Logbuch

BIBELFEST.

Im Schaufenster eines kleinen Antiquariats hinter der Leipziger Nikolaikirche sehe ich als Angebot die lange Reihe der Blauen Bände, 44 an der Zahl. Für einen Soziologen meiner Ausbildung ist das ein Monument, die MEW, jene schlecht editierte, aber legendäre Studienausgabe der Werke von Marx und Engels. Zumindest die drei Bände MEW 23 bis 25 hatte man in der häuslichen Handbibliothek zu stehen, nämlich DAS KAPITAL, die ökonomische Hauptschrift des Bärtigen aus Trier.

In den achtziger Jahren hallte eine französische Marxrevision („Lire le capital“) an deutschen Universitäten nach; auch wenn man an den damit verbundenen Glaubenskriegen eher aus Exotismus interessiert war, musste man das Hauptwerk des Bärtigen gelesen haben, zumindest sollte man in Konversationen so tun können. Ich habe mich mal dran gesetzt; man brauchte nicht mehr als zwei Wochen konzentrierter Arbeit, um das Ding gelesen zu haben. Textfest zu sein, das war damals schon ein Kriterium.

Im gleichen Schaufenster auch eine Ausgabe des Großen Brockhaus in 30 Bänden. Die ENZYKLOPÄDIE war mal als Konversationslexikon gegründet, sprich als Hilfsmittel zum Klugschwätzen. Wie ich mir die schon als Student leisten konnte, weiß ich heute gar nicht mehr. Heute habe ich zusätzlich noch zwei, drei historische Ausgaben, weil mich mal interessierte, wie historisches Wissen verschwindet. Aber aus dem Projekt ist dann nie was geworden, zu umfangreich.

Das größte Hilfsmittel beim Klugscheißen war KINDLERS LITERATUR LEXIKON, das alle Werke der Weltliteratur so besprach, dass man mit etwas Geschick ein umfängliches Wissen vortäuschen konnte, ohne sein halbes Leben in Bibliotheken zu verbringen. Heute keine Sensation mehr; ich sage nur WIKIPEDIA. Aber VORSICHT, wer abgegriffenes Konversationswissen als wissenschaftliches Studium ausgibt, der muss Plagiatsjäger fürchten.

Die Routine, bestimmte Dinge einfach mal komplett zu lesen, ist bei mir in der Pubertät entstanden, da ich als Pfadfinder mit Pfaffen zu tun hatte. Du konntest sie kaltstellen, indem Du bibelfest warst. Ich habe das Ding damals einfach mal komplett gelesen, dauert vier Wochen. Danach fasst Dich niemand mehr an.

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ONKEL DOKTOR.

England hat ein staatliches Gesundheitssystem, den National Health Service NHS, an dem das Land trotzig festhält, obwohl der NHS so gut oder schlecht funktioniert, wie alle Dinge, die man von einer Behörde regeln lässt. Jetzt will man die Handydaten nutzen, um Dauerpatienten zu einem besseren Therapieerfolg zu verhelfen. KI soll sie überwachen.

Das weckt in der deutschen Seele das Trauma „1984“ vor einem Überwachungsstaat. Lieber belüge ich doch einen ONKEL DOKTOR über meine angeblichen Lebensverhältnisse und schinde eine Krankschreibung als Kurzurlaub, als dass mich die Künstliche Intelligenz namens KI verrät, nur weil sie mein Handy überwachen kann. Oder?

Daran ist vieles falsch. Erstens beruht das ganze System ohnehin auf tolerierter Überwachung; das ist der Hebel der digitalen Ökonomie. Zweitens steht der GROSSE BRUDER in der Garage. Dein Auto überwacht all Deine Vitalfunktionen. Nicht nur die Anzahl der Schritte, alle. Was glaubst Du, woher der Müdigkeitssensor seine Informationen hat? Man kann heute ein Langzeit-EKG machen über den Druckkontakt der Pobacken im Sitz. Zusammen mit Pupillengröße und Blutzucker bleibt da nicht viel geheim. Nichts ist mehr diskret nach Kombination der Daten.

Die wesentliche Frage ist: Wem gehören diese Daten und wer nutzt sie wozu? Lasse ich als Bürger zu, dass die in Sekundenbruchteilen bei Elon Musk in Kalifornien sind, der damit angeblich „autonomes Fahren“ erkundet? Oder wäre es mir sympathischer, wenn der angebliche Medizinprofessor Karl Lauterbach damit regieren darf? Das gäbe dem Begriff der Daseinsvorsorge ja eine ganz neue Dimension.

Wie kommen wir als Bürger zu einer Teilhabe an dem Geschäft mit unseren Daten? Solange ich das nicht sehe, würde ich gerne weiter dem Weißkittel erzählen, dass ich regelmäßig Sport treibe, den Alkohol meide und mich gesund ernähre. Ohne dass mein Handy oder mein Auto sich hinter meinem Rücken meldet und ihm sagt: „Er flunkert schon wieder!“

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BULLEN.

Als Bewohner des Habitats Berlin ärgert mich die Verwahrlosung des öffentlichen Raums, die hier als Naturrecht der ganz notorischen Delinquenten behandelt wird. Drogenhändler, Beschaffungskriminelle, Milieufiguren, Subkulturarroganz finden im Alltagsleben mehr Duldung als auf dem Papier zulässig. Man fragt sich, ob man das ansprechen sollte, da es eben auch von Rechtspopulisten zum Thema gemacht wird.

In gehobener Sprache nennt man die vernachlässigungswürdige Übertretung einer Verbotsregel KAVALIERSDELIKT. Damit sind historisch nicht flirtende Junggesellen gemeint, die gegenüber Damen den Kavalier geben, sondern ADELIGE, für die wegen ihres Standes als Ritter bestimmte Strafvorschriften nicht galten, denen das gemeine Volk unterworfen war. Klassenjustiz.

Steuerbetrug wird so behandelt. Im Kleinen durch Fehlangaben in der Steuererklärung, etwa durch die Deklaration des Schlafgemaches für Gäste als „Arbeitszimmer“. Im Großen durch „CumEx“, bei dem man sich große Steuerbeträge erstatten ließ, von denen man wusste, dass man sie nie gezahlt hatte. Den Staat zu bescheißen, das gilt dann als Ritterrecht. Über solchen Betrug bei „taxpayers money“ regt sich hierzulande niemand auf. Weil Kavaliersdelikte.

Warum stört mich diese Nonchalance? Eigentlich gehöre ich einer Generation an, die mit dem Spruch „legal-illegal-scheiß-egal“ groß geworden ist. Eigentlich bewundere ich die mediterrane Lebensart, die fünf gerade sein lässt. Eigentlich war mir die Vorstellung eines „Polizeistaates“ immer zuwider. Eigentlich.

Rechtsstaatlichkeit ist eine soziale Frage. Die Reichen und die Mächtigen sind auf den Schutz des Staates nicht angewiesen; mit dem nötigen Geld findet man alternative Wege, wenn es nicht anders geht. Die Schwächeren als die Herren Ritter sind davor zu schützen, dass der Mensch des Menschen Wolf ist. Sozialer Frieden ist der Sinn der staatlichen Autorität. Darum Recht & Gesetz.

Was mich Berlin gelehrt hat? Ich respektiere Polizisten, die für kleines Geld ihre Haut zu Markte tragen, damit auch jene sicher leben, die keine dicke Hose haben.

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VATER STAAT.

„Der Staat, das bin ich!“ Dieser Satz hallt in uns aus fernem Geschichtsunterricht nach. Das ist der feudale Absolutismus, der hier spricht; dessen adeliges Haupt die Französische Revolution dann unter die Guillotine legte. Plopp, lag der gepuderte Schädel im Korb. Daran denke ich, während der Hegemon unserer Tage in seinem privaten Golfclub Staatsoberhäupter vorführt. Was ist unseren Herzen der Herrscher?

Bei Vater Staat denken wir an den Familienvater, der die Seinen pflegt und hegt („pater familias“). Die Frommen unter uns vielleicht sogar an den Vater im Himmel, Gottvater. Im Politischen sind es vor allem die Linken, die hier ein Sehnen empfinden, weil dieser Vater ihnen gönnen soll, was die Klassengesellschaft verweigert. Oder die Katholischen, die ihren Herrscher ohnehin schon Papa oder Papst nennen.

Der Blick der Liberalen ist skeptischer. Sie wähnen sich erwachsen und scheuen Bevormundung. So denkt ja auch unsere Verfassung; das Grundgesetz bestimmt vor allem, was er nicht darf, der Herr Vater als Machthaber. So soll er seine Gewalten teilen, damit sie sich gegenseitig im Zaum halten. Und sich der Zensur enthalten. Die Stimmung ist eher so, als sei er ein böser Onkel, auf den man aufpassen müsse.

In diesem Terrain treffen wir auf den „sugar daddy“, der zwar noch auf Englisch Papa heißt, aber als solcher gegen das Inzesttabu verstößt. Der sprichwörtliche Zuckerpapi ist ein älterer Herr in Spendierhosen, der sich die Gunst sehr viel jüngerer Damen sichert. Sagen wir es klar und deutlich: Das ist Nuttensprech für einen Freier, wenn nicht Zuhälter. Von Herrn Eppstein wird so etwas berichtet, der mit Frau Maxwell eine veritable Kupplerin beschäftigte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Eine grundlegende Skepsis gegenüber dem Staat herrscht mit der Moderne, sagen wir mit dem ausgehenden 17. Jahrhundert. Für Thomas Hobbes ist er gar ein veritables Ungeheuer; er bemüht das Horrorbild des Leviathan aus der jüdischen Mythologie. Der Staat als Leviathan ist das Böse schlechthin, auf das sich die Bürger einer Gesellschaft einigen, damit sie unter seiner Fuchtel in Fried und Eintracht leben können. Sie gewähren ihm das Gewaltmonopol, um sich darunter untereinander von einer besseren Seite zeigen zu können. Staat ist immer paradox.

Insofern schrecken mich die Bilder aus Schottland nicht. Wenn man nur hoffen könnte, dass der Sugar Daddy seine Versprechen hält. Dann sollen mir die 15%, die Frau vdL, genannt Röschen, mit ihm verhandeln hat, recht sein.