Logbuch

BLACK OUT & WHITE IN.

Man sagt Elektrikern ja nach, dass sie einen Kurzen haben, dafür aber eine lange Leitung. Solcher Spott hängt damit zusammen, dass Strom noch immer eine Geheimwissenschaft. Alles, was mit „Watt Ihr volt“ zusammenhängt, bleibt dem Laien ein Mysterium. Gelernt haben wir freilich, dass man das Licht nicht brennen lässt und die Fenster brav schließt, um nicht den Garten zu heizen. Man verschwendet keine Energie. Sie ist kostbar, weil ein besonderes Geschenk von Mutter Natur. Darum ist es eigentlich auch nicht schlecht, wenn die Preise das widerspiegeln. Sonst droht der „black out“!

So weit, so gut. Strom wird an Börsen gehandelt. Zum Beispiel der von morgen, den ich heute kaufen kann, damit ich ihn morgen kriege. Während die Dieselpreise an der Tanke durch die Decke gehen, Dank Dir Donald, ist der Strom für den Verbraucher nicht nur preiswert, sondern umsonst, wenn nicht sogar mit einer Prämie versehen. White in. Wir hatten gerade negative Strompreise von fast 50 Cent pro Kilowattstunde. Das heißt, wer jetzt das Licht anlässt, kriegt noch Geld oben drauf. Der Markt reflektiert eine schwache Nachfrage bei zu viel Sonne und sehr gutem Wind. Strom, den kein Mensch braucht.

Ein Industriestrompreis von 10 Cent / kWh gilt als günstig, 5 Cent ein Traum, 15 wäre auch noch machbar. Aber das sind Kosten; der Käufer zahlt das. Wie beim ALDI; ich kriege meine Ware und zahle an der Kasse den Preis. Normal. Wovon wir hier und heute reden, das sind Prämien, die jeder kriegt, wenn er jetzt kauft. Für Noppes; und noch mal 50 Cent / kWh Cash inne Täsch, als Prämie obendrauf. Wem das als irre erscheint, der ist halt nicht vom Fach. Siehe oben: Kurzen & lange Leitung.

Wenn ich jetzt sage, der Markt funktioniert, dann verstehen mich noch die Anhänger der FDP, also niemand. Wenn ich sage, Katherina Reiche hat Recht, stimmt mir noch die halbe CDU zu, also 12%. Mit der AfD rede ich nicht. Die SPD frage ich lieber erst gar nicht, weil wir dann über eine klammheimliche Verstaatlichung der Energiewirtschaft sprächen. Ich spreche darüber lieber mit den Grünen, die schon immer gesagt haben, die Energiewende kostet nur eine Kugel Eis. Jürgen, alter KBW-Genosse aus Göttingen, Du Visionär: Und es gibt zum Eis noch richtig Knete obendrauf. So geht Aufschwung. Da macht der Kommunismus Spaß.

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DIE GALA.

Die schönste Stadt der Welt war mir früher Paris. Hier hatte ein deutscher Hausmann als Stadtplaner ganze Arbeit geleistet. Er legte ein langes Lineal mit einem Ende auf die architektonischen Raritäten der Stadt und zog von dort lange und breite Linien bis in die Vorstädte; mit absoluter Brutalität wurden Elendsviertel, die im Weg waren, im Wortsinn schlicht ausradiert. So entstanden die prachtvollen Boulevards. Das verdankt der Franzose dem Baron Haussmann, eigentlich ein Protestant aus der Pfalz.

Mir fällt diese historische Episode ein, da ich in Neubaugebieten die kärglichen Unternehmungen sehe, die sich ausweislich von Werbebeschriftungen der Fahrzeuge GALA nennen; das ist Garten- und Landschaftsbau. Die Erbsünde zu kleiner Grundstücke mit unerträglicher Nähe zum ebenso spießigen Nachbarn wird mit Bepflanzungen festgeschrieben, die holländischen Gartenmüll, von Pflanzen wage ich gar nicht zu reden, als Sichtschutz einsetzen, gegen den ein Lattenzaun ein Auswuchs von Kreativität wäre. Kasernen des Kleinbürgertums.

GALA wäre, wenn vernünftig, zunächst mal Landschaftsbau: Raum bis zum Horizont, Bagger her und Raupen, Berg und Tal, See und Schlösschen, mittendrin riesige Rasen. Wie überhaupt der englische Garten eigentlich nur eine Inszenierung des Nichts in der Mitte ist, vom „green“, der Wiese, die längst ein Teppich ist. Aber davon weiß der Deutsche nichts, für den das Wort eine Abkürzung aus dem Auto ist. Geräuschabhängige Lautstärkenanpassung. Gala: Wenn die Karre laut wurde, wurde das Radio lauter. Kein Scheiß. Gala. Das ist VW-Sprech. Ich war da mal Kommunikationschef.

Reden wir also über die Gala, den Festakt, zu dem man sich aufputzt. Das kommt ja bei den Potentaten wieder in Mode, weil man sich wie bei Königs geben will, auf LinkedIn sehe ich das aber auch als Leidenschaft der emanzigen CEO-Muttis. Man erwirbt dieserhalben zunehmend Galanteriewaren, obwohl das doch, die Galanterie, eine Männerdomäne war. Man putzt sich auf und nennt die Eitelkeit ein Menschenrecht auf Wahrnehmung; pardon, ein Frauenrecht. Madame Pomm-Padur aus der Reihenhaussiedlung mit Doppelgarage und Wallbox. Peinlich.

Wir sprachen von Paris, der schönsten Stadt; das fanden historisch vor allem die Osteuropäer, denen Warschau und Wien zu piefig war. Habe ich erwähnt, was der immer sehnsüchtige Franz Kafka an seiner Tristesse diesbezüglich zu leiden hatte? Wussten Sie, dass sein Vater, der berühmte Vater, in Prag ein Geschäft hatte. Wofür? Ich habe es wörtlich: „Feine Galanteriewaren Kafka“. So schließt sich der Kreis. Welcher? Keine Ahnung. Heraus zum Ersten Mai!

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GHOSTWRITER.

Mein Berufsleben lang habe ich Reden geschrieben, meist für andere, gelegentlich für mich, aber so oft, dass ich mir ein Urteil erlauben kann.

Es gibt Stücke, die man unter Verwurstung etlicher Versatzstücke mühsam runterdiktiert und dem Redner mit aufgesetzter Geste unterschiebt, durch die er sich dann zur Ermüdung des Publikums mit Ach und Krach hangelt. Und es gibt sie, die feine Rede, leicht in der Form, aber von erheblichem Gewicht.

Was sie da Seiner Majestät König Charles dem Dritten aufgeschrieben haben für den US-Besuch, das war schon meisterlich.

Und es wurde ordentlich und mit einem Hauch Ironie vorgetragen. Auch nicht unwichtig. Ein gelungenes Konzert von Redenschreibern und Redner; sehr selten so was. Das wird in die Geschichte der Rhetorik eingehen.

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GRIECHISCHER WEIN.

Interessante Szene in einem türkischen Restaurant, das für seinen frischen Fisch einen guten Ruf genießt. Aus Jux sage ich dem vertrauten Kellner, er möge eine Flasche guten türkischen Weins aussuchen, aber nicht die Plörre, die er sonst an Touris verscheuert. Natürlich gilt, man kennt mich hier, ABC: anything but chardonnay. Er präsentiert eine Flasche Sauvignon blanc. So weit, so gut.

Als er das Etikett zeigt, kommt der Satz, über den ich noch immer sinniere. Der Wein habe einen griechischen Namen, was der Geschichte geschuldet sei, wäre aber echt türkisch. Kein griechischer Wein. Man kann dieses Wort nicht sagen, ohne dass ein Schlager von Udo Jürgens wieder wach wird, eine fünfzig Jahre alte Schnulze um das Heimweh griechischer Gastarbeiter, die damals der unerträgliche Alf Igel produzierte. Ethno-Kitsch, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Europa ist eine Geburt des Mittelmeerraums. Das sind wir dann halt alle, Türken, Griechen, Italiener: mediterrane Kulturen. Was vor der griechischen Hegemonie war, wissen wir nicht mehr so richtig, weil erst mit den Helenen die Geschichtsschreibung begann. Man erinnert aus der Schule: Alexander der Große brach nach Kleinasien auf; das ist im Osmanischen. Aber die wirkliche neue Vorherrschaft errichteten dann die Römer. Aus ihrer Zeit erinnern wir die Konkurrenz zu dem Punischen in Afrika; man zitiert bis heute Cato, der das dortige Karthago vernichtet sehen wollte. Dann das Osmanische Reich der zur See unbesiegbaren Muslime. Halb Spanien zierten Minarette. Dann Zurückeroberungen und Kreuzzüge.

Wir Germanen waren in dem historischen Hin-und-her die Barbaren jenseits des Limes. Wenn sesshaft, Bier saufend und Schweine züchtend. Barbaren halt. Ob der türkische Wein einen griechischen Namen trägt oder der griechische einen türkischen, das ist mir herzlich egal. Pervers finde ich einen Flaschenimport aus Neuseeland oder Australien. Man fliegt keinen unambitionierten Tropfen um die halbe Welt, in einem so schweren Gebinde wie einer Glaspulle. Dass wir keine amerikanischen Weine wollen und Südafrika meiden, versteht sich von selbst.

Obwohl ich keine Ahnung habe, was ein carbon footprint sein soll und nicht ausschließe, dass sich dahinter bloße Symbolpolitik verbirgt, unterlasse ich offensichtlichen Unsinn. Dazu gehören dann auch Rosen aus Bolivien und chinesische Tomaten. Aus Singapur höre ich, dass man dort schwere französische Rotweine der Qualität Petrus serviert, indem man sie in großen Gläsern mit Coca Cola auffüllt. Die Barbaren unserer Tage, das sind nicht wir.