Logbuch
EINE BRAUNE KANZLERIN.
Fast achtzig Jahre nach der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg und der Befreiung meines Vaterlandes vom Faschismus diskutiert man noch immer darüber, was das war, das die Deutschen ergriffen hatte. Das finde ich sehr gut.
Die AfD bescheinigt der Generation der Väter und Großväter, keine Verbrecher gewesen zu sein. Wir wissen, dass das so nicht stimmt. Sie will die Epoche als Fliegenschiss verharmlost wissen. Wir wissen, dass das tief unangemessen ist. Die Unterscheidung im Militärischen von Siegermächten erster und zweiter Klasse ist das Narratem des Kalten Krieges, der im Übrigen nicht beendet ist. Mal drüber nachgedacht?
Die Provinzposse Aiwanger ist nicht relevant, weil es einen Nazi-Bengel im Alter fast politisch erledigt hätte, sondern weil sie zeigt, wie weit verbreitet der Wunsch nach einer Normalisierung des Faschismus noch immer ist. „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Das sagt Aiwanger. Man kann einer historischen und politischen Bildung nur dankbar sein, die diese Frage offen hält. Ja, die Süddeutsche Zeitung hat sich publizistisch blamiert, aber der Mistgabel-Trumpismus bedarf der Gegenwehr. Wie das Angebot der nicht-queeren Dame in Lesbenehe als Kanzlerin bereit zu stehen.
Historische Verantwortung besteht darin, nicht zu vergessen, was wirklich geschehen ist. Wir reden nicht moralisierend über Schuld; die trifft immer nur den Täter je einzeln. Wir reden nicht über Wahrheit; das ist ohnehin eine politische Kategorie, und zwar die der Sieger. Wir reden über Wirklichkeit. Deshalb kann der Witz über den Kamin von Auschwitz und das Hakenkreuz auf der Toilettentür als Idiotie verziehen werden, aber eben nicht geleugnet.
Der Mistgabel-Trump ernennt sich zum Opfer. Und mit ihm uns alle. Nein danke. Ja, Du sollst Deines Bruders Hüter sein. Oder Deiner Schwester, wenn Frau Weidel Kanzlerin werden will. Ausgeschlossen ist das nicht. Söder nennt das eine bürgerliche Koalition. Mit einer politischen Ehe von Merz & Weidel gingen der Ampel die Lichter aus. Alice im Wunderland.
Logbuch
DENK MAL.
Schon eine knappe Woche nach seinem Tod war der deutschstämmige Komponist GEORG FRIEDRICH HANDEL (geborener Händel) für das stattliche Begräbnis in der WESTMINSTER ABBEY hinreichend vorbereitet. Ich zahle 27 Pfund Sterling Eintritt, um das Denkmal zu sehen, das sein Grab ziert.
Der Nachruhm des Thüringischen Genies in London ist kein Zufall. Händel hat in seinem Testament allein für das Grab 600 Pfund Sterling vorgesehen; für Mitte des 18. Jahrhunderts eine Irrsinnssumme. Vieles, was wir über sein Leben und Wirken zu wissen meinen, wird einer englischen Biografie zugeschrieben, die aber seiner eigenen Feder entstammt, resp. seinem Diktat.
Der erblindende Händel hat sie seinem Hausdiener Haymarket in endlosen Nächten diktiert, der sie unter dem Pseudonym Mainwaring erscheinen ließ. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Mich plagt der Gedanke, was er dem Bildhauer wohl als „Briefing“ in seinem Testament mitgegeben hat. Wie sagt man so was?
Hätte ich, was mir fern liegt, einen solchen Bedarf nach Nachruhm aus Stein, was würde ich mir vom Bildhauer als Pose wünschen? Sportlicheres als zu Lebzeiten. Und sonst? Die eine Hand auf einem dicken Buch (MEW 23), in der anderen ein Weinglas (Clos St. Hune). Das wär doch was. Heitere Gelassenheit.
Logbuch
PANDEMIE.
Eine Spazierfahrt im Hobbyauto durch die Dörfer am ruhigen Sonntagmorgen und ich bin alarmiert. Schlangen vor Bäckereien, in jedem Örtchen eine; Bilder, die ich nur aus der DDR kenne. Was hamstern die Menschen, noch bevor die Kirchenglocken nerven? Eine neue Pandemie.
Wir sind Zeugen eines ernsthaften Strukturwandels. Die simple Bäckerei ist mittlerweile ein komplexes Kombi-Angebot von Einzelhandel, Kaffeehaus, Fastfood-Laden, Bistro, you name it, geworden. Öffnungszeiten: immer. Drei Toiletten. Und eine überwältigende Produktvielfalt; ich komme nur noch zurecht, indem ich wie ein Sonderschüler mit dem Finger auf eines der hundert Produkte deute und einen abgedrehten Namen genannt bekomme. „Ach, das Röggelchen? Oder den Schusterjungen?“
Das Kleinstbrot mit fingerdicker Fleischwurst heißt „Handwerkerbrötchen“. Es herrscht Remouladenzwang („Remmu-Lazze“) und Salatblattpflicht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Jetzt geht es mir um das Investment. Die neuen „Back-Shops“ (Wortungeheuer) brauchen zusätzlich zu Restauration und Retail noch einen Parkplatz von erheblicher Größe. Das deutsche Bäckerhandwerk kopiert das McDonalds-Prinzip.
Das ist eigentlich ein Immobilienentwickler, der an Tankstellen und Bettenhäuser Parkplätze mit Verkaufshallen verpachtet und nebenbei auch noch in seinem eigenen Bumms diese Hackfleischbrötchen anbietet. Ich meide die Dinger, seit ich mit einer Leuchttafel über meine Bestellung reden soll.
Kapitalbedarf für so ein Outlet? Gut zwanzig Millionen €. Ich beschwere mich nicht, dass ein Handwerkerbrötchen 8.70€ kostet, sechzehn Markt nach altem Geld. Das kann nicht billiger sein. Wie holst Du 20 Mille mit Brot wieder rein?
Ich war bei ARAL als die Convenience-Stores in die Tankstelle kamen. Jetzt verkauft eine französische Kette die Benzolpaläste an einen Kanadier, der Kraftstoffe vollständig auslistet und nur noch Snacks macht. Gleichzeitig an deutschen Autobahnen ein einziges Elend, außer für Wildpinkler. Schluss jetzt. Sonntagsstimmung bitte. Das Fleischwurstmonster schmeckt gar nicht so schlecht.
Logbuch
SOZIOLOGIE WIE NIE.
Der kalifornische Oligarch Elon Musk hat soeben angekündigt, eine politische Partei zu gründen. Das weckt den Soziologen in mir, weil hier ein gesellschaftliches Abenteuer beginnt. Und ein politisches, am Ende vielleicht sogar ein historisches. Früher hätte man für ein solches Vorhaben zunächst das Hinterzimmer einer Kneipe gebraucht, dann Flugblätter und eine Putztruppe, schließlich eine Zeitung. Der geborene Bure Musk hat sich eine Internetplattform gekauft, früher Twitter, jetzt X. Er hat dort 221.749.366 Follower, so heißen die Abonnenten oder Jünger. Das sind über zweihundert Millionen. Wahlberechtigt sind in den USA lediglich 170 Millionen. Read my lips.
Was ein Gemeinwesen ausmacht, das fragt sich der Soziologe. Dabei kann er einen tragischen Dreier meinen, einen bunten Kiez oder katholischen Kegelclub, eine politische Partei, am Ende eine Nation oder Gottes ganzen Zoo. Der Tesla-Eigner Musk wird erfahren, wie schwer es ist, aus einer Stimmung im Netz eine Bewegung zu formen und dann eine Partei zu führen. Die erste interessante Erfahrung wird sein, wie die etablierten Parteien auf seinen WILLEN ZUR MACHT reagieren. Die Demokratie in Amerika, sie wankt.
Gänzlich anderes Thema, aber wieder soziologisch. Der bei VW ausgeschiedene Arbeitsdirektor, man sagt wohl neuerdings HR-Kopf (für Human Relations), hat auf LinkedIn eine Abschiedsnote geschrieben. Wie schon gestern hier notiert, ein kluges Stück. Der „Ex-Konzernvorstand“ (Selbstbeschreibung) hat hier 58.695 Follower; das ist mehr als man in Wolfsburg in eine Werkshalle kriegt. Davon haben 2.683 auf seine Dankesnote reagiert und 214 sogar eine kleine Erwiderung verfasst. Jetzt ist der Soziologe hellwach. Er liest sie alle und vermag sogar ihm nicht geläufigen Biografien leichterdings nachzugehen.
Früher hat man nie genau gewusst, wie eine Stimmungslage so war, jetzt ist die Quellenlage dokumentiert. So flüchtig das Internet scheint, so gnadenlos ist sein Gedächtnis. Sehr aufschlussreich. Die Konsensdichte bei dem Medium LinkedIn ist zudem so groß, dass möglicherweise auch die Quote der Reaktionsverweigerung signifikant ist. Kann ich mal die Daten der „impressions“ haben? Mit den wirklichen Entscheidungsträgern hat das alles übrigens nichts zu tun; die twittern nicht. Aus Altersgründen, weil andere Generation, oder politischer Klugheit, die ich mal bei dem neuen niedersächsischen Ministerpräsidenten und damit Anteilseigner von VW unterstelle. Da ist Olaf deutlich klüger als noch Christian W., der vor Präsidiumssitzungen dem NDR erzählte, wie er dort abzustimmen gedenke. Ich meldete es meinem Boss in die Sitzung. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
„Soziologie soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ‚Handeln‘ soll dabei ein menschliches Verhalten heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ‚Soziales‘ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Max Weber)