Logbuch

DIE INTENDANTIN.

Wasser predigen, Wein saufen. Zu oft habe ich den jakobinischen Zynismus des RBB erfahren, als dass mich jetzt die Enttarnung der dort notorischen Doppelmoral nicht erfreute. Klammheimlich.

Die öffentlich-rechtlichen Journalisten gehen, so sie sich als Anwälte des Guten sehen, scharf zur Sache. Darunter habe ich Mandanten leiden sehen; großer Schaden wurde freimütig und mutwillig angerichtet. Mit FUROR. Und nun die Intendantin des Ladens in der Klemme.

Vetternwirtschaft wird ihr vorgeworfen, Spesenbetrug angedeutet, Steuervergehen um den Dienstwagen stehen im Raum, Vergabefragen, großzügiger Umgang mit unseren Rundfunkgebühren. Es riecht nach Untreue und nur die Unschuldsvermutung rettet die Dame. Und was macht sie, die INTENDANTIN? Den Schaden durch Arroganz vergrößern. It‘s never the crime, always the cover up.

Die Herrscherin über das ÖFFENTLICH-RECHTLICHE schmäht die investigativen Journalisten, die ihr auf die Spur gekommen sind, als SPRINGER-PRESSE; das ist ein Schimpfwort. Glaubt sie. Und rehabilitiert sie, die Öffentlich-Rechtliche. Glaubt sie.

Mein Beitrag: Ich sitze angetrunken und mit dicker Zigarre auf der Weihnachtsfeier einer sehr großen PR-Agentur mit sehr schrägem Ruf; ich darf das. Ich hatte ein Lobe-Kartell mit dem damaligen Inhaber; ein Teufelskerl. Wer kreuzt da auf und gibt die Fee unter den Dunkelmännern? Die Intendantin. Das fand ich damals mutig. Heute erscheint es mir eher als doof.

Vielleicht ist sie wirklich nicht die hellste Kerze auf der Torte. Soviel Häme musste jetzt einfach mal sein.

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GELASSENHEIT.

Was zeichnet eine Heldin im Alltag aus? Eine mittlere Tugend zwischen INDOLENZ und HYSTERIE. Dies ist eine Psychologie für Laien. Fachlich falsch, aber literarisch schön. Eine Lobpreisung.

Der Begriff der HYSTERIE hat eine böse Geschichte, die der Frauenfeindlichkeit. Die alten weißen Männer des Altertums brandmarkten damit Ausfallerscheinungen, die sie der Gebärmutter zurechneten. Sexistische Medizin vom übelsten. Spätestens seit Sigmund Freud deutet man seelische Erkrankungen der übertriebenen Reaktion erstens geschlechtsneutral (auch Männer können hysterisch werden) und zweitens nicht mehr pauschal (es gibt viele Krankheiten ganz unterschiedlicher Ursache). Im Literarischen meint das Wort die restlos übertriebene Reaktion auf einen eher nichtigen Reiz. Austicken.

Das gegenüberliegende Extrem ist die INDOLENZ, der Unwillen Schmerzempfinden zuzulassen. Diese Schmerzfreiheit kann Ausdruck des Tapferen sein, aber auch ein echter Defekt, ein Versagen der gesunden Alarmfunktionen des Körpers oder der Seele. Darum enden vorsätzliche Helden meist tragisch. Und Kriege finden immer unter Drogen statt („Panzerschokolade“). Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Nun zur Lobpreisung der Gelassenen, die das Amerikanische „cool“ nennt, was nicht „kühl“ meint, sondern souverän. Sie reagiert auf Schicksalsschläge verhalten, eben nicht hysterisch, aber auch nicht apathisch. Sie fragt nach einem mittleren Maß der Reaktion, das hilft, ohne dass man allzu großes Aufhebens mache. Die Heldin des Alltags. Ich frage mich, ob Shakespeare ein Sonett über die GELASSENE geschrieben hat. Hätte er sollen.

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PARASITEN.

PR ist der Parasit einer freien Presse. Deshalb hat PR das allergrößte Interesse an der Gesundheit des Wirtstieres. Eine schöne Definition. Stammt von mir.

Für Werbung braucht man nur ein Scheckbuch; sie ist bei Verlagen käuflich. Für PR bedarf es eines gewissen Geschicks. Man muss einen genügend guten Nachrichtenwert anbieten können, der den Journalisten das abwägende Kalkül erlaubt, den Nebeneffekt eines gezielten Interesses zu tolerieren. Dann ist PR ein Geschäftsmodell, wenn man diesen Doppelnutzen möglich macht. Die Pressefreiheit ist durch müßige Verleger in Gefahr, nicht durch PR.

Ich lese einen klugen Aufsatz von Mathias Lindenau über die politische Figur des Parasiten, ein Vorwurf vor allem im Rechtspopulismus gegen Fremdes. Dabei wird herausgearbeitet, dass der politische Begriff dem biologischen Kern widerspricht. Der Parasit lebt nicht von andere, sondern mit ihnen. Er ist ein Symbiotiker.

Zitat: "Cymothoa exigena, die große Assel, frisst zwar die Zunge ihres Wirtsfisches von innen heraus auf, um sich an deren Stelle in dessen Mund festzusetzen und auf diese Weise ohne weitere Anstrengungen an dessen Nahrungsaufnahme teilzuhaben, tötet ihn dabei aber nicht." Der Parasit lebt auf Kosten anderer, die er deshalb zu erhalten gedenkt. Wie die PR eine freie Presse.

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SOZIOLOGIE WIE NIE.

Der kalifornische Oligarch Elon Musk hat soeben angekündigt, eine politische Partei zu gründen. Das weckt den Soziologen in mir, weil hier ein gesellschaftliches Abenteuer beginnt. Und ein politisches, am Ende vielleicht sogar ein historisches. Früher hätte man für ein solches Vorhaben zunächst das Hinterzimmer einer Kneipe gebraucht, dann Flugblätter und eine Putztruppe, schließlich eine Zeitung. Der geborene Bure Musk hat sich eine Internetplattform gekauft, früher Twitter, jetzt X. Er hat dort 221.749.366 Follower, so heißen die Abonnenten oder Jünger. Das sind über zweihundert Millionen. Wahlberechtigt sind in den USA lediglich 170 Millionen. Read my lips.

Was ein Gemeinwesen ausmacht, das fragt sich der Soziologe. Dabei kann er einen tragischen Dreier meinen, einen bunten Kiez oder katholischen Kegelclub, eine politische Partei, am Ende eine Nation oder Gottes ganzen Zoo. Der Tesla-Eigner Musk wird erfahren, wie schwer es ist, aus einer Stimmung im Netz eine Bewegung zu formen und dann eine Partei zu führen. Die erste interessante Erfahrung wird sein, wie die etablierten Parteien auf seinen WILLEN ZUR MACHT reagieren. Die Demokratie in Amerika, sie wankt.

Gänzlich anderes Thema, aber wieder soziologisch. Der bei VW ausgeschiedene Arbeitsdirektor, man sagt wohl neuerdings HR-Kopf (für Human Relations), hat auf LinkedIn eine Abschiedsnote geschrieben. Wie schon gestern hier notiert, ein kluges Stück. Der „Ex-Konzernvorstand“ (Selbstbeschreibung) hat hier 58.695 Follower; das ist mehr als man in Wolfsburg in eine Werkshalle kriegt. Davon haben 2.683 auf seine Dankesnote reagiert und 214 sogar eine kleine Erwiderung verfasst. Jetzt ist der Soziologe hellwach. Er liest sie alle und vermag sogar ihm nicht geläufigen Biografien leichterdings nachzugehen.

Früher hat man nie genau gewusst, wie eine Stimmungslage so war, jetzt ist die Quellenlage dokumentiert. So flüchtig das Internet scheint, so gnadenlos ist sein Gedächtnis. Sehr aufschlussreich. Die Konsensdichte bei dem Medium LinkedIn ist zudem so groß, dass möglicherweise auch die Quote der Reaktionsverweigerung signifikant ist. Kann ich mal die Daten der „impressions“ haben? Mit den wirklichen Entscheidungsträgern hat das alles übrigens nichts zu tun; die twittern nicht. Aus Altersgründen, weil andere Generation, oder politischer Klugheit, die ich mal bei dem neuen niedersächsischen Ministerpräsidenten und damit Anteilseigner von VW unterstelle. Da ist Olaf deutlich klüger als noch Christian W., der vor Präsidiumssitzungen dem NDR erzählte, wie er dort abzustimmen gedenke. Ich meldete es meinem Boss in die Sitzung. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

„Soziologie soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ‚Handeln‘ soll dabei ein menschliches Verhalten heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ‚Soziales‘ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Max Weber)