Logbuch
NOMEN OMEN.
Warum gab es auf den Segelschiffen der Hanse stets ganze Fässer mit hochprozentigem Rum? Und zu Schichtbeginn für jeden Matrosen der anstehenden Wache eine Kelle voll in den Rachen? Die Ausgabe bewacht vom Ersten Offizier und einem schiesswütigen Musketier? Ich blättere in einem Folianten.
Karl Lagerfeld hat es vorgemacht. Wenn Bücherfreund, aber des Lesens nicht wirklich kundig, sammle Bildbände. Er soll 300.000 Bände hinterlassen haben. Davon bin ich noch sehr weit entfernt. Gestern aber fällt mir ein Werk der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in die Hände, das ich aufheben werde. Es geht um die Hanse, das europäische Handelsnetzwerk des 15. Jahrhunderts zwischen Brügge und Novgorod. Echt erstaunlich.
Es gab damals ein Europa, jedenfalls für die bürgerlichen Helden des Fernhandels. Man hatte noch Ärger mit den nachgelassenen Machtstrukturen des Feudalismus, aber dem Adel war die Stunde schon geschlagen. Wenn die EU heute könnte, was die Hanse damals vorgemacht hat. Ich bestaune die Koggen der Bergenfahrer, nicht nur riesige Schiffe, die gut und gern 1500 Tonnen Ladung nehmen konnten, sondern auch eigene soziale Universen. Im Heck des hölzernen Monsters prächtige Stuben für die Offiziere und im Bauch elendeste Massenquartiere für die Mannschaft. Man merkt an meiner ungelenken Sprache, dass ich mich nicht auskenne in der Christlichen Seefahrt.
Immer muss Meuterei gedroht haben und die Disziplin deshalb eisern. Dann sehe ich eine Karikatur von Holbein dem Jüngeren dazu, wie es auf Kriegsschiffen angeblich so zuging. Ganz offensichtlich gab es Frauen an Bord und einen exzessiven Alkoholmissbrauch. Im Krähennest sitzen zwei „drunken sailor“ und ein weiterer mit Nachschub in der Takelage. Einem Seefahrer ist schlecht, er füttert die Fische. Party war angesagt. Ich meine mich an Rumfässer als literarischem Topos zu erinnern. Von den seltenen Landgängen ausgehungerter Seeleute wissen die einschlägigen Häfen Böses, jedenfalls Bizarres zu berichten.
Und es gab neben den braven Kaufleuten natürlich Betrüger und regelrechte Seeräuber aus Profession. Die Vitalienbrüder erregen mein Interesse. Ihr Anführer mein Namensvetter: Klaus Störtebecker. Das ist Niederdeutsch für den Imperativ „Stürz den Becher!“ Der Namen ein Vorzeichen. Ich lege den Bildband zur Seite und leiste Gehorsam.
Logbuch
WENN DIE AUTOMATEN DICHTEN.
Das Feuilleton macht sich Sorgen. Die Wahrnehmung, was „Künstliche Intelligenz“ so alles kann, ist inzwischen auch bei den für Kultur und Kunst zuständigen Redakteuren angekommen. Jetzt greift eine doppelte Furcht. Die erste ist schon ganz real, nämlich der vollständige Ersatz der Edelfedern selbst durch den Apparat, der jetzt auch noch den „content“ macht. In der Frage sind Journalisten schon einiges gewohnt. Stichwort Ersatz von Journaille durch PR. Nun könnten die Verleger auf die Idee kommen, sich gleich das ganze Blatt von der KI schreiben zu lassen; würde eine Menge Ärger mit diesen ewigen Querulanten ersparen.
Die zweite Furcht des Feuilletons, die entlegenere, ist die, dass man seiner Expertise in Sachen Genie völlig beraubt würde, indem man auf einen KI-Text reinfällt, den man reinen Herzens zur Weltliteratur hochschreibt und am Ende von dem Apparat getäuscht ist. Von einem stochastischen Papagei! Die Blamage wäre ja perfekt. Das gibt es ja durchaus, dass ein literarischer Welterfolg zunächst unentdeckt bleibt, sich dann seine Bahn zu großem Ruhm bricht und dem Feuilleton die Ehre zuteil wird, das Jahrhundertwerk entdeckt zu haben. Wehe, wenn dann herauskommt, dass hier eine Maschine am Werk war. Und die FAZ es nicht gemerkt hat.
Wir wissen schon, dass der Apparat regelrechte Gedichte verfassen kann; die abgegriffenen Allgemeinplätze verzeiht man noch, da ja Versmaß und Reimschema stimmen. Aber würde er ein Sonett des großen Shakespeare hinkriegen? „Soll ich dich einem Sommertage gleichen?
Du bist viel lieblicher und sanfter noch.
Raue Winde schütteln Maienknospen,
und viel zu kurz ist Sommers schöne Frist.
Bisweilen brennt des Himmels Auge heiß,
und oft verdunkelt sich sein goldner Schein;
und alles Schöne muss vom Schönen weichen,
durch Zufall oder Wandel der Natur.
Doch dein unvergänglicher Sommer wird nicht schwinden,
noch wirst du jene Schönheit je verlieren,
noch wird der Tod sich rühmen, dass du wandelst
in seinem Schatten, wenn in ewigen Versen
du mit der Zeit fortlebst.
Solange Menschen atmen, Augen sehen,
solange lebt dies – und dies gibt Leben dir.“
Natürlich kann das auch die KI; alles eine Frage des Prompt. So heißt der Befehl zu dichten. Es wird der Tag kommen, da führen sie auch noch das Logbuch, die Rechner. Und der früher frühe Vogel kann lässig liegenbleiben. Keine unvergänglichen Verse mehr von legasthenischer Menschenhand. Bitter.
Logbuch
DAS GENIE UND DIE BIOLOGIE DER SOZIOLOGIE.
Eigentlich wäre es eine Tätigkeit für den Herbst, wenn grässliches Wetter dunkle Gedanken befördert. Aber wie das Leben so geht, ich lese Nachrufe im Hochsommer, da die Sonne, wie unpassend, zu breitem Lachen ansteht. Und komme zu einer Einsicht, die ein Frühlingserwachen sein könnte. Aber gemach.
In meinem Fach hat es einen Weisen gegeben, den ich selbst nie kennengelernt habe; wohl weil mir Bamberg immer ein Unort war, terra incognita. Aber dort hat schon sehr früh ein Manfred Rühl den Bielefelder Niklas Luhmann aufgenommen und anzuwenden gesucht. Muss einem das was sagen? Na ja, räumen wir zunächst ein, dass der Soziologe Luhmann aus Bielefeld sehr viel getan hat, um sich selbst zu vergeheimnissen. Das ist ein akademisches Verfahren, das konsequent Plausibilität vermeidet, während es behauptet, eben diese zu gewähren. Man könnte auch von Okkultisierung reden. Treibt Doofe schlicht in den Wahnsinn.
So begründet man eine „Schule“, deren „Schüler“ den Trick durchschauen und sich darüber amüsieren, mit welch hohlen Augen der Rest der Menschheit in Unverständnis untergeht. Das Marketing im Akademischen besteht nämlich darin, dass man die Ware verknappt, die man zu verkaufen hätte, aber trotzig unter der Theke hält. Früher hat man sich in diesen inneren Zirkel des Wissens nur durch Fleiß und Genie vorkämpfen können. Das ist heute anders. Es reicht Genie & ChatGPT.
Ein Schüler (sic) ruft Rühl epilogisch nach, er sei sein Professor gewesen, aber das mit der „Autopoesis“ habe er noch immer nicht verstanden. Schatz, Du hast gar nichts kapiert. Für normale Menschen: Der Soziologe hatte einen abseitigen Biologen benutzt, um eine Denkfigur dieses Typen so oft zu wiederholen, dass jedermann den Verstand verlor; da hat er dann noch einen abseitigen Kybernetiker draufgesetzt. Humberto Manturana und Heinz von Förster. Alta Schwede. Damit war die Allgemeinverständlichkeit echt im Arsch.
Wenn aber nun ein Schüler dessen in seinem Nachruf auf ihn sagt, dass er die zentrale Figur („Autopoesis“) noch immer nicht kapiert habe, so sagt er, dass er eben kein Schüler war. Man kann nicht Mathematik vertreten, aber Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben. Oder Goethe kennen, nur Faust nicht. Jetzt die Auflösung: Mit meiner KI habe ich den gesamten Komplex, obwohl Details vergessen, in vier Fragen wieder komplett geklärt. Ich verstehe jetzt wieder die Biologie der Soziologie. Luhmann entzaubert. Am Handy zum ersten Kaffee. Das Genie und die ChatGPT.
Logbuch
ALLGEMEINBILDUNG.
Insbesondere Ammis können so strohdumm sein, dass es weh tut. Jedenfalls bemerkt man es hier als Europäer schmerzlicher, da sie ja Fleisch von unserem Fleisch sind, meist Armutsmigranten aus den Ländern historischer Kultur. Es fehlt, sagen wir es offen, Joe Six-Pack an Allgemeinbildung. Was genau ist das?
Gar nicht so einfach zu definieren! Was ist eine passable Allgemeinbildung? Historisches Wissen gehört dazu, Grundkenntnisse der Naturwissenschaften; ein Instrument sollte man spielen können und zwei oder drei Sprachen sprechen. Seine Werte erklären können, zumindest ein Unrechtsbewusstsein haben, wenn man wirklich fehlt. Lebensklugheit.
Teil des Rufes nach einer guten Allgemeinbildung ist auch eine gewisse Skepsis gegenüber Expertenwissen, das sich seiner selbst allzu sicher ist. Ein Beispiel: Ich bin kein Virologe, habe aber während der COVID-Epidemie nie geglaubt, dass der Virus von Fledermäusen aus chinesischen Wildtiermärkten stammt. Die Allgemeinbildung hört auch auf das Bauchgefühl und den Hinterkopf.
Jetzt sagte der amerikanische Vizepräsident, alle großen Kriege der Weltgeschichte seien durch Friedensverhandlungen beendet worden. Nun, einer meiner Ahnen hat als Bürgermeister in Oberhausen Sterkrade nach dem Ersten Weltkrieg zehn junge Männer stellen müssen, die von den Franzosen an der Ruhr aus Sühne standrechtlich erschossen wurden, weil es mit den Reparationen nicht so lief, wie die Sieger von WW I sich das dachten.
Darf ich mal fragen, welche Friedensverhandlungen nach dem Ersten und welche nach dem Zweiten stattfanden? Der Hinterwäldler in der amerikanischen Regierung ist einer. Und meinem Großvater ist das damals wahrlich nicht leicht gefallen. Die Nazis haben ihn später als „Politischer“ ins KZ gesteckt. Er hat in meiner Familie einen guten Ruf. Wir erinnern uns stolz an den Ruhrkampf von 1923. Jedenfalls wurden die beiden Weltkriege, die mein Vaterland vom Zaun gebrochen hat, nicht am Verhandlungstisch beigelegt.
Ich sage das ohne jede Botschaft und ohne jeden Rat im Zeitgenössischen. Ich sage es, weil es so war. Eine Frage der Allgemeinbildung. Als nächstes bitte ich darum, dass der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik erklärt wird. Auch das gehört zum Mindesten. Jedenfalls wenn man die Welt regieren will.