Logbuch
ÜBER FLIEGER.
Man hat mich um einen Aufsatz für ein anstehendes Buch gebeten, eine Ehre, da will man nicht doof oder gestrig erscheinen; also lese ich mich in neuere Publikationen ein. Auch US-Zeugs. Ich bestaune die Karriere, die ein Wort gemacht hat, das von einem eigentlich betulichen Ösi stammt, dem Soziologen Joseph Schumpeter. Das der KREATIVEN ZERSTÖRUNG. Im anbrechenden Zeitalter der „Denkmaschinen“ und der „Künstlerischen Intelligenz“ ist die „Disruption“, die Unterbrechung liebgewonnener Traditionen und deren Zerstörung, eine glückgebende Hochwertvokabel. Es wird mit dem Arsch eingerissen, was die Hände errichtet haben. Und Hurra geschrien.
Wir erleben radikale Umwertungen der Semantik und vorsätzlich revolutionäre Rhetorik. Von Vorherrschaft ist die Rede, neuen Reichen, Giganten und totaler Beherrschung (supremacy, empire, tech giant, total domination). Ein holländischer Kollege, Experte der Netzkultur, schreibt: „Stamokap 2.0“. Die Musterfirma des Taiwanesisch geprägten Ami-Oligarchen Jen-Hsun („Jensen“) Huang heißt Nvidia, kryptisch für das Lateinische „invidia“, sprich Neid. Die Börse schwemmt die Bubble mit Geld, als gäbe es kein Morgen. Alles sensationell neu, und doch schmeckt es wie Hausmannskost, wenn nicht gar wie süßes Gift.
Der liebe Jensen pflegt dabei seine Reputation als „overachieving immigrant“, ein Topos auch bei Elon Musk oder Sergey Brin oder Sundar Pichai oder Satya Nadella. Ich schaue im Wörterbuch nach. Das ist zu Deutsch der „Überflieger“. Die Neuen Zeiten bemühen geschichtsvergessen unter dem wiedererweckten Goebbels-Jargon einen ganz alten amerikanischen Mythos, den des Tellerwäschers, der es zum Millionär bringt, neuerdings einige Potenzen höher. Neu ist, dass der Eroberer zugleich, nein, zuerst und zunächst Vernichter. Ansonsten das Henry-Ford-Paradigma. Überflieger wie Ryan-Air. Wird die Blase halten? Klar, das tut sie ja immer. Seit dem Tulpenfieber von 1637. Stamokap Zwei Punkt Null. Man frage ChatGPT.
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DOING DRUGS.
Erinnern Sie sich an den Begleiter des klugen Sherlock Holmes, der dessen Abenteuer berichtete? Doc Watson, ein pensionierter Militärarzt des britischen Empire. Anglo-Inder. Diese Jungs hatten mehr drauf als Gin&Tonic, lerne ich. Der Reihe nach.
Kürzlich sprachen wir hier etwas zu kryptisch über Dichter, Denker und Drogen. Es ist ja geradezu naheliegend, dass Michel de Montagne aus Bordeaux dem Rotwein zusprach. Wir nannten ihn in der Sprache seiner Jugend, dem Latein, hier korrekt Michael Montanus. Er ließ sich durch Wein beflügeln.
Dann, auch hier, Andeutungen zum Cartesianer, der in der vorgenannten Zunge verlautet hatte: „Cogito ergo sum“ („Ich bin, weil ich denke.“) Wir wussten damit von René Descartes zu berichten, dass er ein Freund von Bubatz & Co. war. Renatus kiffte. Na ja, Holländer eben.
Where is the beef? Nun, ich lese gerade eine wohlunterrichtete biografische Abhandlung eines Leipziger Professors zu Leben und Leid sowie Wirken und Werk des großen Rudyard Kipling, den ich für einen erhabenen Kollegen meinerselbst erachte, eine Edelfeder von großer Könnerschaft. Man weiß, dass er als Anglo-Inder in seiner frühen Periode die große Hitze des Sommers im indischen Lahore durchstanden hat und mit den Gentlemen in Khaki dort am Tropischen litt.
What‘s your poison? Kipling schwörte auf ein Mittel des anglo-indisches Arztes Dr. John Collis Browne, das Chlorodyne hieß und aus in Alkohol gelöstem Opium bestand, dazu eine gute Portion Chloroform und ein Cannabisextrakt des indischen Hanfes (bhang). So die Mischung. Alter Schwede, ein Narkosemittel, Schnaps, strammes H und dann noch Bubatz. Davon beseelt erkundete der junge Kipling das Nachtleben Lahores. Er soll auch Drachen fliegen gelassen haben, wenn Sie bitte ahnen wollen, was das heißt. Ich finde, dafür ist sein Werk noch recht zivilisiert.
Von solchen Nachtseiten des Gemüts wird auch bei dem kühlen Denker Sherlock Holmes berichtet. The dark side of the moon. Die Seelen sind, wo nicht sonnenbeschienen, dunkel und sehr kalt.
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GESUNDHEIT, EIN IMPERATIV UNGEWISSEN INHALTS.
Ich sitze in einen kleinen Café gegenüber dem Moabiter Knast und Gericht, das Schließer wie Richter in den Pausen mit Nahrhaftem versorgt. Jemand nießt in dieser Schnupfenzeit und die kreuznette Berliner Inhaberin mit türkischer Prägung wünscht: „Gesundheit, mein Lieber!“ Mein Lieber? Das ist eine ortsübliche Anrede, die Kosewort ist und Distanzierung zugleich. Aber darum geht es mir nicht. Ich räsoniere über dem Wunsch nach Gesundheit.
Es gibt hier jedwede Kuchen zu essen, manche gar vegan, aber auch Fleischsalatschrippen, die den Handwerkermagen mit viel Majo und Fleischwurstresten zu Gurkenschnibbeln versorgen. Und Hackepeter. Das ist rohes Schweinefleisch, fein gewiegt mit Zwiebelringen und Pfeffer. Weder koscher noch halal, aber „lecka“, wie der Baliner sagt. Es betritt eine Richterin mittleren Alters das Café und verlangt, ich zitiere wörtlich, einen „Kaffee Latte mit wenig Hafermilch für zum Mitnehmen“; alter Schwede. Die Dame leitet mit diesem Sprachvermögen einen Senat.
Den Becher schließlich in der Hand haltend bittet sie dem Gebräu noch ein Schuss Sirup aus den bereitstehenden Flaschen hinzufügen zu dürfen. Dieser modisch aromatisierte Dicksaft dürfte sicher Zucker sein, so wie die sogenannte Hafermilch nichts ist als zum Malzzucker gewandelte Stärke. Warum hätte ein Tropfen Kuhmilch zum Verhängnis geführt und der Zuckerschock dient dem Wohlsein? Ich verstehe es nicht; trinke ohnehin meinen Kaffee schwarz; frisch gemahlene Bohnen und kochendes Wasser, mehr braucht es nicht.
Was also ist der Inhalt des allseitigen Imperativs der Gesundheit? Das ist angesichts der vielfältigen Kulthandlungen wg. Health keine ganz triviale Frage. Früher war eine erste Antwort darauf, dass man Übergewicht zu vermeiden habe. Das Thema ist durch, seitdem man fixt. Morgens eine Abnehmspritze und alles ist gut. Lasst die Gertenschlanken um mich sein. Hilfsweise war mal eine Zuckersteuer verlangt worden, weil „die Industrie“ uns damit umbringe, da als Rohstoff zu billig. Das wiederum verstehe ich. Nicht weil mir das Konzept medizinisch einleuchten würde; aber es ist der Impuls, dass man mit Strafsteuern das Böse aus der Welt kriege. Politik per Pönale. Also, da erwäge ich beinahe die Nadel. Oder bleibe beim Kaffee Krem ohne alles für zum hier Trinken, wie die Frau Vorsitzende das formulieren würde.
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PFLICHTJAHR WIEDER DA.
Rentner sollen ein verpflichtendes Soziales Jahr leisten. Die faulen Säcke sollen noch mal ran. Sagt einer der Wirtschaftsweisen. Das ist sicher eine gute Idee; es gibt ja so viel zu tun. Gerade im Sozialen. Und bei der Kriegstüchtigkeit.
Ein Ansinnen gleicher Art hatte zuvor unser geschätztes Staatsoberhaupt. Der Bundespräsident wollte aber die Jungen in Zwangsarbeit stecken. So eine Art Barras im Sozialen. Das ist noch näher an dem ursprünglichen Konzept seines Quasi-Vorgängers Hermann Göring, dem Reichstagspräsidenten der vorigen Republik, dem Erfinder des Pflichtjahres.
Allerdings war dazu damals die Rechtsgrundlage klarer: Die Nazis hatten gesetzlich eine Arbeitspflicht eingeführt. Und das Landjahr, dem ledige Frauen unter 25 unterworfen wurden, sollte diese in der Nahrungszubereitung trainieren, was ja der Volksgemeinschaft nur nützen kann. Die Frau als lebenslange Magd oder ewiges Dienstmädchen.
Meine Frau Mutter war auf ein elendes Gehöft im tiefen Osten und einen Haushalt besserer Kreise in Wuppertal dienstverpflichtet. Es hat sie für ihr Leben geprägt, wusste sie aus tiefer Trauer zu berichten. Jetzt also auch unser Omma und den Oppa in‘s Pflichtjahr. Bravo.
Ich habe den Vorschlag, hier zunächst bei den Pensionären zu beginnen, jenen notorisch Geschonten, also von Beamten, die die Schwielen bekanntlich nicht an den Händen, sondern am Hintern haben. Jedenfalls bei allen, die weniger als 40 Jahre Arbeitserfahrung haben. Ich selbst hatte meinen ersten Job mit 16; ich bin also 57 Jahre dabei und für den neuen Schwachsinn ganz sicher raus.
Nicht in meinem Namen, nicht mit mir. Did I make myself clear?