Logbuch

War eine stille Nacht.

Geweckt hat mich heute das Geräusch eines vorbeifahrenden Lasters und gelbes Blinklicht, das hinter den Vorhängen aufschien. Der Räumdienst. SCHNEE. Eis und Schnee? Doch noch eine WEISSE WEIHNACHT ? Das wär was. Der ganze Schmuddel verschwunden unter Puderzucker. Weiß ist die Farbe der Unschuld. Das unbefleckte Laken. IMMACULATA. Die Sehnsucht nach dem Paradies, jedenfalls dem Ort kindlicher Unschuld. Ein Ort, an dem wir alle lebten, bevor die Schlange (der Teufel) Eva, dem sündigen Weib, riet, Adam dahingehend zu verführen, dass er vom verbotenen Baum der Erkenntnis aß. Biss in den Apfel. Apple zeigt deshalb den weißen (!) Apfel und zwar angebissen (!). Schlau die Werbefuzzis. Spielen mit dem Urgründen unserer Seelen. ARCHETYPEN. Eine weiße Welt nach all dem Scheiss in diesem trüben Jahr. Das wäre es. Noch ist es draußen zu dunkel, um zu sehen, ob das Sehnen erfolgreich ist. Bis gleich!

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Was ist die eigentliche Aufgabe von einem REDENSCHREIBER?

Also so klugen Menschen, die den Mächtigen aufschreiben, was sie sagen sollen. Zum Beispiel URSULA VON DER LEYEN oder MICHEL BARNIER. Nein, nicht die Inhalte; die liefern die Fachabteilungen. Das muss man nur verwursten, also sprechbar machen. Dabei hilft eine gewisse Oberflächlichkeit. Gesundes Halbwissen ist noch immer mindestens doppelt so viel, wie man in eine solche Rede reinkriegt. Da die Fakten stimmen müssen, sollte man sparsam mit ihnen umgehen. Der GHOSTWRITER muss vor allem einen einzigen einprägsamen Satz finden, an den sich jeder erinnern kann. Im Englischen nennt man das „sound bite“ oder „catch phrase“. Das ist leichter gesagt als getan. Der Chefunterhändler der EU, Michel Barnier aus Fronkreisch, sagte gestern: „Ze clock is no longer tickin!“ Na ja, nicht schlecht, aber auch kein Knaller. Unterstellt allerdings, dass eine Terrorbombe zu entschärfen war, was ein schöner Schlag unter die Gürtellinie ist. RÖSCHEN aber, die Frau Doktor aus Hannover, die für Merkel Europa führt, Röschen hatte einen guten GHOSTWRITER. Er schrieb ihr was von SHAKESPEARE rein, aus ROMEO UND JULIA. Achtung: „parting is such a sweet sorrow “. Hammer. Ein Stabreim und ein Oxymoron in einem Satz. Ich bin kein Shakespeare-Übersetzer, aber es müsste etwa so lauten: TRENNEN IST EINE SO TREFFLICHE TRAUER. Oder: süße Sorge. Echt gut. Was habe ich zu meinen Zeiten als Redenschreiber gemacht, wenn mir partout nix einfiel? Ein Goethe-Zitat frei erfunden. Niemand gibt zu, dass er den Faust nicht gelesen hat. Oder einen Allerweltsspruch ins Mittellatein übertragen und ihn Cato dem Älteren zugeschrieben. Merkt auch kein Schwein. Aber einem SCHEIDUNGSWILLIGEN, der raus will, nix wie raus, zur vollzogenen Trennung ein Liebeszitat nachzurufen, das von dem liebsten aller Liebespaare auf dem sprichwörtlichen Balkon in Verona stammt, das ist schon meisterhaft. Chapeau!

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Grubenpferde waren untertage scharenweise im Einsatz. Bevor die Druckluft und der Strom ihre Kraft ersetzten. Natürlich verblieben sie nach Schicht dort. Ihr Augenlicht passte sich an; sie kamen bei der Nacht ganz gut zu recht. Wurden sie „auf Rente“ zu Tage gebracht, erblindeten sie oft. Bergmanns Schicksal, der Knappschaft nur kurz auf der Tasche gelegen. Grubenpferde erblinden über Tage. Meint: BERATER gehören ins Back Office, nicht auf die Bühne. Habe ich mich leider nie dran gehalten. Späte Reue.

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NOCH SO EINE GESCHICHTE.

Leo Kofler hieß nicht wirklich so, nahm ich an. Mich hatten zwei seiner Pseudonyme irritiert, da sie beide den Anspruch auf WAHRHEIT formulierten. Man konnte bei Stanislaw Warynski noch im Zweifel sein, bei Jules Dévérité schon nicht mehr. Julius von der Wahrheit. Unter dem polnischen wie dem französischen Tarnnamen hatte er publiziert; ich glaube sogar zunächst seine Diss, dann seine Habil.

Leo war Spross jüdischer Großgrundbesitzer in Galizien, heute Ukraine; seine Familie floh vor den zaristischen Truppen nach Wien, wo er bei Max Adler hörte. Nach Halle an der Saale verschlagen, musste er vor dem DDR-Regime fliehen und hat es in Köln nur zu Lehrtätigkeiten an Volkshochschulen bringen können, bis er in Bochum die Lehrstuhlvertretung des Soziologen Urs Jaeggi bekam. Welch ein Leben.

Ich machte in einer seiner Vorlesungen das Hänschen und wurde zu seinem Spottobjekt. Er nannte mich einen „Großbürger aus kleinen Verhältnissen“; und das kam so. Kofler sprach, wie eigentlich immer, über Georg Lukacs und räumte ein, dass er nicht wisse, wo das Motto von dessen „Ästhetik“, ein Marxzitat, bei Marx stehe. Zufällig hatte ich die Stelle aber am Vorabend entdeckt und hob den Finger. „Da kann ich aushelfen, Herr Professor.“ Ich gab den Flaneur.

Leo war tief beeindruckt und fragte mich etwas, was ihm gar nicht zustand, aber typisch Kofler war, nämlich ob ich großbürgerlicher Abstammung sei. Ich konterte lachend: „Nein, aus kleinsten Verhältnissen!“ Damit war ich künftig, überall, wo er mich am Institut sah, der Bourgeois de Petite. Im Spott des großen Kofler zu stehen, das war schon was.

In der Tat war meine Klugschwätzerei etwas keck formuliert. Ich hatte nämlich eine französische Phrase genutzt, die später zu einiger Berühmtheit kommen sollte. Ich hatte in den Hörsaal gerufen: „Lire le Capital!“ Ja, so war das, als die Soziologie noch wesentlich war. Ich schwör. Beim Julius von der Wahrheit.