Logbuch

MANTA GRÜN.

Farbenlehre, daran hat sich schon Goethe versucht. Und ein Psychologe namens Lüscher, der Erfinder des gleichnamigen Tests. Verlässlich ist das nicht, was da über den menschlichen Charakter vermutet wird. Der Test ist eher der Opel-Manta der Psychologie. In der politischen Farbenlehre steht gerade schwarz-grün an.

Ich habe als Demoskop dieses Indianertalent: ich höre die herantragenden Gäule mit einem Ohr auf dem Prärieboden kommen. Der neue „mainstream“ bildet sich aus dem schwarzen und dem grünen Lager. Hier sind die merkelschen Mehrheiten der Mitte. Man richte den Blick nach Nordrhein-Westfalen und Hessen. Die dortigen Ministerpräsidenten sind die Köpfe dieser Zukunft.

Auch wenn die Nation noch nicht aufspringt, wenn jemand Boris Rhein sagt oder Hendrik Wüst; die Herren können den neuen Typus. Beide sind in den Wendungen und Windungen des politischen Geschäfts erfahren, aber das ist nicht ihr Geheimnis (und sie haben eines). Die Herren sind in Seele und Gemüt tiefschwarz, zeigen es aber nicht. Man verbirgt vor dem Wähler den konservativen Kern hinter einem freundlichen Gesicht. So geht „liberal“ auch ohne FDP.

Da waltet eine intelligente Doppelstrategie, die weiß, dass die eigenen Leute schon heraushören, was den Anderen nicht auf die Nase zu binden ist. CHRISTLICH seien sie, nicht konservativ oder rechts. Aber auch das ist nur eine Metapher des Unbestimmten. Offen antisemitische Töne passieren Herrn Rhein nicht mehr (hatten wir auch schon anders), so wie Herr Wüst Muslime zu schätzen weiß (ganz im Duktus von Türken-Armin Laschet).

Wer würde besser zur Gattung dieser Chamäleons passen als die Grünen? Sie schmeißen sich in Wiesbaden wie Düsseldorf ran. Das neue Schwarzgrün vereint dann die Stimmung im jüngeren Teil der Wähler mit der bei den älteren. So entsteht ein Klima fragloser Hegemonie. Und beide, der Boris wie der Hendrik, haben die Haare schön. Ideale Schwiegersöhne. Aus dem Holz schnitzt man Kennedys.

Was mir stinkt? Das Politische diskreditiert meine ästhetische Veranlagung. Denn eigentlich ist die Mischung des Grün mit einem schwarzen Grundton meine Lieblingsfarbe: RACING GREEN. So kamen besonders edle Sportwagen daher. Jetzt ist es die Rüsselsheimer Tönung des politischen korrekten Opel. Die Mitte der Manta-Fahrer. Bitter.

 

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MULTI KULTI.

Die Neue Rechte ist zwar eine reaktionäre Truppe, aber sie hat Humor. Ein Beispiel aus England. Ich höre dabei Kipling aus dem Grab lachen.

Am Fall der englischen Stadt Leicester (sprich: Lester) sehe man klar, dass Multikulti nicht funktioniere, sagt die amtierende britische Innenministerin Suella Breverman, der man zutraut Regierungschefin werden zu können. Das ist biografisch interessant.

Die Dame ist Einwanderungskind eines Inders, der aus Kenia kam, und einer Tamilin aus Mauritius, die sich in GB trafen und ihre Tochter Cassiana unter dem Familiennamen Fernández auf eine englische Schule schickten. Eine Kurzzeitehe mit einem Rael Breverman beschied die strebsame junge Frau später mit ihrem sprechenden Nachnamen („tapferer Mann“).

Wie kommt es zu dem synthetischen Vornamen Suella, den sie heute trägt? Nun, ihre Eltern liebten die amerikanische TV-Serie DALLAS und dort besonders die Gattin des Helden JR Ewing, eine Alkoholikerin namens Sue Ellen, was der Taufname von Cassiana Fernández wurde: Sue-Ellen. Jetzt heißt es: „Suella 4 leader“.

Das Vielvölkergemisch im englischen Leicester ist ihr lästig; sie will illegale Zuwanderer nach Ruanda, Afrika, deportiert wissen. Ihren Amtseid für das Kabinett Ihrer Majestät hat sie auf ein unaussprechliches indisches Kochbuch abgelegt; sie ist Buddhistin.

Zu all dem könnte ich in meiner Lieblingsrolle als JR etwas sagen. Aber da werden sich nur die Älteren unter uns erinnern. Ich sage daher in den Worten eines amerikanischen Zirkusdirektors: „Noch nie hat man ein Publikum verloren, indem man es unterfordert .“

 

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HALTUNG.

Gestern im San Giorgio in der Mommsen für eine Sekunde aus dem Augenwinkel sehe ich den Koch ins Restaurant kommen; und zwar im HABIT, der weißen doppelgeknöpften Kochjacke. Das gefällt mir. Der Mann hat sich vom früheren Chef, dem grantelnden Domenico, in der italienischen Küche unterrichten lassen und genießt mein Vertrauen.

Penne mit Salsiccia und dicken Bohnen, Kalbsnieren in Rotwein mit Rosenkohl, Cassata in Schnaps. Jetzt führt Frabrizio, Demenicos Sohn den Laden, fabelhaft. Wir trinken einen Braide Alte 2019 aus Venezien zu einem fairen Preis. Und der Koch im Habit. Alles, wie es soll.

Es ist ja erwiesen, dass ein Chefarzt seinen Beitrag zum Heilerfolg durch den Arztkittel der höheren Wahl erbringt. Chefvisite ist Autorität in weiß. So wie an der Alma Mater die Spektabilität am Talar hängt. Der Rocker an der Kutte. Für Montanseelen ist das eh klar, der Habit macht der Steiger. Man verwechsele das nie mit der militärischen Uniform, die dem Prahlen mit der Hierarchie dient.

Der Habit entstammt den Kulturkämpfen der Bettelorden des 13. Jahrhunderts; er war das Gegenteil von SCHMUCK, eine bewusst einfache Kleidung. Die Kutte verbarg Macht und vermied Eitelkeit. Das ist auch der Sinn der Robe vor Gericht, eine Verneigung vor der Sache. Wie das Hoody der Kapuziner (ihre Kapuze) und die Soutane des Klosterbruders.

HABIT kommt vom Lateinischen „habitus“, der HALTUNG. Man zeigt seine grundsätzliche Zuordnung zu einer höheren Sache. Davon ist der sprichwörtliche „Haltungsjournalismus“ ein übler Abklatsch. Man kann nicht schlechter gekleidet sein als Linke. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Dann doch lieber zu der nicht ganz veganen Frage, wie die Nierchen waren? Großartig!

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KÖRPERSPRACHE.

In Londons Regierungsviertel beobachtet ich bei Interviews mit Politikern einen irren Aufwand. Ein Kamerawagen wird vor dem Befragten rückwärts weggezogen und dieser läuft ihm gestikulierend nach. Das Ganze nennt sich „Westminster walk & talk“ und erzeugt beim Zuschauer an den Geräten den Eindruck, dass der Politiker auf ihn zuläuft und dabei auf ihn einredet, während er zurückweicht. Kopfschüttelnd betrachte ich auf der High Street diesen Blödsinn, werde aber belehrt. Der walk&talk-Stil sei in den Socials jetzt üblich. Wirkt auf mich wie Affentheater.

Wir erinnern uns, dass bei uns die berühmteste Interviewform die des legendären Publizisten Günter Gaus war, in der man sich gegenübersaß, aber der Interviewer kaum gezeigt wurde, während man dem Interviewten jeden Raum gab. Es herrschte eine hanseatische Höflichkeit, im Ton verbindlich, der Form konziliant. Die heutige Penetranz von Lanz hätte als übergriffig gegolten. Vieles in aktueller Studio-Architektur ist dem Mangel an Inhalten geschuldet. Stattdessen machen wir den Kasper, auch aus uns selbst.

Eine regelrecht patriarchalische Präsentation kommt historisch aus der amerikanischen Talkshow-Architektur. Der Gastgeber ist hinter einem monströsen Schreibtisch verschanzt, der Gast darf sich auf einer kleinen Couch blamieren, die so davorgestellt ist, dass man unter Röcke schielen kann. Bis ins Peinliche verklemmt. Ein Befreiungsschlag für öffentliche Präsentation kam durch die kalifornische Apple-Kultur. Ein noch nicht geduschter Kerl in Jogging-Klamotten lief auf einer leeren Bühne auf und ab und erklärte sein neues Ding. Kumpel-Kommunikation. Inzwischen ist das Milieu ein wenig durch Elon Musk ruiniert, der die Grenze vom Komischen zur Albernheit überschritten hat. Aber es gab auch hierzulande Versuche des Nachäffens.

Das alte Rednerpult war natürlich eine Festung, eine Schutzmauer, hinter der der ungeschickte Körper sich verbergen konnte. Von den Personen blieben nur noch „talking heads“. Irgendwie schien das dem häuslichen Fernseher als Format zu entsprechen. Das war der Apple-Generation Daddy‘s Turf, altbacken. Bro, keep it real! Zudem spricht man frei; keine Manuskripte mehr, allenfalls schlecht abgelesener Tele-Prompter.

Man konnte an dem modernitätssüchtigen Christian Lindner (FDP) sehen, wie deutsche Adaptionen aussahen, als er im T-Shirt auf der Bühne rumspazierte. Das ganze Feld haben Instagram und TikTok verändert. Jetzt sind pubertäre Influencerinnen stilgebend. Man sieht es im grünen Milieu, dass daraus ein Informalitätsgebot entstehen kann, in dem eine neue Aufdringlichkeit liegt. Wenn in der Bahn interviewt, sitzt man als Grüner im Gang vor dem Klo auf dem Boden.

Ich sehe Interviews auf der Zugspitze, in der Badeanstalt, beim Sport oder anderen Freizeitaktivitäten, etwa dem Kochen mit lustiger Schürze (leider vergessen, den Herd auch anzuschalten). Oder vor der Sauna. Den Rhein durchschwimmend wie der große Vorsitzende den Yang Tse Yang. Und erinnere bei alldem das Goethe-Wort: „Man bemerkt die Absicht und ist verstimmt.“