Logbuch

DIE MACHT DER WORTE.

Ich habe da dieses etwas morbide Hobby. Ich lese in den Tageszeitungen gern Todesanzeigen. Nicht so sehr wegen der Verstorbenen. Möge ihnen die Erde nicht zu schwer werden. Nein, wegen der Nachgelassenen und ihrer Not, für die Anzeige ein passendes Motto zu finden. Meist ein Bibelzitat.
Ich weiß, dass die Beerdigungsunternehmen dazu Listen bereithalten, von denen man etwas Passendes auswählen kann. Meist gefälliges. Sozusagen die Konfektionsware der frommen Sprüche. Und es gibt so ein Dutzend Dichterworte, die zu diesem Anlass notorisch sind.
Jetzt aber, in der NZZ, da wird einem Verstorbenen aus den 154 Sonetten des William Shakespeare das Sonett 18 nachgerufen. Ein Liebesgedicht, das die zu Preisende mit einem Sommertag vergleicht. „Shall I compare thee to a summer´s day?“ Nein, sagt er sich, so lieblich und mild sei dieser nicht.
Worten wohnt manchmal eine erstaunliche Macht inne, gerade den beiläufigen.

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TELL IT ALL.

Die tragische Lady Di wurde zu Tode gehetzt, von der üblen Boulevardpresse wie von der ehrwürdigen BBC. MEDIA KILLS. Die Journalisten fälschten Dokumente, um ihren Bruder zu verführen, seine Schwester unter falschen Annahmen zu einem Interview zu verleiten, in dem sie sich als Gehörnte offenbarte, womit ihre Ehe zerbrach und die geliebte Familie. Das Versprechen war: „Tell ist all!“ Ein Befreiungsschlag durch Selbstoffenbarung. Selbstmord aus Angst vor dem Tod.
Ein Promi zu sein, das kann heißen, Freiwild für jede Spekulation, jede Niedertracht. Zurecht schützen sich die VIPs durch Medienanwälte gegen den Wildwuchs geifernder Medien. Zwei Regeln sind hier wesentlich. Das Königshaus selbst: NEVER COMPLAIN, NEVER EXPLAIN. Man kann die Niedertracht nicht durch Naivität entwaffnen. Das nimmt man mit innerer Verachtung hin.
Zweite Regel: DON ´T ASK, DON ´T TELL. Ich frage nichts und ich erzähle nichts. Man erhält seine Privatheit nicht, indem man sie weggibt. All das widerspricht dem allgegenwärtigen Kult der Selbstoffenbarung, dem Identitätstheater, nach dem ein sensationslüsternes Publikum lechzt. Gut so. Helden suchen leidend nicht die Bühne. Wehmut im Herzen, allenfalls. Und Verachtung.

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REPRÄSENTATIV.

Im Himmel ist Jahrmarkt. Alle Kandidatinnen und Kandidaten für die Bundestagswahl sind wirklich repräsentativ, jede und jede für ihre jeweilige Partei. Wir haben eine Parteiendemokratie. Und diese Parteien haben diesmal sehr gut ausgewählt. Selten passten die Gesichter so gut zu den Läden, die sie entsenden. Repräsentativ eben. Eigentlich müssten wir hoch zufrieden sein.
Frau Bär-Bock steht für ein Greta-Regime mit menschlichem Antlitz. Der katholische Armin Lass Ett verkörpert der Rheinischen Kapitalismus sogar im Tonfall. Die SPD hat im Scholzomaten eine notorisch gut gelaunte Sprechpuppe, sehr verlässlich. Die Linkspartei bietet einen kultivierten Herrn aus der DDR. Die Liberalen haben sich sogar inhaltlich festgelegt; sie werden keiner Regierung beitreten, die die Steuern erhöht. Also wird Herrn Lindlein wieder keiner Regierung beitreten. Überhaupt hat man den Eindruck, dass diese Herrschaften schon bei der letzten Regierungsbildung rauchend auf einem Balkon zusammenstanden.
Die Parteien wirken an der Willensbildung mit, sagt das Grundgesetz. Dabei haben sie diesmal wirklich Repräsentanten ihrer selbst gefunden. Kirmes im politischen Himmel. Warum ist er, der Souverän, nicht besser gelaunt? Was denn noch?

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PARTY IN DER REICHSHAUPTSTADT.

Ferienende. Was für Schüler bitter, ist für Parlamentarier erleichternd. Endlich kann man Ehefrau und Wahlkreis zurücklassen und wieder in der Berliner Blase flanieren. Die Stimmungswende begehen die Sozialdemokraten stets mit dem Gartenfest des Seeheimer Kreises (das ist der schwarze Teil der Roten) in der Parlamentarischen Gesellschaft hinter‘m Reichstag. Ein wichtiger Termin, wenn man die innere Stimmung des politischen Berlin testen will. Ich komme früh wg. guter Sitzplatz mitten drin; alter Lobbyistentrick.

So sitze ich regensicher unter’m Schirm auf Gartenstuhl. Es gibt immer viel Security und Kontrolle, weil man keine Unbefugten hier eindringen lassen will. Das passierte aber gestern. Ich sehe von meinem Gartenstuhl aus plötzlich ein vier-, dann sechsköpfiges Kommando; das hieße, der Kanzler kommt. Wir sind aber bei den Sozen. Friedrich Merz schreitet durch die Menge, schüttelt Hände, hier ein freundliches Wort, dort ein Schulterklopfen. Ein Schwätzchen mit Rudolf Scharping. Der Mann gehört hier hin wie ein Schwein auf‘s Sofa. Merz meine ich. Alle Achtung.

Die gastgebende SPD ist sprachlos. Es fehlt gänzlich Herr Klingbeil, der ungeliebte Bonapartist; es stottert Belangloses Bärbel Bas, die Parteiobere mit betont linker Ambition. Merz kommentiert gutgelaunt von der Bühne zur Partei zwischen Basta und Bullshit. Der Mann kann Kanzler. Ich bin wirklich überrascht. Nach exakt dreißig Minuten sehe ich das sechsköpfige Kommando durch den Hinterausgang abrücken, in der Mitte der Lange aus Brilon. Anders als der unglückselige Olaf Scholz pflegt er seine Koalition. Auch kein leichter Job. Wenn er jetzt noch die Union für sich gewinnt, könnte die Koalition halten.