Logbuch

Wer heute keine Post kriegt von mir, der ist nicht im Verteiler unserer sogenannten NIKOLAUSGABE. Nichts großes oder wichtiges, nur eine kleine Geste. Würde ich als PN die Adresse erhalten, könnte ich den Verteiler ergänzen. Denn rausgeworfen haben wir dort nie jemanden, nur diejenigen, von deren Ableben wir erfahren hatten. Also die, die nicht rechtzeitig einen NACHSENDEANTRAG gestellt hatten. So heißt das im Postdeutsch. Emil Maier c/o Purgatorium...

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Kann man einen Kater kriegen, ohne einen richtigen Rausch gehabt zu haben? Wir verzichten zurzeit auf sehr viel Geselligkeit, weil wir die Verbreitung der Seuche nicht auch noch fördern wollen. Gut so. UNFREIWILLIGES EREMITENTUM. Gestern war ich zu einer akademischen Prüfung unter strengsten Regeln. Und es wäre eigentlich, wegen des erfolgreichen Ergebnisses, die Regel gewesen, die Sektkorken knallen zu lassen. Nach der Prüfung die Feier. Verschoben! Der Doktorvater fragt uns, wie das wohl sein wird, wenn der Lockdown aufgehoben ist, ob man dann alle versagten Vergnügen auf einen Schlag nachhole. Sehr gute Frage! Dann hätte Dionysos, der Gott des Weines, einiges zu tun. Ein DIONYSISCHES QUARTAL, wird das kommen? Erwartet uns, was die alten Griechen noch SYMPOSIUM nannten, ein Massenbesäufnis? Wohl kaum, sagt ein anderer der geschätzten Professoren. Und ich denke, vielleicht enden wir in einem Kater, dem gar kein Rausch vorausgegangen ist. Wir würden dann zu der Erkenntnis kommen müssen, dass die Wahrheit nicht nur im Wein liegt. Wie nüchtern, denke ich. Es kommt ein Zeitalter des APOLL? Nur Grades, Richtiges, Vernunft allenthalben... Welch ein Schrecken.

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Kaum zu glauben, aber wahr!

Da ist die innere Stimme des Propaganda-Opfers. Früher hat man sich diesen Deppen als BILD-Leser vorgestellt, heute ist er auf TWITTER oder dunkleren Diensten in der Tiefe des Netzes unterwegs. Seine innere Stimme quittiert einen Prozess der Erregung, der in einen Zustand der Selbstvergewisserung umbricht. Es braucht zunächst AUFREGUNG, im Englischen „outrage“; das ist die eigentliche Währung der Skandalmedien, EMPÖRUNG, genauer Empörungsanlässe. Aber eben nicht jene, die zu Entdeckungen führen könnten, neuen Erkenntnissen oder besseren Einsichten. Im Gegenteil: Es werden solche Aufregungen gesucht, die bei näherer Betrachtung dazu führen, dass die vorhandenen VORURTEILE, wohlgemerkt , die eigenen, erneut eine Bestätigung finden. Das Unglaubliche soll bei näherer Betrachtung glaubhaft sein. Im Fachbegriff „ressentimentaffin“, den Aberglauben bestätigend. Was der Antisemit an unglaublichen Skandalen über Juden hört, ist immer so, dass es seinen Antisemitismus erneut bestätigen kann. Das gleiche gilt für den Frauenfeind beim Blondinenwitz oder den KKK-Mann beim Getto-Aufstand. Menschen mögen das, Recht gehabt zu haben. Es freut den Deppen, wenn er erneut bestätigt findet, was seine enge Welt so bebildert. „Kaum zu glauben“, schreit seine erregte Seele, um es dann doch für „wahr“ zuhalten. Meinen Studenten erkläre ich das als PARADOXE ENDOXIE. Begriff ist von mir. Ein ehrwürdiger Professor der Mainzer Publizistik hat das mal in einer Fußnote getadelt; mit dem Hinweis, dass ich sie nicht alle habe. Er hielt es für unerträglich. WORTGEKLINGEL. Na ja, ist nicht ganz falsch. Zudem lebt er nicht mehr, der Mainzer. Nihil nisi...

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KLASSENBEWUSSTSEIN.

Man denkt immer in Berühmtheiten, wenn es um Prominenz geht, aber die wirklichen Spitzen der Gesellschaft stehen nicht knapp bekleidet auf roten Teppichen. Oder präpotent auf dem Olymp der Politik. Sie bleiben unter sich, die wirklich das Sagen haben. Benko, das ist bloßer Boulevard.

Mit der Gesellschaft ist es wie mit der Lasagne; sie ist geschichtet. Oder dem geologischen Querschnitt durch einen Berg. Oder dem Baumkuchen. Man nennt das soziale Stratifikation. Aus dem fernen Indien hört man von festen Kasten. Die englische Oberschicht war auf bestimmten Hochschulen. Woran erkenne ich, diese Frage treibt mich um, die deutsche Oberschicht? Gibt es sie?

Man erinnert bei dem Thema einen Filmtitel, auch wenn man den Streifen nicht gesehen hat: Der diskrete Charme der Bourgeoisie. Nun, am Auffälligsten ist der indiskrete Charme des Petite-Bourgeois; die Peinlichkeit des Kleinbürgers, der es zu etwas gebracht hat und nun prahlt. Man spricht auch von frischem Geld, das danach strebt, wie altes Geld auszusehen. Ich selbst bin aus kleinen Verhältnissen und rieche diese Sucht des Kleinbürgers danach, wie ein Edelmann zu wirken, sofort. Parfümierte Proleten. Peinlich.

Unter den politisch motivierten Proletariern galt Klassenbewusstsein immer als Ehrensache, weil man sich als Elite einer neuen Zeit wähnen wollte. Im wirklichen Leben ging der Traum des Karl Marx meist in den Fängen des Erich Mielke aus, sprich böse. Der Sozialismus will einen neuen Menschen, fördert aber den alten Adam; nämlich das vermeintliche Menschenrecht der vorsätzlich Faulen auf Parasitentum. Aber wir wollten ja von den besseren Kreisen reden.

Das sind die Herrschaften in der VIP-Lounge des Stadions, wo die Proleten in der Kurve zum Fusseck gröhlen. Wie kommen die da hin? Man findet sie sonst im richtigen Golf-Club, früher immer beim Tennis. Man geht zur Jagd. Und in die Oper. Kinder im Internat. Immer findet man auch etwas Philanthropisches; man widmet sich in diesen Kreisen auch mal einer schönen Idee. Zur Diskretion gehört, dass man sein Geld versteckt. Nicht nur in Liechtenstein, nein, auch im Auftritt. Pelz nach innen.

Große Karren fahren nur Zuhälter und Immobilienentwickler. Man hat einen englischen Sportwagen älteren Baujahrs in der Garage; das ja. Ich kannte eine steinreiche Unternehmerin, die sich für ihre Syltaufenthalte eigens einen abgetakelten Golf hielt, damit man vor der Sansibar nicht auffalle. Die Schüssel wurde aufwendig entfeinert: Breite Alufelgen runter, schmale Stahlräder drauf. So geht Bourgeoisie. Vielleicht ist Sansibar der typischste Ort, jedenfalls nicht die Paulskirche.