Logbuch
Merkel zieht man nicht an den Ohren – und Westerwelle sollte es schon gar NICHT tun
Eine bürgerliche Regierungskoalition will er der Nation schenken, ein schwarz-gelbes Bündnis, in dem er dann Außenminister wird. Der ehrgeizige Guido Westerwelle hat einen Traum: Er will die deutsche Hillary Clinton werden. Frank-Walter Steinmeier wäre abgelöst und die Gefahr eines rot-rot-grünen Bündnisses gebannt.
Man sieht Westerwelle an, wie beseelt er von dieser Vision ist. Was Hillary für Obama, wäre er für Merkel, ein ganz, ganz toller Gensch-Man II. Aber viele Wähler reiben sich die Augen. Mit dem Guido-Mobil fahren wir nach Whitehall und vor den Elysée-Palast, vom Big Brother-Container ins Weiße Haus? Nun muss man in der Politik immer den Spott seiner Gegner ertragen können. Das geht auch dem amtierenden Außenminister und SPD-Kandidaten so. Westerwelle wie Steinmeier schadet aber vor allem die Missgunst aus dem eigenen Lager.
Über 40 Prozent seiner eigenen Anhänger, fast die Hälfte der FDP-Wähler, folgen diesem Traum von der Hillary-Rolle nicht; sie können sich Westerwelle schlicht und einfach nicht als Außenminister vorstellen.
Zu Recht. Ambition ist in der Politik nicht alles. Westerwelle ist auf eine nachhaltige Art nicht auf der Höhe der Zeit. Im Gegensatz zu Angela Merkel, die einen sehr modernen Wahlkampf führt und den liberalen Eiferer auf Distanz hält. Merkel weiß, dass der von ihr geforderte Themenwahlkampf ihr nur schaden kann. Man gewinnt in diesem Land und in dieser Zeit keine Wahlen, indem man Kataloge der Zumutungen rezitiert. Niemand will die Hartz-Wunden aufreißen und erneut Salz hineinreiben.
Merkel läuft zudem nicht in die Dementi-Falle, in der Westerwelle sitzt. Er verspricht, dass keine soziale Eiszeit ausbrechen wird ,wenn er an die Macht kommt. Das ist frei von jeder Raffinesse. Und schließlich chargiert er als Ehrenmann. Obwohl gerade er aus gutbürgerlicher Perspektive halbseiden wirkt, bemüht er die Kategorie des Bürgerlichen; das ist eine klassenkämpferische Vokabel gegen die vermeintlichen Proleten in der linken Hälfte der Republik, und für die Ostdeutschen schmeckt es unangenehm nach Bourgeoisie.
Als besonders dumm wird sich erweisen, dass er Merkel die gleichen Ratschläge zu geben versucht wie deren Feinde in der Union: Sie möge doch endlich mal Anlass zur Kontroverse geben. Merkel zieht man nicht an den Ohren, die Frau hat ein gutes Gedächtnis. Der eigentliche Grund für die Tragik im eitlen Streben der deutschen Hillary ist: Die Nation braucht sie nicht, wir haben keine politische Wechselstimmung, das Land fühlt sich gar nicht so schlecht regiert.
Das muss man als politischer Bürger, als Citoyen, bedauern. Angesichts einer Weltwirtschaftskrise zeigt sich die Nation als behäbig. Ein sträflicher Zustand, aber man kann Wähler nicht erziehen. An dem Tag, als Merkel und Steinbrück vor die Kameras traten und sagten, die Sparbücher sind sicher, wurde die große Koalition verlängert. Das muss nicht bis zum Wahlabend halten, aber wir werden nicht erleben, dass Westerwelle als Retter der Nation durch die Straßen getragen wird.
Quelle: starke-meinungen.de
Logbuch
DER AKT MIT DEM AKT.
Mein alter Lateinlehrer Attila Huch trug noch Gamaschen und war auch sonst ganz vom alten Schlag. Man kann sich unsere Überraschung als pubertäre Eleven nicht vorstellen, als wir von ihm hörten, dass eine gelungene Rede gebaut sei wie ein glücklich verlaufener Liebesakt. Padautz!
Das war ein Zitat des Dichters Ovid, der sich der Kunst der Liebe (ars armandi) gewidmet hatte, sollte uns Grünschnäbeln aber zeigen, wie man einen Vortrag baut. Dabei bedarf es einer gewissen Geduld; die Vorzeitigkeit gilt eher als Unglück. Wir hatten im Dreischritt aufzubauen, was zu einem glücklichen Schluss gelingen sollte. These, Antithese, Synthese. In dieser Reihenfolge.
Solche Redekunst ist der Generation TikTok fremd. Sie platzt schon beim Vorspiel (pun intended) mit einem vorgetäuschten, jedenfalls vorzeitigen Orgasmus heraus. Ejaculatio praecox. Das prägt die Erwartung. Der TikTok-Leser will nach drei Zeilen Empörung empfinden oder er flieht aus Horror vor einer Hinhaltetaktik sofort zum nächsten Akt. Eine Generation der Vorzeitigen, die stolz auf ihre fehlende Impulskontrolle ist.
Ich liebe all meine Leser! Insbesondere, wenn sie wirklich lesen. Und zwar bis zum Schluss. Diese Unsitte der vorschnell Empörungswilligen insbesondere bei Twitter / X langweilt mich zutiefst, obwohl sie glaubt, besonders aufregend, sprich schnell zu sein. Man schießt hier immer aus der Hüfte und meist daneben. Was niemanden stört, da der nächste Irrtum ja nur einen Post entfernt.
Das konnte man beim SPIEGEL lernen. Ein gutes Stück brauchte drei Dinge: Aufgalopp, Erklärstück, Apotheke. Die bittere Medizin zum Schluss konnte auch mal eine veritable Pointe sein. So man sie hatte. Wie man das dann in der Redaktion nannte, will ich nicht eigens nennen, da ich mein Stück eigentlich frei von sexuellen Konnotationen halten möchte. Kein Schweinkram im Logbuch! Ovid hin, Ovid her.