Logbuch
FAKE.
Neues aus der Wissenschaft. Was ist fachlich das Wesen der Fälschung, wie sie unter Donald Trump sogar höheren Orts eingezogen ist? Die amerikanische Presse hat dazu einen neuen Kommentarmodus: „facts first“! Ob das hilft?
Die Bestimmung von Fälschungen oder Fake News ist dichotomisch, also zu ihrem Gegenteil, schwierig. Was ist denn auf der anderen Seite? Wahrheit, gar absolute Wahrheit? Oder Wirklichkeit? Die wirkliche Wirklichkeit? Im Sinne einer realistischen Weltsicht? Ist „fake“ dem Wesen nach nun das Fiktive oder etwas Fiktionales? Was liegt also zwischen Factum, Facsimile und Artefakt? Über die Kunst zu lügen.
Eine veritable Lüge enttarnt sich erst durch den Nachweis des Vorsatzes, sprich durch den Konflikt des enttarnten Lügners mit dem so Getäuschten. Was aber ist, wenn das Gegenüber getäuscht werden will? Propaganda bedarf zu ihrer Wirksamkeit nicht des Wahrheitsbeweises; ihre Macht entfaltet sich auch im Kontrafaktischen.
Ich lese bei Martin Doll (Fälschung und Fake, Berlin, Kados, 2022, 3. Aufl., S. 35, Anm. 43) einen weitreichenden Hinweis in rhetorischer Anlehnung an Karl Popper, nämlich dass Originale nur so lange zirkulieren, wie sie nicht falsifiziert wurden und ihr Nachleben als Fälschungen fristen müssen, einen Vorgang, den er passim als „Kipplogik“ oder „Enttarnung“ bezeichnet. Sein Lehrsatz: Eine „Verifikation von Originalen (ist) nicht möglich, wohl aber deren Falsifikation.“
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PFINGSTEN.
Ostern ist so albern wie Weihnachten. Jedenfalls als Brauchtum. Weder Lametta an immergrüner Tanne noch allzu buntes Hasenei bedeuten was. Aber Hoffnung naht.
Jetzt geht es auf Pfingsten. Ich erinnere eine vorwitzige Frage der Angela Merkel an ein christliches Publikum, wer denn sagen könne, wofür Pfingsten stehe. Da hatte das evangelische Urgestein, überwintert im Sozialismus, eben einen Vorteil, auch im Westen. Jetzt ist sie vergessen.
Es steht für sie noch ein Orden an, verliehen von Frank-Walter Steinmeier, den das Regnum des Gerd Schröder im höchsten Amte vergessen hat. Seine Ostpolitik und die Geschäfte seines Ziehvaters sind in Misskredit geraten, da Deutschland und Europa nur noch als NATO gedacht werden. Kluges dagegen von Macron.
Wo ist eigentlich Joschka Fischer? Vergessen und, wie ich höre, versoffen. Vielleicht auch aus Kummer, wie sein gutes Vorbild im Irakkrieg verschwindet hinter seinem bösen Vorbild im Balkankonflikt. Was ist heute noch grün, außer der Kommandowirtschaft des Jürgen Trittin? Wo Kreuze stehen müssten, auf den Hügeln der Christenheit, prangen Windmühlen.
Also, an Pfingsten wurde aus einem versprengten Haufen an nachgelassenen Trotteln die (!) christliche Kirche, indem die Jünger mit dem Heiligen Geist erfüllt wurden. Die Tradition spricht von dem Ausgießen des Heiligen Geistes. Aus Trotteln wurden Aposteln. Aus Schülern wurden Lehrer. Aus Vasallen Heroen.
Ich bin frei von jedem kirchlichen Engagement. Trotzdem halte ich Pfingsten für das wichtigste Fest des Christentums. Versteht kein Mensch. Wg. fehlendem Geist.
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STADTFLUCHT.
Wer von einer Wallbox in der Doppelgarage träumt, an die er sein Batteriegefährt aus Grünheide hängen kann, der gehört nach Dahlem. Bestenfalls. Oder Kleinmachnow in Brandenburg. Ich träume vom Traktor, nicht von Tesla.
Die Bundesministerin für‘s Bauen, eine Sozialdemokratin ostdeutscher Provenienz, rät den schlechtbehausten Städtern zum Umzug auf‘s Land. Dort sei Wohnen noch bezahlbar. Dazu könnte ich etwas beitragen. Ich teile mein Leben zwischen der Metropole Berlin und einem Dorf im Westerwald.
Viele Vorurteile gegen das Dorf entbehren der Berechtigung. Die Infrastruktur ist ausgezeichnet; unter einer Bedingung, worauf ich noch komme. Man zahlt hier für ein Landhaus, was in der Stadt eine Studentenbude kostet würde, wenn es sie auf dem Markt gäbe. Ich werde auf dem Land einen Glasfaseranschluss ans Internet haben, wenn Berlin noch im Rohrgraben steckt. Eine nahe ICE-Strecke verbindet mich mit drei bis vier großen Flughäfen, die alle funktionieren. Vier mal am Tag fährt ein Bus durch‘s Dorf. Man heizt mit Öl oder Holz. Alles gut.
Die Deutsche Bahn AG versagt im Management allerdings derart umfänglich, dass man auf‘s Auto angewiesen ist. Und das heißt auf den Führerschein. Ohne Fleppe bist Du hier der Depp. In Berlin bleibt das länger verborgen, dass man nicht alle Tassen im Schrank hat. Es gibt einen schlecht geführten, aber dichten ÖPNV; aber eigentlich ist alles in „walking distance“, der Berliner verlässt nämlich selten seinen Kiez. Die wahren Dorfdeppen hausen in Dahlem oder Zehlendorf.
Man braucht auf dem Land also ein Auto. Aber da fehlt noch was. Die richtigen Kerle im Dorf haben auch noch einen Schlepper. Das ist ein restaurierter Trecker mit gut fünfzig, lieber siebzig Jahren auf dem Buckel. Damit holt man samstags Brötchen. Der Diesel tuckert noch so, dass man seine Mechanik mithört. Ohne das bist Du hier nix.
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VON DER PÜNKTLICHKEIT.
Niemand, der auf die Deutsche Bahn angewiesen ist, ahnt noch, dass dereinst die Bahnhofsuhr ein Symbol für Pünktlichkeit war. Sogar die Einrichtung von Zeitzonen soll mit der Eisenbahn zu tun gehabt haben. Jedenfalls galt der Fahrplan als Messtischblatt eines modernen und metropolen Diktats der Uhrzeit. Während ich das schreibe, tickt an der Wand eine viktorianische Office Clock; wenn aufgezogen und gestellt verlässlich seit 180 Jahren. Habe ich mal vom letzten Urlaubsgeld in Penzance, Cornwall, erworben.
Am Handgelenk bevorzuge ich Mechanisches, gerne Automaten der Schweizer Kunst. Nun leben wir in Zeiten, in denen parfümierte Proleten wie der „Kö-Klaus“ Marken wie Rolex ruinieren und selbst Sinn mittlere Qualität zu Omega-Preisen vertickt. Der asiatische Blender am russischen Handgelenk wird zum Paradigma des vulgären Geschmacks. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Es geht mir um Zeit als sozialem Regulativ.
Da ist nicht mehr alles Victorianisch. Davon weiß jeder ein Lied zu singen, der ein Unternehmen in Indien zu führen hatte. Selbst Subunternehmen kommen und gehen, wann sie wollen. Ich hatte in Mumbai eine Agentur in der Tür stehen, die geschlagene drei Stunden zu spät kam und meine Empörung darüber unverständlich fand. Es sei Monsun, da käme man nie durch. Ich frage sehr Deutsch, ob man, wenn das immer so ist, sich vielleicht darauf einstellen kann? Man kann. Die Herrschaften hatten Schlafsäcke mit. Falls es zu spät würde für den Heimweg. Alta.
Erinnert mich an die Verabredung des braven Soldaten Schwejk mit seinem Freund Wodischka, als jener gezogen wurde. Man vereinbarte sich auf einen Umtrunk im Kelch „um halb Sechs nach dem Krieg“. Das ist aus einer Zeit, als Kriege noch möglich waren, ohne dass ein kalifornischer Oligarch dazu das Internet zur Verfügung stellt. Oder es nachts im Himmel über Rammstein brummt.
Meine eigentliche Beobachtung ist eine charakterologische. Es sind immer die gleichen Typen, die unpünktlich sind. Es kann also nicht an den äußeren Umständen liegen. Für einen Mann von Welt gilt das „akademische Viertel“ in umgekehrtem Sinne. Er ist 15 Minuten vor Termin am Ort und tritt 5 Minuten vorher ein. Semper sine tempore. Für eine Frau von Welt gelten andere Regeln, die zu erörtern mir versagt ist. Semper cum tempore.
Gibt es das noch? Zeitangaben mit c.t. oder s.t.? Vergangene Zeiten. Jetzt wäre noch was zur Generation Z zu sagen, aber das malte dann ein Bild, von Schwejkscher Präzision in indischen Farben. Doppelter Horror. Pünktlich wie die Bahn. Das überfordert mich und meine Office Clock.