Logbuch
ES SPRINGT DIE NATUR.
Die Natur mache keine Sprünge; das war ein wirklicher Lehrsatz der Alten. NATURA NON FACIT SALTUS. Welch ein Irrtum. Im Garten ist gerade die Hölle los. Alles springt. Die Hecken brechen durch die Zäune. Der Rasen wuchert und wird wieder zur Wiese. Die Sträucher, insbesondere die Berberitze, frech im Aufbruch zu neuer Form. Die Bäume holen zu neuem Wachstum aus. Ich werde meine Gärtnerin bitten müssen, eine extra Schicht zu fahren. Oder zwei.
Ein (englischer) Garten ist Architektur mittels Pflanzen. Deren innerer Zwang zum Urwald ist das zu bändigende Element. Kaum nachzuvollziehen, wie die Philosophie, selbst noch in der Neuzeit, von einer sanften (!) Natur schwärmen konnte. Carl von Linné, der Biologe der Pflanzensexualität, hat damit angefangen. Daraus kam der sogenannte GRADUALISMUS, die Vorstellung einer sanften EVOLUTION von allem. Wenn man mal in die Hecke aus Roter Berberitze gefasst hat, zeugt der blutende Daumen, dass hier nichts sanft ist.
Alle fielen sie darauf rein. Gottfried Wilhelm Leibnitz in Hannover, Isaac Newton in Oxford, Immanuel Kant in Königsberg. Die ganze damals bekannte Welt der Gelehrten. Na ja, die europäische. Was die Asiaten so dachten, weiß ich nicht. Aber in deren Denken (welch eine Verallgemeinerung) spielen Wellen, Kreise, Kugeln eine große Rolle. Nicht Sprünge. Mein Garten aber, der springt.
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MEHR RECHTS ODER MEHR LINKS.
Wo man politisch steht, das war mal die Frage, wie rechts oder links man sei. Rechts von der Mitte oder links von ihr. Links außen oder rechter Rand? Das hing historisch mit der Sitzordnung im Parlament zusammen und taugt eigentlich nicht mehr zur Erklärung. Jetzt sehe ich eine MATRIX, die da helfen soll. Eine MATRIX hilft aber nie, sie ist immer des Teufels.
Auf der x-Achse steht dort von links nach rechts: „sozialistisch / kapitalistisch“, auf der y-Achse von unten nach oben: „liberal/konservativ“. Ist man mehr oder weniger sozialistisch oder kapitalistisch gesinnt und dann mehr oder weniger liberal oder konservativ? So landet man irgendwo im Feld der MATRIX. Das führt zu völligem Quatsch.
Denn danach ist dann die AfD als Rechtsaußen „kapitalistisch“ gesinnt und die LINKE das Leitbild für Liberalität. Welch ein Unsinn. Die Post-SED ist nicht liberal. Und die Ultrarechten waren immer schon korporativistisch, sprich Freunde von Kollektivismus und Staatswirtschaft. Traue nie einer MATRIX.
Was POLITNAVI.DE (so heißt das Ding) da liefert ist Unsinn, weil von vorne herein die Gegensatzpaare nicht stimmen. Der erste entscheidende Gegensatz ist der von „liberal“ zu „autoritär“. Und der zweite Gegensatz ist der von „individuell“ zu „kollektiv“. Das wirkliche Spektrum liegt zwischen der Betonung des Individuums und seiner Freiheit auf der einen Seite und einem Schwergewicht auf dem starken Staat und kollektiver Führung auf der anderen.
Zwischen diesen fundamental ideologischen Polen werden die Parteien hin- und hergerissen. In vielen Themen und alle mit offenem Ausgang, bei jedem Thema neu. Es gibt leicht böses Blut, wenn man das konkret machen soll, also mit aller Vorsicht: Bei den zeitgeistigen Themen ist es in SPD wie CDU wie bei den GRÜNEN die offene Frage der Ökodiktatur. „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlage ich Dir den Schädel ein“, das ist die vermaledeite Melodie, die sie alle heimlich summen, die Agenten des Guten.
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SANFT SEIN.
Den sanften Mann, auch „gentle man“ genannt, gibt es mit diesem Begriff im Englischen wie Französischen, Spanischen, Italienischen… Ein Mann mit sanften Umgangsformen, eben ein Gentleman. Und es ist doch ein Übersetzungsfehler. Das GENTILE meint eigentlich eine vornehme Abstammung, meist aus dem Adel, der GENTRY. Wir haben zwar noch immer eine Klassengesellschaft, aber es zählt inzwischen der Besitz mehr als irgendein Adelstitel.
Trotzdem hat das SANFTE als Prädikat einen gewissen Charme. Es kann eine soziale Tugend sein. Das fällt mir auf angesichts der Grobheiten, die sich die politischen Kämpfer gerade antun. Überhaupt eine Unart in der Twitter-Kultur. Etwa sehe ich den grünen Europaabgeordneten Reinhard Bütikofer auf Twitter rüde toben, grob, platt, um Beleidigungen bemüht. Er war mal Bundesvorsitzender der Grünen und ist heute nur noch ein „has been“; ich sehe ihn in Berlin bei einem notorisch schlechten Italiener im Fenster sitzend nachmittags Nudeln in sich reinstopfen. Spaghetti mit dem Löffel! Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Sanft sein wollen, heißt MANIEREN haben, die den sozialen Umgang erleichtern. Wenn das Leben ohnehin schon nicht leicht ist, einen Gruß entbieten, sich nach dem Befinden erkundigen, einen guten Tag wünschen, den Herrgott einen guten Mann sein lassen…
Das ist der Unterschied von MANIEREN zur ETIKETTE. Die ist sozial schneidend. Damit zeigt man dem ungehobelten Klotz, dass er eben das ist. Zum Beispiel jemand, der dem Fisch mit dem Fleischmesser zu Leibe rückt, so das historische Beispiel. Oder eben nachmittags um halb Vier im Amalfi pappeweiche Spaghetti mit Gabel und Löffel gierig in sich rein schlingt. Obwohl? Zwar unverzeihlich, aber: Vergessen wir es.
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KLASSENBEWUSSTSEIN.
Man denkt immer in Berühmtheiten, wenn es um Prominenz geht, aber die wirklichen Spitzen der Gesellschaft stehen nicht knapp bekleidet auf roten Teppichen. Oder präpotent auf dem Olymp der Politik. Sie bleiben unter sich, die wirklich das Sagen haben. Benko, das ist bloßer Boulevard.
Mit der Gesellschaft ist es wie mit der Lasagne; sie ist geschichtet. Oder dem geologischen Querschnitt durch einen Berg. Oder dem Baumkuchen. Man nennt das soziale Stratifikation. Aus dem fernen Indien hört man von festen Kasten. Die englische Oberschicht war auf bestimmten Hochschulen. Woran erkenne ich, diese Frage treibt mich um, die deutsche Oberschicht? Gibt es sie?
Man erinnert bei dem Thema einen Filmtitel, auch wenn man den Streifen nicht gesehen hat: Der diskrete Charme der Bourgeoisie. Nun, am Auffälligsten ist der indiskrete Charme des Petite-Bourgeois; die Peinlichkeit des Kleinbürgers, der es zu etwas gebracht hat und nun prahlt. Man spricht auch von frischem Geld, das danach strebt, wie altes Geld auszusehen. Ich selbst bin aus kleinen Verhältnissen und rieche diese Sucht des Kleinbürgers danach, wie ein Edelmann zu wirken, sofort. Parfümierte Proleten. Peinlich.
Unter den politisch motivierten Proletariern galt Klassenbewusstsein immer als Ehrensache, weil man sich als Elite einer neuen Zeit wähnen wollte. Im wirklichen Leben ging der Traum des Karl Marx meist in den Fängen des Erich Mielke aus, sprich böse. Der Sozialismus will einen neuen Menschen, fördert aber den alten Adam; nämlich das vermeintliche Menschenrecht der vorsätzlich Faulen auf Parasitentum. Aber wir wollten ja von den besseren Kreisen reden.
Das sind die Herrschaften in der VIP-Lounge des Stadions, wo die Proleten in der Kurve zum Fusseck gröhlen. Wie kommen die da hin? Man findet sie sonst im richtigen Golf-Club, früher immer beim Tennis. Man geht zur Jagd. Und in die Oper. Kinder im Internat. Immer findet man auch etwas Philanthropisches; man widmet sich in diesen Kreisen auch mal einer schönen Idee. Zur Diskretion gehört, dass man sein Geld versteckt. Nicht nur in Liechtenstein, nein, auch im Auftritt. Pelz nach innen.
Große Karren fahren nur Zuhälter und Immobilienentwickler. Man hat einen englischen Sportwagen älteren Baujahrs in der Garage; das ja. Ich kannte eine steinreiche Unternehmerin, die sich für ihre Syltaufenthalte eigens einen abgetakelten Golf hielt, damit man vor der Sansibar nicht auffalle. Die Schüssel wurde aufwendig entfeinert: Breite Alufelgen runter, schmale Stahlräder drauf. So geht Bourgeoisie. Vielleicht ist Sansibar der typischste Ort, jedenfalls nicht die Paulskirche.