichkeit lähmt: mit offenem Maul bleibt er stehen und glotzt: Ein Selbstmörder wird aus dem Fluss gezogen, ein Pferd wegen des Beinbruchs erschossen, eine umgestürzte Tram, ein Auflauf. Am Rande dessen die unbändige Neugier in Gestalt eines einzelnen Tropfes, der starr starrt. Der gefesselte Blick auf das Boulevard, später dann in die gedruckte Boulevardzeitung, dann ins elektronische Boulevard des Internets. Mitleidloses Mitleiden.
Das aufgerissene Maul ist allen Dummköpfen als Ausdruck der Verwunderung gegeben. Geifer trieft aus den Mundwinkeln, ein fast tierischer Zustand der Sensationslust. Medial vorgelagert ist dem GAFFER der PAPARAZZI, ein Fotograf mit einem Gafferblick, der jenen Futter liefert, die den ungeheuerlichen Moment versäumen mussten. Der GAFFER ist männlich, schlecht gekleidet und wortkarg. Sein symbolischer Ort im Leben ist eigentlich nicht das Trottoir, sondern der piefige Balkon, von dem aus man sich am Leben delektieren kann, insbesondere wenn es tragisch scheitert, ohne an ihm teilnehmen zu müssen. Oder die Fensterbank. Sagen wir es offen, der GAFFER ist das wahre Subjekt der Massenmedien. Analog wie digital.
Sein Pendant auf den Gehsteigen der großen Städte ist der FLANEUR. Nie bliebe er wegen eines äußeren Anlasses stehen, um mit aufgerissenen Mund auf ein Unglück zu starren. Nie eilt er schnellen Schrittes. Der FLANEUR geht gemächlich seiner Wege, es ist sogar fraglich, ob er ein Ziel hat. Jedenfalls macht er keine Botengänge. Ein Spaziergänger der Metropole. Der FLANEUR ist an allem interessiert, aber von nichts in Beschlag genommen. Er ist etwas zu gut gekleidet, von ungeklärtem Vermögen und riecht auch vormittags leicht nach Absinth. Da er ausschließlich gemäßigten Schrittes unterwegs ist, findet er sich nie in asiatischen Metropolen. Sein symbolischer Ort ist das linke Seine-Ufer (rice gauche) und ein Kaffeehaus von der Klasse des Deux Magots. Wien oder London oder Dublin, das geht auch.
Wenn der FLANEUR aus den Augen des Publikums schwindet, hockt er heimlich und nächtelang in Lesesesseln und liest. Der Flaneur liest viel. Er liest alles. Und ab und an notiert er etwas. Etwa: “Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“
Logbuch
DIE LILIENMANN.
Als Stammkunde eines Blumenladens genieße ich eine besondere Anredeform, die getrost als Sondersprache (Idiolekt) gelten könnte; es tut sich aber Kritik auf, ob ich als Deutschdeutscher diese Dialoge mit einer Vietdeutschen so wiedergeben darf. Versuch, einer Sprachverwirrung entgegenzuwirken.
Die Inhaberin meines kleinen Blumenladens in der U-Bahn Berlins kam Ende der Achtziger Jahre als Vertragsarbeiterin aus Vietnam in die damalige DDR und arbeitete in einer Schuhfabrik als Näherin. Die Umstände waren anders, als man es von einem Arbeiter- und Bauernparadies hätte erwarten können. Nach der Wende stand sie mit Mann und kleiner Tochter auf der Straße und floh in die Selbstständigkeit des Blumenhandels. Hier schien die Schwelle der Erstinvestionen niedrig. Sie ist sehr fleißig und lebt mit der exzessiven Selbstausbeutung vieler Familienbetriebe, zumal von Migranten. Ihre Tochter hat inzwischen Abitur und Studium absolviert und ist als Journalistin tätig. Respekt, in allen Punkten.
Nun zu unserem Spiel. Ich erwerbe bei ihr, wenn ich in der großen Stadt bin, wöchentlich einen Strauß Lilien, und zwar zum ausgewiesenen Preis. Sie begrüßt mich freundlich mit DIE LILIENMANN und spricht von sich in der dritten Person als DIE BLUMEFRAU. Wir haben Freude aneinander, was in dieser Stadt eine Ausnahme ist, weil die Eingeborenen eher einem schnoddrigen Ton ironischer Beleidigung pflegen. Dass es Vietdeutsche als Begriff überhaupt gibt, wusste ich vorher nicht; auch das Deutschdeutsche ist relativ, mein Urgroßvater migrierte aus Ostpreußen (heute Russland) an die Ruhr, für Berliner bin ich (man spricht das mit leichtem Ekel aus) ein Westdeutscher. Wir alle sind Ausländer, fast überall.
Jetzt die Frage, ob man den Idiolekt unserer Gespräche wortwörtlich wiedergeben darf. Oder liegt in dem Imitieren von Dialekt und Soziolekt eine Diskriminierung? Ich meine: Schwäbisch in Kreuzberg oder Türkisch in Moabit oder Denglisch in der Start-up-Bude, äfft man das nach? Sagt man als Westdeutscher „Dit iss Bahlin?“ Ich könnte auch umgekehrt fragen: Warum darf das nur die BVG? Lehrsatz: Mundart darf; hat schon Luther befunden, der die neuhochdeutsche Schriftsprache dadurch geprägt hat.
Schlussbemerkung der Inhaberin des Blumenladens, sicherheitshalber paraphrasiert: Es mögen sich bitte die raushalten, die nur zu Muttertag oder zum Valentinstag bei ihr auftauchen, dann allenfalls Hartgeld ausgeben und deren Blumenschmuck zuhause aus zwei Plastikrosen besteht, die sie auf dem Rummel geschossen haben. Davon könne kein Mensch leben. Recht hat sie, sagt hiermit und amtlich auch die Lililenmann.
Logbuch
DAS HINTERHAUS.
So nannte Anne Frank ihr Tagebuch aus dem Versteck, als die Nazis das besetzten Amsterdam von der jüdischen Bevölkerung „säubern“ wollten; was den Schergen leider weitgehend gelang. Auch Anne Frank wurde umgebracht.
Noch im März 1945 starb sie, wenige Wochen vor der Befreiung, im KZ in Bergen-Belsen. Ihr Tagebuch von 1942 bis 1944 erschien 1947 in Holländisch erstmals. Ein Dokument, wie sich die Seele eines heranwachsenden Kindes gegen die Barbarei stemmt. Es folgt ein schwierige Publikationsgeschichte mit Versuchen auch der Holocaust-Leugnung. Heute besuchen jedes Jahr eine Million Besucher in Amsterdam das Hinterhaus, ein Museum zu ihrem Gedenken. Gut so, vielleicht etwas zu touristisch gehalten.
Das Hinterhaus ist ein Kristallisationspunkt der Geschichte. Anlass für eine amerikanische Autorin jetzt eine „cold case investigation“ im Stile der „true crime novels“ zu veröffentlichen, die der Frage nachgeht, wer das Versteck damals an die Nazi-Polizei verraten haben könnte. Beim Sicherheitsdienst SD hatte Leutnant Julius Dettmann vom Referat IV B4 einen Tipp zum Versteck erhalten und schickte Unteroffizier Karl Josef Silberbauer los, der dort am 4. August 1944 fündig wurde. Wer aber war der Verräter bei dem „true crime“ ?
Mir behagt diese Verwurstung von Geschichte (Historie) zum Krimi-Stoff (Histörchen) nicht. In meiner Familie wiegt der Ernst dieser Zeiten nach. Tanten, die als Nonnen ein Waisenhaus in Holland leiteten, versteckten damals jüdische Kinder vor den Nazis, indem sie ihnen neue Identitäten gaben. Die Familie hatte mit einigen der so Überlebenden noch lange nach dem Krieg Kontakt; die Mutter von drei der versteckten Kinder überlebte zudem das KZ. Wären sie dabei erwischt worden, die tapferen Nonnen aus Deutschland, hätte es kurzen Prozess gegeben. Es ging gut; die versteckten Kinder überlebten. Das Thema hat eine gewisse Schwere.
Das verwurstet man nicht zum Krimistoff. Und selbst, wenn man nun den Verräter ermittelt hätte … Wir wollen hinter den Herren Silberbauer und Dettmann (siehe oben) bitte nicht all die Herren hinauf bis zu Hitler und Eichmann vergessen. Und jene Nachbarn, die hätten helfen können, aber weggeschaut haben. Ich lese in einer fabelhaften amerikanischen Rezension, die Frage, wo eigentlich das holländische Königshaus zu der Zeit war. Und wie die restliche Welt mit den jüdischen Flüchtlingen umgegangen ist. Gute Fragen, aber bitte nicht als larmoyanten Tatortstoff.
Logbuch
AN DER QUELLE SASS DER KNABE.
Der Sommer erinnert auch grimmige Germanen daran, wie schön ein Leben sein kann, das sich nicht vor den Garstigkeiten der Natur schützen muss. Da werden auch die Höhen, wo sonst der Wind so kalt weht, zum Land, in dem die Zitronen blühen. In diese Idylle hinein ragen Botschaften aus der Politik, die verstimmen. Ich meine nicht den wiedererwachten Geist der Rüstung, sondern Energiefragen. Obwohl das zusammenhängt, aber das kriegen wir erst später.
Der Ausbau der Kernenergie ist in meinem Vaterland endgültig gescheitert, da es die Industrie selbst nicht geschafft hat, Fragen der Akzeptanz in einer Bevölkerung zu lösen, die dem Hiroschima-Mythos nachhing. Ich darf das sagen, da ich dabei war, als der Tschernobyl-Schock die Nuklearen nicht lehrte, gar nichts. Früher Wackersdorf. Jetzt Urananreicherung.
Der grüne Traum, dass die Sonne keine Rechnung schreibe und der Wind Gottes gratis Morgengabe sei, ist zumindest unterbrochen. Das hat der Dilettantismus um das Diktat der Wärmepumpe dann doch gebracht. Zudem fehlte es am Willen zum Netzausbau. Marode Infrastruktur. Wie kann das Nationen passieren, die die Hanse groß gemacht hat?
Man müsste eigenes Öl & Gas haben, wie es der Herr den Norwegern geschenkt hat oder Laufwasser. Dann gälte, einen klugen Staatskorporatismus vorausgesetzt, dass Regen Segen ist. Oder Flüsse müsste man am Fließen hindern können. Think Big. Zumindest Bigge, wie man es ja mal gekonnt hat. Oder ging es bei der Biggetalsperre um Trinkwasser? Egal. Das nächste knappe Gut.
Jedenfalls streichen Pat und Patachon, die Herren Merz und Klingebiel, in ihren taubenblauen Anzügen tumb die Wahlkampfversprechen des billigen Stroms. Bei den Tankstellen kann man sich ohnehin darauf verlassen, dass sie jeden Cent holen, der noch geht. In God we trust, the rest pays cash. Und der russische Hahn ist dauerhaft dicht.
Unter den Pensionären sehe ich jene modernen Nomaden, die heimatlos dem Sommer hinterher reisen und von mediterranen Inseln grüßen, bald sogar aus Asien oder vom Mars, fragen Sie Musk. Das scheint mir wie Verrat. Ich genieße den Sommer und blicke wehmütig auf den Kamin, der gerade Pause hat. Bald schlagen wir wieder Holz, auf dass die Buche uns winters wärme. Öl im Tank.
Man sinniert im Sommer über seltenes Glück. Frieden mit der Natur und dem Nachbarn. Und könnte es sein, dass es bei fast allen kriegerischen Händeln darum geht, wer wem den Hahn zudreht? Ich frage für einen Freund.