Logbuch
OVER & OUT.
Bei großen mythischen Traditionen gilt es Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Ich habe eine meiner Studierstuben mit einer riesigen Reproduktion eines Dürer-Werkes verziert und zu allem Überfluss noch einen ersteigerten Ölschinken aufgehängt, auf der gegenüberliegenden Wand. Jetzt blickt das eine Porträt unseres Religionsstifters das andere an, in beiden Fällen das Antlitz Jesu auf dem Weg nach Golgata, mit Dornenkrone. Ein gespenstischer Raumschmuck im Studierzimmer.
Der Mythos „Schweißtuch“, sprich des SUDARIUMS, soll aus den Apokryphen stammen, einem für die Endfassung der Bibel verworfenen Evangelium. Das ist, wie Kipling sagt, eine eigene Geschichte. Es geht um ein authentisches Bild Christi, das entstanden sein soll, als ihm eine mitleidige Frau ein Tuch reichte, mit dem er sein verschwitztes Gesicht habe trocknen können. Die Dame gegenwärtigte dann darauf das Wunder eines Porträts. Jahrhunderte bestimmte diese Reliquie die bildliche Darstellung des Herrn. Das war er wirklich, dachte man. No fake news.
Bei Dürer präsentieren zwei Engel, was sonst die HEILIGE VERONICA hochhält. Deren Existenz im Klarnamen ist aber ein veritabler historischer Irrtum. Weil das mythengeile Volk kein Latein konnte, haben sie die priesterliche Bezeichnung des WAHREN BILDES (lateinisch: vera icon) verballhornt. Die Heilige Vera, kurz für Veronica, war ein Volksglaube. Jeder Glaube ist eben das, die rigorose Sinnstiftung bei unzulänglichen geistigen Mitteln.
Also, von der Vera Icon wird im nächsten Jahr noch einiges zu erzählen sein. Das könnte ein Aufsatz oder ein Büchlein werden. Zudem habe ich gestern in der benachbarten Baumschule für 210€ einen drei Meter hohen Gingko gekauft, den mein Gärtner noch vor Sylvester setzen wird. Und dann soll es 2024 bei SPRINGER eine Festschrift über mein berufliches Wirken geben; ich habe schon ins Manuskript schauen dürfen. Ich habe den akademischen Fachkollegen mehr als zu danken. Es geht thematisch um AUTHENTIZITÄT, also vera icon.
Dankbar schließe ich so das alte Jahr und blicke auf ein neues. Over & out.
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ANGEBOTSVERKNAPPUNG.
Die Öffnungszeiten der Restaurants ändern sich: ab Donnerstag, so lautet die neue Parole. In der ersten Wochenhälfte geht nichts mehr. Sonntags auch zu. Und dann vergeben sie zum Wochenende hin einen Tisch für 90 Minuten. Friss, zahl und verpiss Dich!
Das wird nicht gutgehen. Ich verstehe ja, dass Personal knapp ist und der Kostendruck hoch. Aber die zeitliche Verknappung und damit die Verdichtung auf Vollbetrieb an drei Tagen, das ist ein Irrweg. Es wird die Kundschaft auf die Fastfood-Läden verlagern. Schon heute ist das Angebot in einer Bäckerei besser als im gängigen Restaurant. Mein Tipp: nach den (belegten) Handwerkerbrötchen fragen.
Auch auf Autobahnen Fast-Food-Ketten. Ich habe jetzt sogar gelernt mit einem Automaten zu reden, der mir bei McDoof die Bestellung abnimmt. Das sogenannte Frühstück war zwar lausig; aber es gab eines. Bei WürgerKing zahle ich für einen Burger mittels Drive-In fast zehn Euro, das simple Brötchen zwanzig Mark. Aber 24/7. Lausiger Kompromiss. So wird das nichts.
Auch in der Systemgastronomie gehobener Art findet eine radikale Angebotsreduktion statt. In Berlin gehe ich gern in ein Hotelrestaurant mit vorzüglichem Service. Riesenhotel, beste Lage, Topkellner. Und eine sehr, sehr kleine Karte, die über Monate nicht wechselt. Ich habe aber keine Lust zwischen zwei Gerichten, die mir munden, zu wählen.
Und bei den Familienrestaurants radikale Qualitätsunterschiede, je nachdem, wer in der Küche ist. Ist die Mama krank, gibt es Convenience aus der Metro und schlimmeres. Wir fallen in eine Service-Wüste zurück. Ich werde mir eine zweite Tiefkühltruhe in den Keller stellen. Dann halt selbst.
Für unterwegs wieder Butterdose und Thermoskanne. Heimlich, weil spießig. Aber was will man machen? Vom Bordbistro der Bahn oder Sandwiches im Flieger schweigt des Sängers Höflichkeit.
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DIE FREUNDE DES DIESEL.
Nur damit das klar ist: ich fahre gleich los und habe 600km vor der Brust. Da die Bahn nicht mehr verlässlich fährt, fahre ich einen Selbstzünder (Geheimsprache). Reichweite 880km. Das wollen sie mir nehmen. Wg. Klima.
Gestern legten Heerscharen von protzigen Traktoren die Hauptstadt lahm, weil die Regierung plane, die Subventionen für den Diesel in der Landwirtschaft zu streichen. Bauern blockieren und hupen wild. Man droht massiv und gibt rechten Parolen Raum.
Der grüne Cem Özdemir spricht und gibt den Aufständischen Recht, wenn ich das richtig verstehe. Das wolle er verhindern. Er ist amtierendes Mitglied eben dieser Regierung. Der Opportunismus der Grünen, Partei des Bundeslandwirtschaftsministers, kennt keine Grenzen. Jetzt also Freunde des Diesel. Wie in Sachsen die AfD. Flexibler Normalismus.
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MEMENTO MORI.
Gestern durfte ich mit der Blonden einen Wein verkosten, der ihr nun gar nicht schmeckte. Erster Hinweis: Die Blonde, englisch „the blond“, ist keine natürliche Person, sondern eine literarische Figur des großen A. A. GILL, eines verstorbenen Journalisten meiner Generation, den ich sehr schätze. Er ist der mit Abstand beste Restaurantkritiker, den ich je kennengelernt habe; von großem Biss („acerbic“) und für mich mit einer gewissen Tragik. Dazu mehr am Schluss. AA Gill nutzte die Blonde als rhetorische Figur, um über zwei Menus berichten zu können, seines und ihres; ging aber oft allein essen und meist nur zum Lunch (wenn er auch dabei das Dinner nahm).
Es gab gestern bei Carl&Sophie einen Rheingauriesling von Wegeler, der schon ein gutes Jahrzehnt in der Flasche war. Das können sie in Oestrich-Winkel. Ich fand ihn großartig und die Blonde sagt, er schmeckt nach Reifen. Wie kann ein Winzersekt nach Reifen schmecken? Nun gibt es beim Wein drei Säulenheilige, den Önologen, den Sommelier und den Connaisseur. Zunächst zum ersten, dem Winzer. Mein Rat, besuchen Sie ihn; sagen Sie ihm vorher, dass Sie sicher einen Kofferraum voll erstehen werden und dann lassen Sie ihn in seinem Keller reden. Fragen Sie ihm Löcher in den Bauch. Das wird ein Bildungserlebnis.
Mit dem Weinkellner im Resto reden wir gar nicht. Das ist immer ein eitler Fatzke, der dummschwätzt. Man nennt seine Geschmacksrichtung und das Preisniveau. Damit lässt man ihn machen. Nur der Connaisseur labert mit dem Dackel im Frack. Wir lauschen dagegen der Blonden und widersprechen nicht. Das befördert den weiteren Abend. Von mir aus eben Reifen.
Der Önologe erzählt vom Winzersterben, vielen Familienbetrieben geht es an den Kragen und der Winzer greift zum Strick. Er sagt: „Da müssen die Bäum dann starke Äst haben.“ Erinnert mich an AA Gill, der von seinem nahenden Tod wusste und das Wissen mit seinen Lesern geteilt hat. Bittere Stücke, die letzten. Man wusste, dass sie das sind, die letzten. Und so war es dann auch. Mit wem die Blonde jetzt wohl geht?