Logbuch
HEILSVERSPRECHEN.
Fahrt durch das Bayrische nach München. Vorbei an Ingolstadt. VORSPRUNG DURCH TECHNIK, das war eine Ansage. Ich erinnere mich noch an mein Staunen über den ersten Fünfzylinder, den ich fahren durfte. Dann der Allrad, der die Skischanze hochfuhr. Es entstand eine MARKE.
Nach München rein noch immer groß an der Hauswand zu lesen: FREUDE AM FAHREN. Ich hab sie früher nicht so gemocht, die BMW-Pinsel, aber mit der Marke, da haben sie was gekonnt. Der Daimler verbastelt das MERCEDES-Image gerade unter dem Knäckebrot-Management. Man lernt: Marken können verfallen.
TESLA hat lange den Mythos des automatisierten Fahrens zu kultivieren gesucht, das der Bure AUTONOM genannt hat, ohnehin eine halbe Wahrheit. Aber man muss den öden Stumpfsinn der tempolimitierten Highways gefahren sein, um diese Sehnsucht zu verstehen. Was also ist eine MARKE? Ich versuche im beruflichen Alltag IT-Technikern, den Genies unserer Zeit, zu erklären, warum die Marketing-Leute (die erfolgreichen) mit einem Namen einen Anspruch verbinden. Ein guter Slogan ist immer ein Claim.
APPLE: Es geht nicht, man glaube mir, um Obst. Aus einer kalifornischen Technikbude wurde die erfolgreichste Marke, weil der angebissene Apfel ein symbolischer Archetyp ist. Adam, der vom Baum der Erkenntnis isst… In der Farbe „weiß“, die der paradiesischen Unschuld. Das Marketing-Wunder. So unterstützt man den Vorsprung durch Technik mittels Freude am Fuhrwerken und gewährt der Schlange mental Autonomie…
Der beste Slogan? Der des irischen Biers:
GUINESS IS GOOD FOR YOU. Dazu die Harfe. Alles gesagt. Heilsversprechen sind einfach und klar.
Logbuch
NEUER WEIN IN ALTEN SCHLÄUCHEN.
Wo der Wein, der ja die Wahrheit ist, so alles drin ist. In der TIMES finde ich einen Tropfen zu günstigem Preis von Aldi empfohlen, in einer Plastikflasche. Ups. Die Gastronomie nutzt schon lange Plastikschläuche in Pappkartons, bei Jaques‘ Weindepot zu 5 und 10 Liter auch für den Hausgebrauch. Eigentlich stammt der Spruch mit den Schläuchen von Jesus; aber wer ist heute schon noch bibelfest.
Ich lausche dem Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung NZZ, der ein gutes Blatt macht, das sich rechts positioniert, im bürgerlich liberalen Sinne. Er ist kein Freund des linken Haltungsjournalismus mit Beamtenbezügen oder aus anonymen Stiftungsgeld und geißelt die blasierte Selbstgefälligkeit der Öffentlich-Rechtlichen; also jene Selbstlegitimation ideologisch gesteuerter Publizistik zur vorzüglichen Staatsmacht („Vierte Gewalt“). Welch eine Anmaßung.
Dann plaudert er aus dem Nähkästchen, wie seine Redaktion Informationen aus dem Internet prüfe; man habe drei, vier Spezialisten für OSINT. Alter Schwede! Das ist „open source intelligence“, ursprünglich die Nutzung öffentlich zugänglicher Quellen zu Zwecken der Nachrichtendienste. Beispielsweise werden so gefälschte Bilder von einer Kriegspartei enttarnt, erzählt er. Ich glaube, dass das geht, auch bei der relativ perfekten amerikanischen Propaganda; aber dazu später.
OSINT, das ist doch alter Wein in neuen Schläuchen. Die Historiker macht nichts anderes; Quellenstudium genannt. Der Kommunikationswissenschaftler macht nichts anderes. Wir reden in der Philosophie von KRITIK und in den Naturwissenschaften von STUDIE. Bei all diesen Anstrengungen gilt: Jede Quelle ist suspekt, aber jeder Informant wird gehört. Journalisten alter Schule sprechen von RECHERCHE. Tjo, aber OSINT, das hat was von James Bond.
Jetzt komme ich mit den Schläuchen und den Weinen durcheinander. Jedenfalls geht es im Journalismus, den die NZZ meint, um die Frage der WIRKLICHKEIT: Was war wirklich? Und zur Beantwortung dessen, sagt der NZZ-Redaktor, mische man in guter französischer Tradition kräftig Meldung und Kommentar. Ups, so geht also rechte Publizistik? Darf man das? Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Mein privates OSINT geht so: Ich habe es nicht so gern, wenn die Dinge zu gut passen. Das ist immer der Fall, wenn ein Ereignis in einem erkennbaren Interesse mit hoher symbolischer Bedeutung aufgeladen wird. CUI BONO: Wem nützt das? Ich glaube nicht an Zufälle; es gefällt mir nicht, wenn die Ideologie mich regelrecht anspringt. Denn Propaganda ist immer wahr, wenn man sie selbst fragt; das ist ihr Wesen.
Übrigens war das auch der Trick des Nazareners: Er hat mit missionarischem Eifer Gleichnisse erzählt. Ein fiktionales Ereignis sollte den Pharisäern Unrecht geben und bei seinen Jüngern alle Zweifel ausräumen. Und natürlich hatte er sich das nur ausgedacht, der Schlawiner. Im Wein liegt die Wahrheit. Nur das mit dem jungen Wein in den alten Schläuchen oder eben umgekehrt, das kapier ich immer noch nicht. Ich bleibe folglich bei Glasflaschen.
Logbuch
GUTE MIENE.
Wir alle lernen, wenn unter Leuten, auf unseren Ausdruck zu achten. Die beherrschteren Zeitgenossen schaffen es gar, auch zu bösem Spiel eine gute Miene zu zeigen. Der Schauspieler hieß früher MIME, weil er sie gekonnt beherrschte, diese MIMIK. Das geht mir durch den Kopf, als ich im Essener Folkwang Museum alte Kameraden treffe.
Nun muss man mit dem Begriff der alten Kameraden vorsichtig sein, zumal in einem Gebäude, in dem der Geist von Berthold Beitz umgeht, der historisch der neue MIME für die alten Kameraden war. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich treffe also zwei Kollegen aus alten Tagen, Pressesprecher der örtlichen Industrie.
Der eine, er dauert mich, ist der Adlatus eines Despoten, der am Ort in viel zu großen Schuhen läuft und eine Rolle gibt, die sie spöttisch „das Ruhrbarönchen“ nennen. Es macht offensichtlich nicht glücklich, für einen Parvenue arbeiten zu müssen. Einige seiner Gesichtsmuskeln verweigern immer wieder unwillkürlich den Dienst. Die Augen starr, immer angestrengt, eine Spannung um Nase und Stirn, kein Lächeln. Ach, ich fürchte, er ist kein glücklicher Mensch.
Das fällt mir auf, weil ich im Minutenkontrast dazu diese ehemalige Kollegin treffe, die von fast ausgelassener Fröhlichkeit ist, als wir die alten Zeiten erinnern. Sie weiß gar eine kleine Heldentat zu loben, die ich vor Jahren zu ihren Gunsten begangen haben soll. Wie nett. Mir fällt ein Zitat ein, das mir kürzlich entgegengehalten wurde, der letzte Satz aus Camus-Klassiker: „Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.“
So ist es. Sisyphos ist glücklich. Dazu übe man MIMIK. Stirn nicht in Falten, Nase nicht gerümpft, dem Mund ein Lächeln erlaubt, die Augen leuchtend. Reinen Herzens Freude empfinden. Geht doch!
Logbuch
UND ER ERKANNTE SIE.
Ich lese seit langem wieder mal einen Roman, der mich nicht nur insgesamt zunehmend fesselt, ich bin auf das Ende wirklich gespannt, sondern den ich auch in sehr vielen Details als wirklich bereichernd empfinde. Große Literatur. Christoph Peters, Innerstädtischer Tod. Luchterhand. Manches in den Inneren Monologen der dort sich erklärenden Figuren ist für mich von beiläufigem Interesse, anderes von geradezu explodierender Spannung oder tiefer Erheiterung. Oft zu meiner Skepsis gegenüber investigativen Journalisten.
Aber da lese man selbst. Es wird ein Kaleidoskop metropoler Charaktere gegeben, hinter denen mehr oder weniger leicht Zeitgenossen zu erkennen sind. Oder vertraute Orte erscheinen äußerst zutreffend beschrieben, und sei es nur ein Restaurant (die Kantine) oder eine Hotelbar (die des Hyatt, im Roman Regent genannt). Große Themen, nichts Geringeres als die Frage nach der übermächtigen, aber völlig hohlen Attraktivität von Sex. Oder kleine Beobachtungen, die man als ungemein typisch empfindet. Lesefrüchte.
Nur ein Beispiel. Über einen Skandalbericht in der Hauptstadtpresse, es geht um die angeblich sexuellen Übergriffigkeit eines Galeristen Damen der Gesellschaft gegenüber, heißt es, dass man dem Wortlaut des Artikels anmerken konnte, dass er bis in jeden Nebensatz von den Verlagsjuristen frisiert worden sei, weil man sich seiner Geschichte eigentlich nicht sicher gewesen sei, trotz der so häufig angeführten Eidesstattlichen Versicherungen, die man dort anonym anführe. Bingo!
Das ist voll auf die Zwölf. Wer meinen Job einige Jahrzehnte gemacht hat, der riecht das, was eine dünne Geschichte des allfälligen Rufmords ausmacht, die die Äußerungsrechtler des Verlags wasserdicht gemacht haben, weil sie wissen, wie dünn die Faktenlage ist und ahnten, das das vor Gericht nicht hält, was schlechtgelaunte Ideologen da in übler Absicht zusammengerührt haben. Nur ein Detail unter zahlreichen Beobachtungen, aber für den kundigen Thebaner ein Moment der Erkenntnis im biblischen Sinne. Du riechst, wie sie sich in ihrer Story winden, um aus der Mücke doch noch den Elefanten zu machen und eine tiefe Skepsis sagt Dir: Da stimmt was nicht; auch dieser Skandal ist konstruiert.
So wartet also ein Reigen von Inneren Monologen mit einer bitter heiteren Weltsicht auf. Der geneigten Lektüre anzuempfehlen.