Logbuch
ANGELA LUDOLF.
Corona hat es gezeigt. Wir werden unter unseren Erwartungen regiert. Jedenfalls unter unserem Niveau. Immer wieder wird das CHAOS verhindert; gerade mal so. Mehr schlecht als recht. Das liege daran, höre ich, dass jeder Ministerpräsident sein eigenes Ding mache. Der Führungsstil der Bundeskanzlerin wird mit RADIKAL REAKTIV beschrieben (lese ich bei dem Journalisten Robin Alexander). Das ist nicht FÜHRUNG, das ist Flickschustern. Zu gut deutsch: DURCHWURSCHTELN.
Man kann das auch PRINZIPIENLOSIGKEIT nennen, vielleicht nicht ohne Charakter, aber ohne Plan. Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Beispiel: erst bei Kernkraftwerken den Ausstieg verhindern und Laufzeit verlängern, dann spontan ganz aussteigen. So entstand auch die Flüchtlingskrise: eben mal 1 Million reinlassen und dann die Städte mit dem Problem allein. „Wir schaffen das.“ Und: „Alternativlos“. Im Englischen: „muddling through“.
Das wird sich unter einem Kanzler Laschett nicht ändern. Armin ist da so gestrickt wie Angie. „Detail matters!“ Das PRIMAT DES TAKTISCHEN. Aber woher dieser Strategieverlust? Nun, die Probleme sind zu komplex, um sie mit einem Federstrich lösen zu können. Oder im Umkehrschluss: Die Behörden sind zu desorganisiert, unkoordiniert, mittelmäßig, um mit Komplexität umgehen zu können; nicht alle überall, aber viele auf unterschiedliche Art. Was denkt die Politikerseele? Unter der Decke des Alltags schläft das Chaos; wecke es nicht.
Das passt eben ganz schlecht zusammen: KOMPLEXITÄT auf der einen Seite, und auf der anderen DESORGANISATION. Die Desorganisation bleibt erhalten, da hinter ihr viele unterschiedliche Interessen lauern, unvereinbare. Da hilft dann nur noch PRAGMATISMUS.
Für meine Erfahrung ist das eben der Unterschied zwischen einer Autofabrik und einer Schrauberbude. Für den Bastlerladen gilt: Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zu suchen. Die Qualität der Industrie ist Wiederholgenauigkeit. Planen, ausführen, kontrollieren, planen… Nicht basteln! Dieses Land wird im Heimwerkermodus geführt. So ist Merkel ja dahin gekommen, wo sie nun 16 Jahre rumschraubt: sie hat sich was bei Kohl und anderen abgeguckt. Gesamturteil: Nicht vom Fach, aber radikal reaktiv. Not good enough.
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SITTENVERFALL.
Beim Einchecken in ein sogenanntes Lieblingshotel erwähnt die ältere Dame in der Schlange vor mir, dass sie das Haus seit der Eröffnung besuche. Ich erinnere mich, das war 1985. Damals hatte es mir ein Kollege empfohlen als den letzten Schrei. Von ihm erwähntes Detail: sogar Telefon auf dem WC.
Das Wandgerät auf der Toilette hatte ihn fasziniert. „Wie in New York!“ Man konnte sich nicht so recht ausmalen, wozu es dienen sollte. Das war im Zeitalter des Festnetzes. Auf den Straßen der Großstädte gab es Telefonzellen, auf dem Dorf eine (und den Pfarrer mit Tischgerät und Wählscheibe). Plakette in den Telefonzellen: „Fasse Dich kurz!“
Die Kids nutzen heutzutage zwei oder drei Onlinegeräte gleichzeitig. Was Businesstelefonierer ihrer Unwelt antun, spottet jeder Beschreibung. Beim Skypen mit Headset wird regelrecht gebrüllt. Jedes Thema eignet sich zur öffentlichen Aufführung. Man wünscht sich, nicht Zeuge sein zu müssen. Keine Pointe.
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UNTER DREI.
Journalisten leben von Indiskretionen. Sie loben sogenannte WHISTLEBLOWER, die sich selbst gefährden, weil sie ein Unheil ans Licht bringen wollen. Um Indiskretionen zu fördern, haben die Presseleute sich Regeln ausgedacht, die dem Informanten das Gefühl geben sollen, dass er vor Offenbarung geschützt ist. Eine davon ist zum Beispiel der Hinweis, dass „etwas unter drei“ sei. Das meint, dass weder die Information zitiert werden wird noch der Informant genannt. Es lohnt nicht die Tinte zu erläutern, was denn nun „unter eins“ oder „unter zwei“ bedeutet.
Wer es vornehmer will, als bei dem Abzählen von Eins bis Drei, der verweist auf die CHATHAM HOUSE RULE, die in London am Königlichen Institut für Internationale Angelegenheiten, das im Chatham House saß, in den zwanziger Jahren erfunden worden ist. Sie besagt im Kern: Man darf wissen (und in der Sache verwenden), was man hier erfährt, aber man darf auf keinen Fall die Quellenlage benennen, weder Ort, Zeit noch Teilnehmer.
Ich selbst habe gerne das Ritual gepflegt, dass man sich vor einem Gespräch darauf einigt, dass das Gespräch gar nicht stattgefunden hat. Folglich kann aus ihm auch nicht zitiert werden. Das ist zwar KONTRAFAKTISCH, aber nicht allzu kompliziert. Nun, halten sich also die Journalisten an diese Regel des NICHT-GESPRÄCHS? Wenn es Profis sind und man als Informant als Profi gilt, dann: ja, meist. Viele WHISTLEBLOWER, die sich darauf verlassen haben, sind tragisch geendet. Auch das sollte man wissen.
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TITELEI.
Man sagt ja der österreichischen Kaffeehauskultur nach, dass sie titelsüchtig sei. Nix gegen Ösis. Das wirkliche Übel liegt nämlich in der Inflation der Titel selbst. Inflation ist Entwertung. Sagen wir Papiergeld gegen Gold. Schlimmer: Krypto-Titelei.
Adelstitel sind nur noch Namensbestandteil und tragen einen Hauch Halbwelt. Also beginnt der Run auf die Epauletten des Akademischen. Da ist aber nicht jede Hochschule auch eine wirkliche Universität. Wir schließen die internationale Inflation als erstes aus unserer Betrachtung aus. In einem Schauprozess in Hamburg wirkt laut Boulevard ein Anwalt mit Professorentitel aus Peru; geschenkt.
Eine regelrechte Universität ist qualitativ etwas anderes als eine „University of Applied Science“, auch Fachhochschule genannt. Hier tätige Professoren sind promovierte Fachleute mit erfolgreicher Berufspraxis, die aus diesem doppelten Fundus schöpfen. Der Theorie nach. Inzwischen ist eine geschickte Umgehung beider Voraussetzungen nicht mehr die Ausnahme. Die Fachhochschulen werden zu besseren Berufsschulen; aber zu Berufsschule plus ist am Schluss noch was anzumerken.
Vielen Professoren sind nicht habilitiert und haben den Titel durch einen Lehrauftrag ergattert. Sie hießen korrekt eigentlich Honorarprofessor; was der Berliner Prommi-Anwalt geschickter umschifft als sein Kollege aus Peru in den Anden. Das ist immer der Lackmustest: Hat der Herr Professor eine Venia Legendi, ist etwa Privatdozent (PD), und ist in einem Verfahren berufen? Das muss nicht immer so sein und hat auch dann seine akademische Ordnung; aber ich sage ja nur, die nennen sich zurecht Univ.-Prof.
So selten echte Habilitationen geworden sind, so häufig wurden Promotionen. Der Onkel Doktor ist in der Medizin Legion. Den Scheffarzt immer ein Prof. Aber bei den Geisteswissenschaften hält sie noch, die Promotionsordnung. Natürlich gibt es auch hier Ehrendoktoren (humoris causa) und die Peru-Variante. Ich selbst habe mir mal einen Professoren- wie Doktortitel in Metaphysik (sic) bei einer amerikanischen Kirchen-Uni gekauft; hängt im Büro in der Küche zum allgemeinen Amüsemang.
Jetzt zu den Berufsschulen plus, zu denen die FHs verkommen; das ist ungerecht. Der Studienrat hat eine ordentliche Assessorenausbildung und ein Zweites Staatsexamen. Ich selbst habe meinen Assessorentitel früher trotz allgemeinem Amüsemang geführt. Nichts gegen Studienräte! Zwei Staatsexamen, das haben die frisch promovierten Praktikantinnen auf ihren mit Fortune ergatterten Leerstühlen an den einschlägigen Flachhochschulen nicht vorzuweisen. Also wären, mit den Augen des Teufels betrachtet, solche FH eigentlich Berufsschule minus. Ich kenne aber viele, sehr gute FHs und profunde Wissenschaftler dort, von denen ich einiges gelernt habe. Honi soit…