Logbuch
SALUT
Seine königliche Hoheit, der Herzog von Edinburgh, Prinz Philip hat sich abgemeldet. Salut!
In seinen Worten, vor fast 40 Jahren traf ich ihn bei einer Garteneröffnung um diese Jahreszeit in N. Devon und er gönnte mir Aufmunterungen: „Old sailors don‘t die, they just smell like it!“ So war er, der Battenberg.
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PENDLER.
Früher, in den Zeiten vor Corona, gab es ein Lebewesen in einem doppelten Habitat. Es verbrachte die Nacht in Siedlungen auf dem Land, den Tag im Kern von Metropolen. Dazwischen pendelte es. Das verzehrte zweimal ein Viertel des Tages, also die Hälfte.
Mit der Rückverlegung der Arbeit an die Schlafstätte, Home Office genannt, konnte der Irrsinn des Pendelns aufhören. Die sehr hohen Mietpreise in den Innenstädten, die ursprünglich die Flucht aufs Land erzwungen hatten, verfielen. Ganze Bürokomplexe standen leer, bis man begann, sie in Wohnraum zu konvertieren. Aus der Unzahl von Büros wurde eine Unzahl von Wohnungen. Die weniger betuchten Mieter der dicht besiedelten Stadtteile zogen in die Innenstädte. Es entwickelten sich in den ehemaligen Palästen sehr lebendige Binnenkommunen. Die Versorgung basierte auf informellen Kleinmärkten. Buntes Treiben.
Das neue Überangebot an Wohnraum führte zu einem Verfall der Mietpreise, dem ein Verfall der alten Investoren folgte und am Ende der Übergang des intensiv genutzten Wohnraums in öffentliches Eigentum. Es ging eine Schere auf zwischen den schmucken Reihenhäusern in den Vorstädten und den neuen Gettos im ehemaligen Bankenviertel. Man kannte das aus der Behandlung öffentlichen Eigentums im „real existierenden Sozialismus“, wo alle Liebe in die Datschen floss, während die Innenstädte verfielen. Jetzt organisierten AIR B n B und die Behörde und Clans die Stadt.
Ich kenne den Verfall von Metropolen. Aus Detroit zum Beispiel. Ein Alptraum. So begannen die Menschen sich wieder nach dem Pendeln zu sehnen ... Der Wecker klingelt. Ich erwache aus einem Traum. Alles nur geträumt. Träume sind Schäume.
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SINGULAR.
Die Politik, sagt der EINSINNIGE, folge nicht der (!) Wissenschaft. Der Einsinnige hat beides nur in der EINZAHL. So wie er DIE Wahrheit nur im Singular hat. Und die (!) richtige Meinung, seine.
Das Wesen kluger Entscheidung ist aber leider vorheriges Nachdenken und umsichtiges Verhandeln. Das Öl dieses Motors heißt ZWEIFEL. Am vorläufigen Ende des Abwägens steht dann mal eine Entscheidung. Aber nur vorläufig. Das gefällt den Populisten nicht. Sie hätten es gern Knall auf Fall, ruckzuck, eisenhart. Sie wollen keine grübelnde Elite, sondern einen entscheidungsfreudigen Führer. Der Führer, den die meinen, verkörpert den Willen des Volkes. Alles im Singular.
Akademisch nennt sich das Verfahren der „Geburt der Gewissheit aus dem Zweifel“ etwas sperrig REFLEXION & DELIBERIEREN. Unentschiedene Menschen wiegen ihre Häupter und reden miteinander. Dem steht etwas gegenüber, was man, noch sperriger, DEZISIONISMUS nennen könnte, das Prahlen mit spontanen Entschließungen. Aus dem Bauch. Oder noch tiefer liegenden Organen. Die Meute möchte, dass der Führer Eier hat. Meint: sie in seinem symbolischen Handeln zeigt. Hier äußert sich ein Männlichkeitskult ganz grimmiger Tradition; die sollen auch noch hart, vorzugsweise aus Stahl sein. Hart wie Kruppstahl. Nicht von ungefähr zeigt der STETS ZUM ÄUSSERSTEN ENTSCHIEDENE den Zögerern und Zauderern den durchgereckten Mittelfinger.
Der Kult der Cäsaren auf der einen Seite, die nachdenkliche Gemeinschaft der Zweifler auf der anderen. Vielleicht ist damit ja der Charme der Diktatur gemeint, im Unterschied zum Elend der Demokratie. Das ist nicht beiläufig, worum es hier geht. Der Dichter Bert Brecht hat diese Gegenüberstellung „gegendert“, mit Alters- und Geschlechterrollen versehen. Er gestaltet es als Geschichte vom (jungen männlichen) Soldaten und einer älteren weiblichen Person. Mir geht der Schlussvers nicht aus dem Kopf. Wenn ich mich recht erinnere, geht der Soldat zu Grunde, und es heißt: „Ja, bitter bereut, wer des Weisen Rat scheut. / Sagte das Weib zum Soldaten.“
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DIE KAUENWÄRTER.
Meinen Großvater väterlicherseits habe ich nur als junger Bengel gekannt, der seinen wortkargen Erzählungen, oft nur Episoden oder Spitznamen lauschte, ohne sie ergründen zu können. Er war ein einfacher und stolzer Mann, der sein gesamtes Berufsleben lang Nachtschichten im Ausbau verfahren hatte; als Rentner in seiner Siedlung zum Knappschaftsältesten gewählt. Sonntags trug er zum Anzug und Mantel einen steifen Hut.
Heinrich verachtete Schwätzer. Er war ein ostpreußischer Protestant und seine oberschlesischen Kumpel, polnisch sprechende Katholiken, durften seines Spottes über Antek & Frantek sicher sein. Er hasste den Barbara-Kult. Die tiefste Verachtung aber legte er in die Verballhornung eines Zeitgenossen als „Kauenwärter“. Damit hatte es folgende Bewandtnis.
Bergleute fahren über eine Weißkaue an und legen in einer Schwarzkaue ab. Dort steht dann eine ganze Schicht unter einer Dusche, nackt und dreckig und bereit, sich gegenseitig den Rücken zu schrubben. Man kannte sich. Das ist kein Ort der Förmlichkeiten. Vorher hatte man gemeinsam im Loch sein Leben riskiert. Und irgendwann hat der Steinstaub allen die Luft genommen. Der Begriff Kumpel hat in dieser Welt einen sehr konkreten Inhalt.
Die Einrichtung von Schwarz- und Weißkauen war eine Verbesserung elender Arbeitsbedingungen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Infektionskrankheiten war vorzubeugen. Und irgendjemand musste die Massendusche sauberhalten. Man übertrug dies jenen Invaliden, die nicht mehr vor Kohle konnten. Und diese Jungs hatten eine halbe Schicht Zeit, dummes Zeug zu reden, bis sich die Schwarzkaue wieder füllte. Dort trafen sie dann auf die Verachtung der wirklichen Helden.
Dem Assessor gebührte eine Steigerkaue, mit Wanne. Für Antek & Frantek unerreichbarer Luxus. Und von den sogenannten Kauenfrühstücken der Steiger, da wüsste ich auch zu berichten; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Jedenfalls klingt mir noch die abgrundtiefe Geringschätzung in den Ohren, mit der der Hauer Heinrich Kocks jemand einen „Kauenwärter“ nannte.
Deformation professionell. Man hört mit diesen Ohren das woke Geschwätz unserer Tage anders als die Blasierten, die es trällern. Vor Hacke ist duster. Glückauf.