Logbuch
SIEBEN VOR THEBEN.
Fundsache aus einem Hinterzimmer einer Dorfkneipe, in der die Sozen getagt hatten. Ich zitiere den Zettel mit einer Frage und sieben Notaten. Sieben vor Theben.
„Welchen Grundwerten und Leitgedanken sollte die SPD verpflichtet sein?
1. Individuum. Wir stehen für das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, jedes Einzelnen, ungeachtet seiner sozialen Stellung, seiner Herkunft, seines Geschlechts. Die Würde des Menschen ist unantastbar.
2. Arbeit. Wir stehen für ehrliche Arbeit. Das schließt das Recht auf gewerkschaftliche Organisation ein, aber auch Wirtschaftskompetenz und vor allem das Recht auf Eigentum.
3. Gerechtigkeit. Chancengleichheit ist unser zentrales Anliegen. Der Rechtsstaat ist der Kern einer Demokratie. Staatlich verordnete Verteilungsgerechtigkeit dagegen ist ein kommunistisches Konzept.
4. Bildung. Wir stehen für die Meinungs- und Redefreiheit wie Freiheit des künstlerischen Ausdrucks in jeder Form und in allen Medien. Bildung muss allen Bürgern prinzipiell zugänglich sein. Aufstieg soll auf Meriten aus Wissen und Können beruhen.
5. Frieden. Es gilt das Recht auf Verteidigung, Ziel ist aber ein Frieden in Freiheit.
6. Familie. Die Familie genießt den besonderen Schutz des Staates und ist der Kern unserer sozialen Organisation; sie ist dabei eine soziale Vereinbarung, keine biologische.
7. Solidarität. Wir stehen für Nächstenliebe. Das ist aber keine feige Toleranz gegenüber den Faulen oder den Bösen.“
Unterzeichnet war es mit Otto Wels. Wer ist Otto Wels? In welchem Fundbüro gebe ich das jetzt ab?
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LINKE LEERE.
Diskussionen an der Basis; für Experten des Parteilebens: im Ortsverein. Ich spreche Reizthemen an und ernte fast reflexhaft Antworten. Weise, wer sich dann nicht zerstreitet, sondern einfach still lernt, was die Leute so beschäftigt. Auch bei größeren Dummheiten noch zuhören können, das setzt eine Gemütsruhe voraus, zu der ich mich zwingen muss.
Die kompetenteren Beobachter äußern nicht nur das übliche Knurren aus dem Parteimagen, sondern feinere Reaktionen zur Lage der politischen Klasse. Verstört reagiert man hier darauf, dass die Brandmauer dazu führt, dass das Führungspersonal der SPD, trotz massiver Verluste bei der jüngsten Wahl, doch wieder bestallt ist. Fast eine Rolle wie früher bei der FDP, dann bei den Grünen: notorische Mehrheitsbeschaffer. Es ist klar, wie das die Spitzenfunktionäre in Lohn und Brot hält, aber wohl auch, welche politische Leere genau das in die Mitgliedschaft bringt.
Um mal zu testen, wie dünn das Eis ist, spreche ich mich gegen Erbschaftssteuer aus und nenne das Erben eine innerfamiliäre Angelegenheit, bei der der Staat sein Recht verloren habe, da Doppelbesteuerung ein Unding. Da ist der antikapitalistische Impuls aber stark; man zürnt gegen Milliardäre, die so immer reicher würden. Ich habe nicht mehr den Raum zu erklären, dass hiermit Mittelstand das Leben schwer gemacht wird, während die wirklich Reichen ihr Vermögen längst in Stiftungen organisiert haben.
Richtig ab geht die Post aber erst, als ich mich gegen die Zuckersteuer ausspreche. In der Hitze der Debatte erwische ich mich dann bei der Zuspitzung, dass derjenige, der den Menschen auch noch ihr Süßes vergälle, bald einstellig sei. Ich sage, Zwangsernährung sei kein politisch kluges Konzept! Das verstehen sie in der ehemaligen Volkspartei. Und zürnen mit mir. Der Moderator des Abends regelt das auf seine Weise, mit Entzug der Redezeit und der Ankündigung, dass er diesen Quatsch nicht mit in den Zeitungsbericht nehme, den er für die regionale Presse schreiben werde.
Wir leben auf dem Land in einer Zwischenzeit. Noch trifft man sich in Hinterzimmern von Kneipen, der Lokalpresse diktiert man in den Block und die „unsozialen Medien“, sprich das Internet, hält man für einen überflüssigen Tand. Bis auf einen einzelnen Juso sind alle Menschen im Raum im Rentenalter. Derweil akquiriert die AfD auf TikTok die Jugend.
Übrigens war der Termin im Saal der Dorfkneipe, in dem ansonsten die Beerdigungsfeiern sind. Mehr passiert hier nicht mehr. Passt.
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BETTENBURGEN.
Selten ist die Übersetzung eines Titels besser als das Original, aber bei Arthur Millers „Death of a Salesman“ müssen wir das feststellen. Er lautet im Deutschen „Tod eines Handlungsreisenden“. Das war mal ein gängiger Begriff, der Reisende, für den Außendienst von Unternehmen. Vertreter. Eine Klasse der Entwurzelten, die ihre Nächte in traurigen Hotels verbringt, allein, einsam und zu Tode gelangweilt. Tragische Figuren in abgerockten Bettenburgen, deren Niedergang ihren eigenen spiegeln.
Jüngst habe ich am Niederrhein und im Harz drei dieser Hotelherbergen erleben müssen, die das strukturelle Elend ihrer mittelmäßigen Existenz mit dem Titel eines Romantikhotels tarnen. Das wirklich Ärgerliche dieser traurigen Tagungshotels ist, dass sie für die Piefigkeit noch richtig Geld nehmen. Man merkt schon, ich bin als Handlungsreisender ein wirklicher Fan von „Motel One“, der Kette mit dem radikal reduzierten Angebot und sehr günstigen Preisen. Hier gibt es keine Minibar auf dem Zimmer, aber die große Lounge steht 24 Stunden am Tag unter Service. Immer. In den Selbstmörderschuppen ist der Kühlschrank auf dem Zimmer leer und in der Restauration um 20.30 Uhr Feierabend. Im Keller steht ein Automat.
Jetzt zum jüngsten Vorfall. Auf der Karte des inhabergeführten Hotelrestaurants steht ein Chateaubriand, und zwar „ab zwei Personen“ zum stolzen Preis von gut 100 €; das soll sein, wenn die Berner Soße dazu frisch, die Pommes heiß und das Gemüse knackig. Fragt der Kellner meinen Gast, der das Gericht für uns beide wählt, ob er das gut ein Pfund schwere Bratenstück am Tisch aufgeschnitten haben möchte. Denn werde ein Tranchieraufschlag von 7 Euro 50 pro Gast fällig. Steht auch so in der Karte, sagt er patzig. Mein Gast errötet und fragt, ob wir uns das Fleisch stattdessen mit dem Taschenmesser teilen sollen; seine Gattin kichert verlegen.
Und so kommt das Filet am Stück aus der Küche und wird am Tisch zerteil, was bei zwei Personen hinterher tatsächlich mit 15 € auf der Rechnung steht. Das Tranchieren kostet hier eben. Dazu gab es Kroketten aus der Fritöse und verkochtes Gemüse aus dem Bofrostbeutel. Alta Schwede.
Der Niedergang dieser Provinzschuppen wird mit dem jetzigen Publikum kommen, das gute achtzig Jahre alt ist, denke ich. Das stirbt sich weg. Dabei bemerke ich, dass ich bereits jetzt in einem Altenheim sitze. Schlecht betreutes Wohnen für Vertreter und Rentner. Die nächste Nutzung wird durch Asylbewerber anstehen. Wenig romantisch. Ich bestelle einen Schnaps.
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FERIENBEGINN.
Ich hätte gern ganzjährig August. Das ist doch kein verwegener Traum. Damit wäre man im Streben nach Glück („the pursuit of happiness“) schon ein ganzes Stück weiter. Weil die anderen Leute sich dafür verpissen und hier nicht mehr im Wege stehen. Da bin ich wie der Philosoph Diogenes, dem man nicht den Sonnenschein nehmen soll. Geht mir aus der Sonne!
Es beginnt nun ja die wahrlich seltsamste Jahreszeit. Die Kinder müssen nicht mehr in die Schule; für die Pauker beginnt die „unterrichtsfreie Zeit“ (nach all den Klassenfahrten gegönnt), die Professoren schlafen durch. Der Beamte bettet sich um. Den hartarbeitenden Menschen ist natürlich von Herzen gegönnt, dass die Fabrikglocke mal verstummt. Jene beförderten Werktätigen, die noch nicht vom Amt leben, sondern Home-Office machen, dürfen jetzt auch offiziell den Herrgott einen lieben Mann sein lassen. Die Republik wechselt geschlossen in den Gammelmodus. Man legt kurze Hosen an.
Wesentliche Teile der Leute wollen nun partout verreisen; erst das bringt die wirkliche Erleichterung. Die Leute folgen einem Lockruf in ferne Paradiese. Für viele Migranten die schwierige Zeit, in der sie die Orte ihres Heimwehs aufsuchen, dabei aber in der Gewissheit bestärkt werden, den Ruhestand hier nicht verbringen zu wollen. Andere pflegen einen Exotismus des Ortes, sagen wir in Ägypten oder auf Mali, bei tiefster Normalität des Lebens: fressen, saufen, ficken, am Pool liegen. Meist ohne die behaupteten Eskapaden. Der Plebs sucht die Lager auf, Ferienlager.
Nun gut, ich räume es ein: Wir fahren nicht weg. Nicht weil es am Geld mangelte, es fehlt uns an Fantasie und Gestaltungskraft. Zu lange haben wir uns in Edelhotels großer Metropolen interniert und den Bustouristen bei der Vulgarisierung edler Stätte zugesehen. Was soll ich da? Von den Weltreisenden in den Viehtrieben der Jets auf andere Hälften des Globus ganz zu schweigen. Man wird mich nicht in kurzen Hosen auf Bali sehen. Oder sonst wo.
Jetzt, da die Städte leer und das Landleben ruhig, da genießen wir die Heimat, wie sie sein könnte, wenn nicht überall so viele Leute wären. Der Mensch ist gut, die Leute sind ein Dreck. Und im August weg.