Logbuch
KESSELFLICKER.
Guter Geschmack zeigt sich im Dezenten. Er ist nie grell und nie laut. Immer zurückhaltend. Also langweilig. Schlechter Geschmack dagegen kennt keine Grenzen.
Boris Johnson steht auf einem internationalen Gipfel isoliert. Niemand will mit dem Brexit-Clown auf einem Foto landen. Lese ich in der englischen Presse. Ich lese dort auch von dem Boxer Big Willi, der Handschuhe, wohl gemerkt Boxhandschuhe, verschmähte, also ein BARHANDBOXER, dass er eine Geburtstagsfete seiner Gattin auf Malle nicht überlebte und im Protz und Prunk der Travellers beerdigt wurde. Ein irischstämmiger Traveller. Deren Ruf ist etwa so wie der der Sinti und Roma auf dem Kontinent früher war. Die Sesshaften diskriminieren die Nomaden, worauf diese mit Stolz und Übertreibung reagieren. GETTO-PROTZ. Neuerdings Exempel des wirklich schlechten Geschmacks, also hoch interessant.
Travellers sind historisch Nomaden in Irland, die englische Kolonialisten im 17. Jahrhundert zu einer Existenz auf Planwagen und an den bitteren Rand der Gesellschaft gezwungen hatten. Seit einigen Jahren kommt es wieder zu Sesshaftigkeit, auch in England, dort am untersten Ende der Urbanität. Kesselflicker. Da unbeschult sind die Familien meist analphabetisch und gelegenheitsarbeitend, aber kinderreich. Big Willi war eines von 16 Geschwistern und konnte auf 400 Nichten und Neffen verweisen. Der Herr gibt es den seinen.
Das Grab von Big Willi im englischen Sheffield wurde aus weißem Marmor gearbeitet, einem soliden Stück von 37 t Gewicht. Neben den Goldlettern KING und einem freudigen Spiel der farbigen LED-Beleuchtung ziert es eine in Marmor gekleidete Musikbox, die seine Lieblingshits spielt. Dem lauschen einige in Marmor gehauene Heilige seines Grabes und die kärglicher begrabenen Nachbarn. Katholisch also, aber in ganz protzig. Vielleicht hätte die politische Klasse Sheffields das noch hingenommen, aber es wehen auf dem Grab zwei Nationalflaggen Irlands. Das aber ist EU. Das geht der BREXIT-NATION zu weit. Da hat dann selbst der schlechte Geschmack seine Grenzen.
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FLÜSSIGES BROT.
Was früher eine Weinkarte war, die Auswahl aus sehr vielen Flaschen, ist heute auch dem Bierangebot gegönnt. Flüssiges Brot aus aller Herren Länder. Ich hatte gestern eins namens Delirium Tremens.
Viel Fragwürdiges im Angebot. Aus einer kleinen Sektflasche mit Naturkorken habe ich ein belgisches Sauerbier getrunken, das ungefiltert und spontan vergoren den Charme einer Urinprobe aus dem Altersheim hatte. Der kundige Kellner pries es als den Champagner der Biere. Nun, ich will den in Belgien ansässigen Brauern nicht zu nahetreten, aber mein Ding war es nicht.
Die Biere aus Früchten wie Erdbeeren oder Aprikosen haben wir gemieden; das klingt dann doch zu sehr nach Kindergeburtstag. Stattdessen Indian Pale Ale, sehr lecker. Und zum Dessert der Bierverköstigung dann doch ein sehr süßes dunkles Kellerbier aus Augsburg genommen, in Lingen an der Ems. Das geht wegen Freitachs für Futscher eigentlich nicht. So lange Transportwege sind ökologisch bedenklich.
Weshalb ich auch keinen Wein aus Australien oder Neuseeland trinke. Jedenfalls nicht aus diesen schweren Glasflaschen, die um die Welt gesegelt sind; über Plastikschläuche in Kartons lasse ich mit mir reden. Früher haben kleine Brauer am Ort bestimmt, was der Herr Wirt aus dem Hahn laufen ließ und fertig. Heute sind es Konzerne, die global ein Einheitsgebräu ausschenken. Baustellenbier oder Six-Pack-Qualität, eben die Logik der hoch profitablen Nahrungsmittelindustrie. Unter dem Schirm dieser Uniformität sprießen dann aber doch wieder die kleinen Pilze. Aus Handwerkskulturen. Solches hörte ich gern vor meiner Geschichte.
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FRIEDEN AUSGEBROCHEN.
Mutter Courage glaubt vom Krieg leben zu können, als Marketenderin. Sie fürchtet nur, dass der Frieden ausbricht und ihre Einkünfte ruiniert. Eine unberechtigte Sorge.
Ich habe mein Leben bisher in dem Luxus verbracht, dass sich zwar irgendwo auf der Welt die Völker umbrachten, oft weil Imperien sich arrondierten, aber nicht hier in Europa, jedenfalls nicht in meinem seligen Vaterland.
Ein Vaterland unseliger Vergangenheit. Mein Vater, der den Zweiten Weltkrieg überlebte, wusste von dem Ersten zu erzählen, den sein Vater überlebt hatte. Und von dem Moment, wo die Geschlagenen aus 14/18 sich 1938 freuten, dass der Himmel unter der Luftwaffe brummte, die Richtung Frankreich zog, den Erbfeind diesmal zu erledigen. So lang ist das nicht her.
Aber in unseliger Tradition. Die Goldelse in Berlin ist ein mit Kanonenläufen bestücktes Denkmal, Rohre aus 1870/71. Auch das müssen meine Ahnen überlebt haben. Sie haben diese Kriege nicht nur erlitten, sondern, soviel Ehrlichkeit muss sein, wohl auch geführt. Nicht als Offiziere, sondern als Mannschaften, sprich Kanonenfutter, aber immerhin. Mit keinem Gewinn. Nur dem unverdienten Glück der Davongekommenen.
Mutter Courage, die Tapfere aus dem Dreißigjährigen Krieg Anfang des 17. Jahrhunderts, verliert in ihrem Streben, am großen Unrecht einen kleinen Gewinn zu machen, am Ende alles. Die Tapfere ist die Tragische. Der Dichter will uns sagen: Kriegsgewinnler sind niemals die kleinen Leute. Das war die Illusion der Courage, ihre Lebenslüge. Aber ihre Furcht, dass der Frieden plötzlich ausbricht, die war nun wirklich grundlos.
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MEMENTO MORI.
Gestern durfte ich mit der Blonden einen Wein verkosten, der ihr nun gar nicht schmeckte. Erster Hinweis: Die Blonde, englisch „the blond“, ist keine natürliche Person, sondern eine literarische Figur des großen A. A. GILL, eines verstorbenen Journalisten meiner Generation, den ich sehr schätze. Er ist der mit Abstand beste Restaurantkritiker, den ich je kennengelernt habe; von großem Biss („acerbic“) und für mich mit einer gewissen Tragik. Dazu mehr am Schluss. AA Gill nutzte die Blonde als rhetorische Figur, um über zwei Menus berichten zu können, seines und ihres; ging aber oft allein essen und meist nur zum Lunch (wenn er auch dabei das Dinner nahm).
Es gab gestern bei Carl&Sophie einen Rheingauriesling von Wegeler, der schon ein gutes Jahrzehnt in der Flasche war. Das können sie in Oestrich-Winkel. Ich fand ihn großartig und die Blonde sagt, er schmeckt nach Reifen. Wie kann ein Winzersekt nach Reifen schmecken? Nun gibt es beim Wein drei Säulenheilige, den Önologen, den Sommelier und den Connaisseur. Zunächst zum ersten, dem Winzer. Mein Rat, besuchen Sie ihn; sagen Sie ihm vorher, dass Sie sicher einen Kofferraum voll erstehen werden und dann lassen Sie ihn in seinem Keller reden. Fragen Sie ihm Löcher in den Bauch. Das wird ein Bildungserlebnis.
Mit dem Weinkellner im Resto reden wir gar nicht. Das ist immer ein eitler Fatzke, der dummschwätzt. Man nennt seine Geschmacksrichtung und das Preisniveau. Damit lässt man ihn machen. Nur der Connaisseur labert mit dem Dackel im Frack. Wir lauschen dagegen der Blonden und widersprechen nicht. Das befördert den weiteren Abend. Von mir aus eben Reifen.
Der Önologe erzählt vom Winzersterben, vielen Familienbetrieben geht es an den Kragen und der Winzer greift zum Strick. Er sagt: „Da müssen die Bäum dann starke Äst haben.“ Erinnert mich an AA Gill, der von seinem nahenden Tod wusste und das Wissen mit seinen Lesern geteilt hat. Bittere Stücke, die letzten. Man wusste, dass sie das sind, die letzten. Und so war es dann auch. Mit wem die Blonde jetzt wohl geht?