Logbuch

FEIGHEIT.

Angesichts von wirklichem Elend am Sessel zu kleben und politische Verantwortung doppelbödig zu leugnen, das wird zurecht geächtet. In Mainz fällt eine Memme. Alles roger.

Über ein ganzes Jahr hat der verantwortliche Minister in Rheinland-Pfalz namens Roger Lewentz geleugnet, dass er das Ausmaß der Ahrtal-Katastrophe sehr früh kannte; erst als weiteres Lügen nicht mehr half, trat er jetzt zurück. Ein Lehrstück zur Verachtung, die die politische Klasse sich verdient, indem sie laviert.

Die SPD trägt keine Verantwortung für den Starkregen an der Ahr. Das war eine unhinderbare Naturkatastrophe; jedenfalls, wenn man die enge Besiedlung eines engen Tals für unvermeidlich hält. Ich verneige mich vor dem Schicksal der Opfer, den Toten und Verletzten, ihren Angehörigen und den dramatisch Geschädigten. Politisch aber hat man mit Schmach eine grüne Bundesministerin über die Wupper gehen lassen und einen schwarzen Landrat, während sich der jetzt gestürzte Sozi unter dem Rock seiner roten Ministerpräsidentin versteckte. Malus Mann für den Mittelrhein. Was für eine Memme!

Wohlgemerkt: Ich bin froh, dass ich in einem solchen Fall noch keine Verantwortung tragen musste. Ich lese aber jetzt von dem ehemaligen Chefredakteur der Rhein Zeitung, dass schon am Nachmittag, also noch im Hellen, das Ausmaß der Katastrophe im Netz erkennbar war; der Mann ist klug, kein Hetzer, und ich glaube ihm. Das macht für mich die Einlassung des endlich gestürzten Innenministers, er habe nächtens im Lagezentrum kein klares Bild der Katastrophe gehabt, so unglaubwürdig. Zudem habe ich dessen bräsige Art, das muss ich zugeben, nie gemocht. Ich bin nicht frei von Häme.

Aber: Wenn zum Ur-Narrativ der Sozialdemokratie der Helmut Schmidt der Hamburger Flutkatastrophe gehört, so ist das Urteil über den herumeiernden Roger Lewentz vom Mittelrhein gesprochen. Die rheinland-pfälzische SPD wird ihr Management in den Fällen Nürburgring, Flughafen Hahn und Ahrtal noch sehr lange erklären können müssen. Und das sage ich, obwohl mir manche Polemik der oppositionellen CDU auf den Senkel geht. Aber mein Anspruch an das Staatsmännische wie an einen anständigen Kerl, der ist hier unterboten. To say the least.

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TITELEI.

Im Österreichischen ist das Führen von Titeln Bürgerpflicht. Das finde ich zwar eitel, aber richtig. Einen Abschluss erreicht zu haben, ehrt ein Leben lang.

Mein Widerwillen gegen den Schwimmunterricht, den ich als Schüler nachmittags freiwillig genießen durfte, muss groß gewesen sein; bis heute erinnere ich den Fußweg zu dem Hallenbad, diese elenden Umkleidekabinen und das schlechtgelaunte Desinteresse meiner Schwimmlehrerin. Ich muss es gehasst haben. Aber, so die Vorgabe meiner Frau Mutter, ich sollte einen „Frei- und Fahrtenschwimmer“ erwerben. Den Abschluss bildete ein Sprung vom Dreimeterturm, den ich zu wiederholen hatte, weil ich auf dem Bauch gelandet war. Und wieder wie Sack Kartoffeln aufkam. Aber ich habe es zu Ende gemacht.

Wie ich mein Abitur geschafft habe, weiß ich gar nicht mehr, es muss an meiner Penne ein Übermaß an pädagogischer Förderung gegeben haben. Erst bei den Staatsexamen und der Promotion hatte ich einige Routine (und schon wieder unverdient großzügige Förderung). Der einst schwache Volksschüler ging schließlich „summa cum laude“ durchs Ziel. Und ich führe penetrant die auf dem Weg erworbenen Titel, wozu man durchaus eine andere Meinung haben kann.

Mir missfallen die selbstbewussten Versager in der Politik. Die endlosen Studien vieler Vertreter der politischen Klasse, die sich zwanzig Semester mit Erdkunde für das Lehramt an Berufsbildenden Schulen haben alimentieren lassen, ohne jemals auch nur in die Nähe einer Zwischenprüfung gekommen zu sein, geschweige denn examiniert zu haben, sehe ich mit minderem Respekt. Dabei ist mir eine Meisterprüfung im Handwerk so viel wert wie ein Doktortitel. Oder zehn Jahre Wechselschicht. Aller Ehren wert. Dagegen: Nix gelernt, nix gearbeitet? Durchgemogelt? Paaah. Der Preuße in mir will Hürden genommen haben.

Das notorische Drückebergertum der Apparat-Schicks, die es dann wegen Stallgeruchs in ein Parteiamt oder ein Parlament geschafft haben, es imponiert mir nicht. Punkt.

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TOO MUCH INFORMATION (TMI).

Der Dichter steht, von der Taille an entblößt, mit den faltig gelben Hühnerbeinen der Greise in der Küche und kühlt sein Skrotum am Kühlschrank mit Eiswürfeln. Wer will das wissen?

Wir kennen nun, was nicht zu wissen, man eigentlich hoffen müsste. Wir wissen, wie ein alter Mann in Truro, Cornwall, UK, von seiner zwanzig Jahre jüngeren Ehefrau sexuell unterhalten wurde. Die Dame hat den Tod ihres berühmten Gatten genutzt, um die Welt mit einem Enthüllungswerk um eine weitere Peinlichkeit reicher zu machen. Man kann bei Suleika, so ihr Vornamen, banalste Details zu dem Ritual lesen, sexuellen Dingen an ungewöhnlichen Orten nachzugehen.

Entehrt wird der Schriftsteller JOHN LE CARRE, der aus einer peripheren Geheimdiensttätigkeit ein Romanwerk geschaffen hat, das den Nicht-Engländern als Ausdruck der englischen Seele galt. Ich selbst habe nachweisen können, dass mindestens eines der Werke von einem Ghostwriter verfasst wurde (nämlich Michael Jürgs); aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Der Diskrete wurde von seiner nachgelassenen Konkubine post mortem zur Indiskretion; jetzt verstellt eine leichte sexuelle Devianz die literarische Verehrung. TMI.

Max Frisch wurde eine ähnliche Indiskretion von seinen Angehörigen vorgeworfen, als diese entdeckten, von dem Greis ungefragt und ungewollt schlicht abgekupfert worden zu sein. Man trägt sein Privates nicht zu Markte. Dies ist wirkliche Pornographie, eine nackte Seele, gegen die ein bloßer Hintern noch zurückhaltend wirkt. Das Bild der Hühnerbeine des Greisen kriegt man nicht mehr aus dem Kopf.

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MISTVIECHER.

Da können sie von mir aus ins Bundesnaturschutzgesetz reinschreiben, was sie wollen, Wespen sind das letzte. Zu rein gar nichts nütze und eine echte Plage. Ins Gesicht wollten sie mir fliegen, vielleicht sogar den gerade essenden Mund, eine leichte Wischbewegung mit der linken Hand, und was macht das Mistvieh? Es sticht mich mittels giftbewehrtem Stachel in den Zeigefinger der linken Hand. Ich kann nun nur mit der rechten und einem Stift tippen, während Soventol und Verband die Linke verhüllen. Wounded soldier.

Ich bin Rechtshänder, was die Verfertigung von Manuskripten angeht, also das Handschriftliche. Und habe eine Handschrift von Charakter, nicht so ein Realschüler-Gekrakel. Rechtshänder. Tintenfüller. Das galt mein ganzes Leben, auch im Handwerklichen, das mir allerdings eher nicht lag. Man hätte mich ungeschickt nennen können. Was den Händen versagt blieb, kompensierte ich mit dem Mund; so wurde kein Stargeiger oder Goldschmied aus mir, nur ein Rhetor. Jetzt die Entdeckung vor zwei, drei Jahren. Ich halte unbewusst das iPhone mit rechts und tippe mit links. Dieses Logbuch wird mit Links geschrieben. Ich bin wirklich überrascht.

Das weckt den Verdacht in mir, dass ich ein umgeschulter Linkshänder bin; das wäre eine dramatische Fehlentscheidung meiner Frau Mutter gewesen, die auch in protokollarischen Fragen so etwas kannte, wie das schöne Händchen, das man zu geben hatte. Heute glaube ich, dass die Bevorzugung der Linken eine Gabe der Götter ist, eine Auszeichnung für besonders feine Seelen. Ein solches Stigma der besonderen Anmut trainiert man nicht weg. Ich erinnere mich, dass meine Mutter die Hausaufgaben für mich machte und die Lehrerin erst gar nicht an meine Schrift gewöhnte.

Man konditioniert Linkshänder heutzutage nicht mehr um. Das ist pädagogisch klug und dem Willen des Himmels entsprechend. Sie sind gewollt etwas Besonderes. Das macht den Frevel der Wespe von gestern besonders bös. In den linken Zeigefinger, digitus poetae, elendes Mistvieh.