Logbuch
UMSTEIGEN IN KÖLN.
Köln hat schon etwas Erhabenes. Was Rom den Italienern, das ist Köln dem Rheinland, die Ewige Stadt. Man atmet EWIGKEIT. Ich komme mit dem Zug aus Düsseldorf, was hier als namenlose Stadt gilt. Aufzüge und Rolltreppen defekt, Gelegenheit zu einem Spaziergang.
Ein Meer von Vorhängeschlössern ziert die Gitter auf der Brücke rüber nach Deutz , unmittelbar hinter dem Hauptbahnhof. Ich sehe mir das näher an. Unterschiedlichste Gravierungen deuten auf Pärchen, die ihre Beziehung mittels Herzchen und anderen Emotionalia Ausdruck geben. Die Liebenden gestalten hier offensichtlich mittels Gravur ein Schloss als Symbol ihrer Verbindung, bringen es an der Hohenzollernbrücke über dem großen Strom an und werfen den Schlüssel in den Rhein. Auf immer! Das ist kitschig, aber, aller Ehre wert, Ausdruck des Wunsches nach EWIGER LIEBE.
Am Beginn der Brücke, auf der Stadtseite, die die Römer Kolonie oder Colonia nannten, das beträchtlich größere Symbol des gleichen Wunsches, der KÖLNER DOM. Im 13. Jahrhundert begonnen, allerdings auf Fundamenten religiöser Art aus dem 5. Jahrhundert oder Älterem, Heimstätte der Gebeine der Heiligen Drei Könige, gilt er baulich als perfekte Kathedrale. Selbst den Zweiten Weltkrieg hat er unbeschadet überstanden. Der Wunsch nach einem EWIGEN DENKMAL der Religion vom EWIGEN LEBEN. In den Worten des Ketzers Luther der Glaube an die NÄCHSTEN LIEBE (oder schreibt man das in einem Wort?).
Hier residiert ein Kardinal als Würdenträger, der angeblich damit hadert, dass sein Verein das Naturrecht auf Kindesmissbrauch zu verlieren scheint. So sagen seine Kritiker, die sich auf Opfer berufen. Knabenliebe vermeintlich als Teil der NÄCHSTEN LIEBE. An der Brücke montiert ein Bautrupp ganze Geländer ab; sie werden, sagt mir der Bauarbeiter, zu schwer für das alte Stahlungetüm. Und die jungen Lieben von der Brücke haben bestimmt nicht alle gehalten. Mancher wird da schon bald bei der nächsten Liebe gelandet sein. Und mein Zug bleibt auf der anderen Rheinseite nach zehn Minuten Fahrt schon im Bahnhof Deutz stecken, weil die Bahn es wieder nicht geregelt kriegt. Ich nehme mir notgedrungen für die nächsten hundert Kilometer ein Taxi. Der türkischstämmige Fahrer freut sich über die 200€-Fahrt und erzählt mir, weil wir ins Plaudern über das Leben und die Liebe kommen, in freundlichem Kölsch, er sei früh verwaist, sein Vater, früher bei Ford in Köln, sei mit 43 beim privaten Autohandel nach Rumänien dort tödlich verunglückt. Ich denke: Zahn der Zeit.
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WHERE ABOUTS.
Wo ist der Zufluchtsort der Dichter? Das Arkadium? Wo ganz besonders, sollte man meinen.
Der SPIEGEL bespricht ein nachgelassenes Buch des verstorbenen Tilman Jens, Sohn des berühmten Walter Jens, Rhetorik-Professor zu Tübingen und Ikone der Intelligenz, namentlich der linken, in Westdeutschland. Der ewige Sohn starb von eigener Hand, in tiefer innerer Verzweiflung. Man sagt seinem Leben eine Reihe von Verzweifelungstaten nach.
Unter anderem war er angeblich bei dem frisch verstorbenen Schriftsteller Uwe Johnson eingebrochen, um sich Material für eine sogenannte Recherche zu besorgen. In dessen Exilbehausung. Das weiß auch der SPIEGEL, dessen Archiv berühmt ist (ein leerer Mythos). Was ich beitragen könnte zur Literaturgeschichte, ist eine Angabe, wo genau das war. Das weiß kein Mensch. Nämlich in Sheerness, Kent, England, auf der Isle of Sheppey. Gegenüber von Joes Café, was kein Kaffeehaus war, sondern eine elender Schnellimbiss, berühmt für bangers with mesh.
Sheerness ist eine schmutzige Hafenstadt, ehemaliger Kriegshafen, der zeitweise eine Wiederbelebung erfuhr, weil hier die Kanalfähre namens OLAU von Vlissingen, Holland, anlegte. Ich hatte in einem unsäglichen B&B übernachten müssen, weil ich die Abendfähre verpasst hatte, und frühstückte nun auf Empfehlung der Pensionswirtin bei Joe, nämlich Bratwürste mit Kartoffelbrei. Am Nachbartisch ein deutsches TV-Team. Es wollte die Bude filmen, in die Tilman Jens eingebrochen war, auf der anderen Straßenseite.
Ich bin nicht sicher, ob das jetzt die Literaturgeschichte bereichert, aber erwähnen wollte ich es doch. Sozusagen als Zeitzeuge. Muss Mitte der Achtziger gewesen sein. Wie gesagt in Sheerness. Was mag Uwe Johnson hierhin getrieben haben?
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DER GEGNER IST NICHT DAS PROBLEM.
Ich weiß nicht, ob man sich an Bill Clinton erinnert, der Amerikanische Präsident, der zwei Amtszeiten gemacht hat. Vielleicht eher an seine Gattin Hillary, die von sich meinte, es auch zu können, weil sie schon immer der geniale Teil der Ehe gewesen sei, und krachend scheiterte. Man hat hier in Europa gar nicht nachempfunden, wie unbeliebt Hillary Clinton und ihre Demokratische Partei waren, als sie gegen Donald Trump und seine Republikanische Partei antraten. Und ihm, dem Unsäglichen ins Amt verhalfen. Aber ich schiesse mich nicht auf Hillary ein, so wie es Dick Morris getan hat, Bills Freund und Wahlkampfmanager; Dick ist mittlerweile eine ganz tragische Figur. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich saß mit Dick Morris in Paris an der Bar und er sollte in einer halben Stunde einen Vortrag halten, auf einer meiner Veranstaltungen. Erstens kriegte er ein Honorar, für das man einen Kleinwagen erwerben hätte können. Zweitens trank er (obwohl Nachmittags). Drittens hatte er acht Fragen. Nur acht, aber die schon. Ich meine, das muss man können, eine geschlagene Stunde vor zweihundert Fachleuten reden, und keine Ahnung gehabt zu haben, wo man eigentlich engagiert ist und warum. Dick Morris sprach über „campaigning“. Das ist zu allererst die Fähigkeit eine ARCHITEKTUR der POLITISCHEN KOMMUNIKATION zu entwerfen. Das ist das, was zum Beispiel den GRÜNEN fehlt.
Die achte Frage des genialen Dick: „Hast Du die Macht, Dich bei Deinen eigenen Leuten durchzusetzen?“ Da war er sehr entschieden. Man scheitere immer im eigenen Lager. Wenn nicht an Intrigen, dann an Dummheiten der Mitarbeiter. In den harten Worten des New Yorkers: THE ENEMY IS IN YOUR HQ. Der Feind sitzt im eigenen Hauptquartier. Das war übrigens auch die Grundidee der sogenannten Campas der SPD, raus aus der Parteizentrale, möglichst auf‘s freie Feld, lieber auf einen anderen Stern.
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UND ER ERKANNTE SIE.
Ich lese seit langem wieder mal einen Roman, der mich nicht nur insgesamt zunehmend fesselt, ich bin auf das Ende wirklich gespannt, sondern den ich auch in sehr vielen Details als wirklich bereichernd empfinde. Große Literatur. Christoph Peters, Innerstädtischer Tod. Luchterhand. Manches in den Inneren Monologen der dort sich erklärenden Figuren ist für mich von beiläufigem Interesse, anderes von geradezu explodierender Spannung oder tiefer Erheiterung. Oft zu meiner Skepsis gegenüber investigativen Journalisten.
Aber da lese man selbst. Es wird ein Kaleidoskop metropoler Charaktere gegeben, hinter denen mehr oder weniger leicht Zeitgenossen zu erkennen sind. Oder vertraute Orte erscheinen äußerst zutreffend beschrieben, und sei es nur ein Restaurant (die Kantine) oder eine Hotelbar (die des Hyatt, im Roman Regent genannt). Große Themen, nichts Geringeres als die Frage nach der übermächtigen, aber völlig hohlen Attraktivität von Sex. Oder kleine Beobachtungen, die man als ungemein typisch empfindet. Lesefrüchte.
Nur ein Beispiel. Über einen Skandalbericht in der Hauptstadtpresse, es geht um die angeblich sexuellen Übergriffigkeit eines Galeristen Damen der Gesellschaft gegenüber, heißt es, dass man dem Wortlaut des Artikels anmerken konnte, dass er bis in jeden Nebensatz von den Verlagsjuristen frisiert worden sei, weil man sich seiner Geschichte eigentlich nicht sicher gewesen sei, trotz der so häufig angeführten Eidesstattlichen Versicherungen, die man dort anonym anführe. Bingo!
Das ist voll auf die Zwölf. Wer meinen Job einige Jahrzehnte gemacht hat, der riecht das, was eine dünne Geschichte des allfälligen Rufmords ausmacht, die die Äußerungsrechtler des Verlags wasserdicht gemacht haben, weil sie wissen, wie dünn die Faktenlage ist und ahnten, das das vor Gericht nicht hält, was schlechtgelaunte Ideologen da in übler Absicht zusammengerührt haben. Nur ein Detail unter zahlreichen Beobachtungen, aber für den kundigen Thebaner ein Moment der Erkenntnis im biblischen Sinne. Du riechst, wie sie sich in ihrer Story winden, um aus der Mücke doch noch den Elefanten zu machen und eine tiefe Skepsis sagt Dir: Da stimmt was nicht; auch dieser Skandal ist konstruiert.
So wartet also ein Reigen von Inneren Monologen mit einer bitter heiteren Weltsicht auf. Der geneigten Lektüre anzuempfehlen.