Logbuch

SINTFLUT.

Wir denken in Bildern. Aber eben nicht in neuen, frischen Fotos, sondern in ganz alten. Zumal in Momenten der höchsten Not, da sehnen wir uns nach den Nothelfern, die irgendwo in der Tiefe unserer Seele begraben sind. SCHUTZHEILIGE sind gefragt. Ich erinnere ein solches Nothelferbild aus dem Jahr 2002. Wir hatten eine Flutkatastrophe, weil das Wasser der Elbe nicht aufhören wollte zu steigen. Der Osten versank in den Fluten. Da sehnen sich dann auch gelernte Atheisten nach dem alttestamentarischen NOAH, der vor der Sintflut rettet. Oder nach SANKT CHRISTOPHORUS, der auf alten Bildern das Jesuskind auf seinen Schultern durch die Fluten trug. Und wer gab diese Nummer? Der Wahlkämpfer Gerd Schröder. In Gummistiefel und einem Regenparka des Grenzschutzes. Ernstes Gesicht, vor Ort, sich kümmernd.

Sein Gegner Edmund Stoiber saß im Kurzurlaub auf einer Nordseeinsel und zankte sich am Telefon mit seinem Spin Doctor, ob er wirklich „vor Ort die Rettungswege verstellen“ sollte. Als sein PR-Manager, der ein guter Mann war, ihn dann doch noch überzeugt hatte, ließ er den Osten Osten sein und flog nach Passau. Voll daneben. Schröder schaffte mit seinem Nothelfereinsatz die Wende im Wahlkampf und blieb Kanzler. Stoiber, der Sperrige, blieb in Bayern, wohin es ihn ja gezogen hatte. Schröder reaktivierte symbolisch einen ARCHETYP, das war seine Genialität.

Ich erinnere noch ein Detail. Schröder verstand es den Inszenierungscharakter zu leugnen und Authentizität zu erzeugen; ein schwieriges, weil kontrafaktisches Manöver. Er gab sich gegenüber der ihn begleitenden Presse, sprich den Kamerateams unwillig. „Jetzt lass das doch mal!“ herrschte er eine Tonfrau an, deren Mikrogalgen wegschiebend. Natürlich ging das über den Sender. Es zeigte ja, dass es dem Heiligen Gerd um die Menschen in Not ging, nicht um eine Show. Solche PARADOXIEN muss man können. Gerd Schröder hatte das im Blut.

Und Helmut Schmidt, dessen Einsatz bei der Flutkatastrophe 1962 ihn lebenslang zum Helden machte. Barack Obama gehört auch zu den Nothelfern, die CHARISMA gewannen, weil sie sich so zeigen konnten, dass die Menschen glaubten, von ihnen Hilfe erwarten zu dürfen. Was braucht es? Zwei Dinge. Erstens die unbedingte Schamlosigkeit, das Elend der Menschen zu einem PR-Stunt auszunutzen. Zweitens das Talent der Paradoxie, nämlich eine Inszenierung als authentisch wirken zu lassen. Beides hat nicht jeder.

Man darf nicht sagen, dass es eine sehr lange Historie von Überflutungen gibt, bis in vorbiblische Zeiten. Zu der politischen Bewirtschaftung (aufschlussreicher Begriff!) von Krisen gehörte schon immer, dass man sich durch die tiefere Ursache des Unglücks selbst bestätigt sehen will. Heute der Greta-Kult, früher der religiöse Wahn. Aus dem Dauer-Regen (das heißt eigentlich Sint-Flut) wurde die Sünd-Flut, eine Rache Gottes für sündiges Leben. Auf Leugnung der pseudo-kausalen Zuschreibung folgte durch die politischen  Bewirtschafter eine massive Drohung mit Vergeltung, früher wie heute. Der Kampf gegen die Naturgewalt geht über in den Wettbewerb um die Deutungshoheit.

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BÖRSENGANG.

Man kann ein Unternehmen aus eigener Kraft und mit eigenem Geld gründen. Das ist altbacken. Moderner ist es, eine Idee zu kupfern, sagen wir aus den USA oder einem asiatischen Kometen, sie im Internet zu bewerben und dann das Geld anderer Leute einzusammeln. Wenn die Idee geil ist (Szenejargon), dann klappt das. Man hat dann, sagen wir 300 Millionen US-Dollar zu verbraten. Der kluge START-UP-UNTERNEHMER errechnet jetzt die „burning rate“, um zu wissen, wann die Knete verbraucht sein wird. Und er überlegt sich eine EXIT-STRATEGIE. Das ist der Dreh, mit dem man sich vom Acker macht, wenn es eng wird.

Denn die Anleger sind ja keine windigen Wohltäter, sondern in aller Regel solide Spekulanten. Die machen das Spiel mit, weil sie mit mehr Geld rauskommen wollen, als sie reingegangen sind. Es gibt nur dies eine Motiv, nämlich GIER. Das ist in Ordnung, weil eine unsichtbare Hand dafür sorgt, dass trotzdem alles im Lot bleibt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Manche rechnen auch mit der sogenannten Dividende, aber das sind ältere Herrschaften, denen die Erbschaftssteuer noch was übergelassen hat; die zählen eigentlich nicht. Unterentwickelte Gier.

Ich bin kein Börsenexperte. Ich bin es so wenig, dass ich gar nicht erst den Eindruck erwecken will, davon etwas zu verstehen. Ich glaube nämlich, dass es ein SPIEL ist, bei dem die Spieler selbst Wetten auf den Ausgang des Spiels abschließen. Da stimmt ja im Prinzip was nicht. Man kann von der Tribünen aus auf ein Spiel wetten. Oder man kann auf dem Platz, ein Spiel nach bestem Vermögen zu gewinnen suchen. Wenn aber die Spieler die Wetter sind und auch der Schiedsrichter finanziell engagiert, dann, ja, wie soll ich sagen, dann ist das keine Sache, an der ich als kleines Licht mittun möchte.

Zum IPO, dem Initial Public Offering, sprich dem BÖRSENGANG, gehört eine vorinformierte Anlegerschaft. Das besorgen Nachrichtenagenturen, die unabhängigen Rat geben. Wem die gehören? Na, soliden Spekulanten, nicht irgendwelchen windigen Wohltätern. Oder, um ein wirklich seriöses Blatt zu nennen, den Banken. Alles spielerfahrene Fachleute, siehe oben. Die haben natürlich den Wunsch, dass ihnen die Spekulation nicht durch eine schlechte Presse kaputtgemacht wird. Das macht gerade Schlagzeilen, weil die Einschränkung der Pressefreiheit bei uns den Besitzern der Medien vorbehalten ist. Da muss sich die Politik raushalten.

Den Rat habe ich zu den besten Zeiten von NEW LABOUR von dem Spin-Doctor Tony Blairs, dem allenthalben unterschätzten Alastair Campbell: „Don‘t talk to the editor, talk to the proprietor“, zu gut deutsch meint das, man solle sich erst gar nicht mit der Redaktion rumärgern, sondern gleich zu den Verlegern gehen, wenn man was will. Der Besitzer hat das Sagen. Fragen?

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HÖHERE INTELLIGENZ.

Es gibt Themen, die schreien nach Fachleuten. Experten. KI zum Beispiel. Man sagt der KI, kurz für KÜNSTLICHE INTELLIGENZ, nach, dass sie sich bemühe, so schlau zu werden wie die natürliche. Womit unsere grauen Zellen gemeint sind, das menschliche Hirn. Wir reden jetzt schon mit Computern und bald die mit uns. Dass der Rechner sich schwer dabei tun wird, mit uns zu plaudern, das ist ein falsches Menschenbild. Die meisten Menschen kommen gut damit zurecht, das sie relativ doof sind. Der Rechner aber lernt gnadenlos dazu. Das Auto wird bald intelligenter als der Fahrer sein. Schon der Opel Manta war schlauer als der sprichwörtliche Mantafahrer. Vom autonom fahrenden Tesla ganz zu schweigen…

ARTIFICAL INTELLIGENCE hat den Vorteil, sich nicht selbst clever geben zu müssen, sich nicht rechtfertigen zu müssen; sie bastelt sich ihre eigenen Algorithmen, egal wie unplausibel man das als Laie nun finden mag. Nur der Erfolg zählt. Die Black Box ist nicht eitel. Ich habe dafür gestern ein schlagendes Beispiel gehört.

Stichwort HOSPITALISIERUNG. Zu der Frage, wo eine Pandemie-Welle wann ausgebrochen sein könnte, wertet ein befreundeter Geheimdienst weltweit die Überflugfotos von Parkplätzen aus. Parkplätze an Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen. Wenn es hier zu Ungewöhnlichem, sprich Signifikanzen der Mobilität, kommt (insbesondere im Vergleich in der längeren Zeitreihe), also eine atypische Belegung stattfindet, dann hat das Gründe. Man misst also HOSPITALISIERUNG an der Parkplatznutzung. Das ist ja auch bei uns das neue Stichwort, die Hospitalisierung.

Mit der Parkplatzanalyse ist dann die jeweilige Regierungspolitik in Propagandafragen machtlos, weil man das zwar in Pressekonferenzen dementieren kann, aber eben nicht in der Sache entkräften. Der Parkplatz weiß es nämlich vor dem Arzt, also auch vor dem Gesundheitsamt und vor der Politik. Überall auf der Welt. Mit sehr interessanten Vergleichszahlen. Man hat so den verlässlichsten Indikator, ein Quartal vor der WHO und unabhängig von Staatsgrenzen.

Sage ich ja, die KÜNSTLICHE INTELLIGENZ in der BLACK BOX ist ein echt pragmatischer Hund. Jetzt hoffe ich nur, dass mein Beispiel auch stimmt. Denn bei Geheimdiensten, da kann „künstlich“ auch „artifiziell“ im Sinne von „gefälscht“ bedeuten. DESINFORMATION ist deren Spezialität. Man müsste wirkliche Experten fragen können. Nein, nicht Alexa. Einen klugen Akademiker dieses Fachs. „Siri, nenne mir Experten für KI!“

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ZOFF IN HÖHEREN KREISEN.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das gilt auch für die Magister, wenn sie Doktor werden wollen. Der Wissenschaft selbst ist Wettbewerb nicht fremd, die Universitäten sind zudem kleinbürgerliche Neidkulturen. Wie immer, wenn man ein Übel verkleiden will, erfindet man dafür ein schöneres Wort. Der Betreuer einer Doktorarbeit heißt deshalb Doktorvater.

Ich hatte einen Vater in der Frage; und fühle mich bis heute in seiner Schuld. Mein Gruß geht nach Bochum. Es gibt aber auch Rabenväter, die sich nicht kümmern und die feudale Abhängigkeit ihrer Studenten für ein Erbrecht halten. Der Pflicht zur Brutpflege entspricht ohnehin eher die Rolle der Mutter. Da hatten wir bei uns auch schon, lobenswerte Doktormütter. Alles in allem aber ein schwieriges Milieu von Neidern: Kollegialität auf den Lippen, Niedertracht im Herzen.

Ich selbst habe aus meinen Lehrjahren noch eine offene Rechnung bei einem Mitkämpfer (das heißt Kommilitone ja), der mir damals einen entlegenen englischsprachigen Aufsatz wegschnappte, indem er ihn hinter meinem Rücken kurzerhand selbst übersetzte und publizierte. Kein Verbrechen, aber eben auch nicht fair. Ich war sauer, vor allem über mich, der ich zu leutselig und zu langsam war. Vergossene Milch.

Kaum sind fünfzig Jahre um und ich sehe Gelegenheit zur Rache. Man muss nur lange genug an der Biegung des Flusses sitzen, bis die Leichen seiner Feinde vorbeischwimmen. Die Ratte wird, lese ich, bei einer Literaturpreisverleihung die Festrede halten sollen. Ich sitze, was er nicht ahnen kann, in der ersten Reihe, weil ich den Preisträger kenne, ein Kumpel. Ich war der Entdecker des Dichters. Aus der Laudatio mache ein Debakel, nein, ein Lustspiel, eine Farce! Man war ja lang genug Teil der studentischen Protestszene, um zu wissen, wie das geht. Man komme mir nicht mit Altersweisheit; ich will Rache.

Ich werde mich aufführen, als hätte ich weder Vater noch Mutter. Ich meine, akademisch. Bei längerem Nachdenken fallen mir andere Literaturpreise mit skandalierten Laudationes ein. Vielleicht doch kein so ganz revolutionäres Format. Ich entscheide mich für eine andere Variante. Ich werde so tun, als kenne ich ihn gar nicht. Begrüßung: „Und Sie sind Herr ???“ Das trifft die Ratte mehr als ein Tadel. So mache ich das. Namen und Termin in den Drukos.