Logbuch
DAS LEBEN IST KEIN TANZLOKAL.
Ich kann die deutsche Geschichte durch die Brille der GASWIRTSCHAFT betrachten; das ist über gut hundert Jahre aufschlussreich. Die Hälfte davon war ich selbst dabei. Vom Kokereigas über die Mannesmannröhre bis zur Sabotage von Northstream. Aber danach fragt ja niemand.
Wir erleben gerade die Revision der DDR-Geschichte durch eine neue Generation von Apologeten. Schwerer Satz. Gemeint sind die Verteidiger einer an sich verlorenen Sache, des Staatssozialismus sowjetischer Prägung. Und Revision meint, dass man die Geschichtsschreibung auf den neuesten Stand bringt. Als Wessi oder als Ossi.
Man kennt den bösen Satz, nach dem unter Adolf auch nicht alles schlecht gewesen sei, aus dem Mund der Unbelehrbaren. Ein Revisionsversuch zum deutschen Faschismus, ein rundherum verbrecherisches Regime nachträglich verharmlosend. Eine ähnliche rhetorische Figur ist im Osten Deutschlands zur DDR-Vergangenheit an Stammtischen zu hören gewesen. Aber ich will die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war, hier nicht eröffnen, da beide Regime natürlich nicht ernsthaft zu vergleichen sind. Und ich keine Lebensleistung im Osten zu schmälern habe; nicht mein Punkt, Genossen.
Der Stammtisch ist in der Wissenschaft angekommen. Das ist mein Thema. Aus London publiziert eine deutschstämmige Historikerin wie wild revisionistische Beiträge zu ihrer ostdeutschen Heimat. Erstaunliche Herleitungen. Man hatte es seitens der SED auch nicht immer leicht mit dem Genossen Stalin… Echt jetzt? Und das Regime von Helmut Kohl habe ja zugegeben, dass man die DDR nur annektiert habe. Echt? So war das wohl, man ist dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beigetreten, also der BRD (Ostsprech).
Und die TREUHAND war nicht dem Erbe des Ostens „treu“ ergeben, sondern den Wünschen des Westens. Allmählich rochen die Städte in der Tat nicht mehr nach den braunkohlebefeuerten Bolleröfen oder den schlecht eingestellten Zweitaktmotoren; der Verlust des „Staatsduftes“ wird, wenn nicht beklagt, so doch vermerkt. Ostalgie. Auch aus Westdeutschland (sic) kommt in diesen Tagen eine deutsche Geschichte mit Inklusion der DDR. Hier versucht sich eine Wirtschaftsjournalistin, die beim TAGESSPIEGEL war und dem SPIEGEL verbunden ist, die ich schätze. Ich könnte aus eigenem Erleben einiges beitragen zum Mythos der Annexion und meinem Vaterland als Weltenkind zwischen Ost und West.
So etwa die Erinnerung Helmut Schmidts an Michael Gorbatschow, nach der dieser keinerlei volkswirtschaftliche Expertise gehabt habe, davon dass Staaten schlicht Pleite gehen können. Was aber auch egal ist, wenn es dein eigener ist, dem gerade die Luft ausgeht. Der Kapitalismus ist kein Ponyhof.
Die Geschichte wieder ansehen (das meint ja Revision), ein normaler Prozess. Gesetzt als Historie ist immer nur der jeweils letzte Stand der Klitterung. Auch die Geschichte ist kein Tanzlokal.
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EIN ÖDER ABEND.
In der Berliner Philharmonie gibt der in Sibirien geborene österreichische Dirigent Kirill Petrenko ein Konzert für Violine und Orchester des polnischen Komponisten Karol Szymanowski, das die aus Georgien stammende Geigerin Lisa Batiashvili mit Bravour fidelt. Chapeau.
Das Haus ist voll, lauscht und reagiert zurückhaltend. Man fremdelt. Touristen fotografieren sich. Die innere Begeisterung, die der Engländer Simon Rattle hier zu stiften wusste, bleibt aus. In der Pause spricht man seitens der Wilmersdorfer Witwen, die das Kernpublikum bilden, über den Rock der Batiashvili, ein sehr buntes, mit Glitzerpailletten besetztes Teil, das man eher im Zirkus tragen könne. Die üblichen Spießbürgerkommentare.
Eine jüngere Dame, vermutlich Kuratorin, ist im Parka mit Kapuze gekommen und behält ihn an. Ihr Begleiter, vermutlich Kritiker, weiß, dass der Dirigent „pumpt“; man gehe in das gleiche Fitness-Studio. Er sagt etwas zur Oberarmmuskulatur. Rucksackträger durchstreifen die Lobby. Nach dem Konzert findet sich die einschlägige Restaurantszene voll. Der Kellner sagt, es sei halt Berlinale und Valentinstag. Ich gähne. Bonjour tristesse.
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BÜTTENREDE.
Der offizielle Karneval mit all seinem PRUNK wie der bodenständigere, der sich selbst STUNK nachsagt, sie leiden beide daran, dass vorsätzliche Witzeerzähler auftreten, die sich selbst für komisch halten und es deshalb nicht sind. Diese Pappnasen sind autoreferentiell. Selbstbezüglichkeit, das geht gar nicht.
Ich höre gar Kommentare dazu, dass verzögert gelacht werde („Der war schwer!“) oder beiseite gesprochene Einforderungen des TUSCH, des notorischen Pointensignals durch die Saalkapelle. Satire kennzeichnet sich aber nicht als solche, darin liegt ihre Schärfe. Humor lacht nicht mit und über Humoristen. Karneval ist nicht komisch, wenn er es partout sein will.
Die BÜTT, das Rednerpult der Narretei, mag historisch ein Weinfass oder Waschkübel gewesen sein, ihre Bedeutung bekam sie durch die Analogie zur KANZEL, dem Ort der kirchlichen Autorität oder der Richterbank, dem Palastbalkon. Der Büttenredner nutzte eine kühne Amtsanmaßung, die die Jahreszeit ihm ausnahmsweise gewährte. Die BÜTT ist der Ort des Spottes der Beherrschten über ihre Herrschaften. Darin liegt eine intellektuelle Verantwortung.
Und die BÜTT ist der Ort der Kleinkunst des vorsätzlichen Blödsinns. „Wider den tierischen Ernst“, das ist ein gutes Motto. Davon ist, wenn man dem TV glauben darf, wenig geblieben. Als Freund des Kabaretts bedaure ich das. Die Clowns sind an der Macht und sie meinen es bitter ernst.
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SONO ITALIANO.
In einer Tapas-Bar in der Vielvölkerstadt New York empört sich der Spanisch sprechende Wirt aus Kastilien darüber, dass eine TV-Doku, die auf dem Fernsehschirm hinter ihm läuft, davon berichtet, dass man die DNA von Christopher Columbus und die seines Bruders wie seiner Schwester aus deren Grabstätten gekratzt habe und so zu der Feststellung gekommen sei, dass er ein Konvertit gewesen sei. Miguel fühlt die spanische Volksseele besudelt, da dies ja bedeute, dass CC gebürtig Jude war, der zum Christentum konvertiert sei. Ein Neuer Christ!
Ich kenne diese Debatten aus der unseligen Definition von Bio-Deutschen, die die Rechtspopulisten bei uns dem Dritten Reich entlehnt haben und bis heute aufrechterhalten. So macht sich der rechte Germane gerne groß. Im Kern geht es dabei um die Vorstellung reinen Blutes, was, politisch gewendet, eben auch unreines zu erkennen glaubt, um es dieserhalben zu diskriminieren. Die historische Rolle der ins Christentum zwangsweise umgetauften Juden ist insbesondere in Spanien und Portugal groß; übrigens auch der unfreiwillig konvertierten Muslime.
Rom und die jeweiligen Kaiser trauten ihnen nicht, den Neuen Christen; man vermutete, dass die den Riten des Alten Glaubens heimlich nachhingen. Wieder ging es um Reinheit, diesmal des Glaubens. Die INQUISITION wurde aufgelegt, eine Verfolgung von Häresie, die die Ketzer öffentlich verbrannte. Wg. Reinheit des Feuers. Man ginge der Spanischen Inquisition aber auf den Leim, wenn man nicht sähe, was die hauptsächliche Strafe war, nämlich die Enteignung der Neuen Christen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Der Spanier in New York, USA, möchte den Mythos bewahrt wissen, dass es reines Blut seiner Heimat war, das Amerika entdeckte. Selbst die portugiesische Variante will er ausgeschlossen wissen; was aber für meine Begriffe nur ein Hilfsargument gegen eine jüdische oder muslimische Tradition ist. Seit 1478 ließ Rom dafür das Heilige Büro wüten. Da ich sicher bin, dass sie mich nicht mehr holt, die Spanische Inquisition, und wenn dann wegen eklatantem Protestantismus, gieße ich Wasser in den reinen spanischen Wein.
Ich trage vor: Christoph Kolumbus hat gar nicht Amerika entdeckt, sein fundamentaler Irrtum. Das war Amerigo Vespucci, nach dem es dann ja auch benannt wurde. Dieser wiederum ein Italiener, wie übrigens Kolumbus auch. Beides Italiener! Ich darf die Tapas-Bar verlassen, ohne Begleichung der Rechnung, und mit dem deutlichen Rat, mich sehr schnell nach Little Italy zu verpissen.