Logbuch

LEIDKULTUR.

Endlich Klartext: „Die Sozis waren immer auf der falschen Seite der Geschichte.“ Soll der Unionskandidat gesagt haben. Hat er (so) nicht. Egal.

Zweite Szene: Der Kandidat der AfD fordert im Interview mit einem Schüler mehr DEUTSCHE VOLKSLIEDER in der Schule und DEUTSCHE GEDICHTE, will dann aber keins nennen. Klug. Er hätte sich vertun können und das HORST WESSEL LIED singen. Der Mann ist ein bildungsferner Anstreicher aus Sachsen. Da wär die Hymne des Anstreichers Adolf Hitler ein möglicher Irrtum gewesen. Klug vermieden.

Anders als bei dem Kölner Boxer Peter Müller, genannt DE AAP, der 1953 im Maddison Square Garden die Hymne der SA auf der Mundharmonika gespielt haben soll, weil er sie fälschlicherweise für das LIED DER DEUTSCHEN hielt. Leitkultur des früheren Regimes; so genau nehmen die das im Ring nicht.

Zur DNA der SPD gehört der OTTO WELS MYTHOS. Ich teile das historisch wie politisch. Die SPD war die einzige Partei, die im Reichstag gegen das ERMÄCHTIGUNGSGESETZ der Nazis gestimmt hat. Da hört für Sozis der Spaß auf. Daran soll die Union nun gerührt haben. Damit ist der Kulturkampf ausgerufen. Das wird die Wahlbeteiligung der SPD-Wähler deutlich heben. Dumm für der konservativen Karnevalsredner aus Aachen, der die Linke einschläfern, aber nicht wach machen sollte.

Aus einem lustlosen Wahlkampf wird so doch noch eine epochale Entscheidung. Und Olaf Scholz muss sich nicht mehr für seine mickrige Amtsführung als Finanzminister rechtfertigen. Er schleicht sich in den Schatten von Otto Wels und Willy Brandt und gewinnt an Größe. Jedenfalls für seine Anhänger.

Die Union hat kein Glück, die SPD schon. Scholz wird die neue Regierung bilden können. Wir werden eine AMPEL kriegen. Ich leg mich mal fest.

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SCHIFFSCHAUKELBREMSER.

Fahrgeschäfte. Eine Kirmes besteht aus Fahrgeschäften. Raupe, Kettenkarussell, Achterbahn. Mobilität. Und Fahrgeschäfte, weil es ein reisendes Gewerbe ist. In doppeltem Sinne also MOBILITÄT. Auf den Geräten und mit ihnen. Aber viele verlorene Berufe.

Wer weiß heute noch, was eine BOXBUDE ist? Wer hat noch gesehen, wie aus dem Publikum ein mutiger Zuschauer als Freiwilliger in den Ring stieg und den Preisboxer verdrosch? Bei jeder Vorstellung der gleiche… KIRMESBOXER, das war ein Beruf. Und eine deutlich übergewichtige Frau, eine Ringerin, zu der ins Publikum gefragt wurde: „Wer will ringen mit die dicke Weib?“ Ein schmächtiger Mann wollte und endete vollständig unter ihr. Gejohle. Boxbude war eine Pflicht auf jeder Kirmes.

In dem Wagen, der in meiner Kindheit noch „Zigeunerwagen“ hieß, saß eine ältere Dame, die die Karten legte. Eine WAHRSAGERIN. Was mich faszinierte: Wenn sie die Zukunft kennt, warum spielt sie nicht Lotto und lebt in einem Palast in Saus und Braus? Die Tochter der
WAHRSAGERIN war in einem Jahr an drei Tagen in meiner Schulklasse. Ein bildschönes Kind, etwas exotisch, aber sehr attraktiv. Schulbildung bei Fahrgeschäften war schon immer ein Problem. Aber ich dachte, wenn die eine Prüfung machen muss, fragt sie halt vorher ihre Mutter. Da war meine Frau Mutter eher minderbegabt, was das Wahrsagen anging.

Unter allen Vergnügungen der Kirmes war die Schiffschaukel die technisch einfachste. Es gab keine Technik. So wie beim Tesla mit leerem Akku. Wer den Fortschritt liebt, der schiebt. An einem Stahlgerüst hing ein schmaler Bootskörper, in dem man durch Gewichtsverlagerung stehend sich auf und ab pendeln konnte; für die ganz Mutigen bis zum Überschlag. War die Fahrzeit um, hob ein junger Mann per Hebel ein Brett unter den Schwingkörper, bis dieser zum Stehen kam. Die SCHIFFSCHAUKELBREMSER waren meist unter den Hilfsarbeitern die mobilen Nichtsesshaften, die mittels des Plakats „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ angeworben wurden. Die Bezahnung im Oberkiefer war selten vollständig.

Der sprechfähige junge Mann zum Mitreisen konnte, wenn für Bargeschäfte vertrauenswürdig, LOSVERKÄUFER werden. Eine Frage der COMPLIANCE. Aus einem Plastikeimerchen bot er Lose an, die, so man Glück hatte, ein klares „Niete“ verkündeten; wenn man aber vom Pech ereilt wurde, musste man einen übergroßen Teddybären durch den Rest des Tages schleppen, zum Gespött aller. Der LOSVERKÄUFER jedenfalls trällerte den ganzen Tag: „Hier mal wieder das Glück ziehen, jedes zweite Los gewinnt.“

Ich hatte mal zehn Freikarten für die PONYREITER, weil ich denen gezeigt hatte, wo in meiner Heimatstadt eine Schreinerei war. Sie brauchten das Sägemehl für die kreisrunde Reitbahn. War aber langweilig. Das Leben ist kein Ponyhof. Den AUTOSCOOTER dagegen fand ich spannender. Übrigens E-Mobilität. Wie auf der IAA MOBILITY in München. Ich war da. Viele Kirmesboxer, Schiffschaukelbremser und Losverkäufer. Und eine Wahrsagerin. Leider ohne tolle Tochter.

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FRECHHEIT.

In meiner alten Heimat, dem Ruhrgebiet, hält man viel auf seine „große Klappe“. Man ist „geradeheraus“, was eine unverblümte, manchmal unverschämte und niederschwellige Umgangsform meint. Die URBANITAS einer Industrieregion, in der sich die Preußischen Reformen mit der englischen Industrialisierung vereinten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war dies die GRÜNDERREGION der epochemachenden MONTANINDUSTRIE. Stahl&Eisen. Ich komme von ZOLLVEREIN, dem Symbol all dessen. Mir sagt ein türkischstämmiger Taxifahrer (geboren und aufgewachsen an der Ruhr), er hätte mich, den Alman, auf den ersten Blick für einen Araber gehalten. Er lacht sich schief über seinen Witz. Ich drohe damit, das Trinkgeld zu streichen. Er so: „Einverstanden, das war es mir wert.“

Man ist hier gerne frech. Und zeigt seinen Mut, indem man Tabus streift. Auch das der Fremdenfeindlichkeit. Es ist ein Stoß auf die Rippen, der als Verbrüderung gemeint ist. Die beliebteste rhetorische Figur ist die Elipse; man spart das Wesentliche aus. Ein besonders netter Abschiedsgruß lautet: „Mach Dir einen!“ Meint: schönen Abend. Fahrt durch Essen-Stoppenberg. Wir reden ernsthaft darüber, bei welchen Themen es oft Ärger gibt. Mein Fahrer sagt, er säße jetzt zwanzig Jahre auf dem Bock und habe gelernt, über vier Themen niemals zu streiten. Welche? Religion, Sex, Politik, Fusseck. Komische Kombination.

Mein neuer Freund sagt: „Soll jeder machen, wie er will, aber keine Ansage für andere.“ Das nennt sich im Amerikanischen „Don‘t ask, don’t tell!“ Kurz: DADT. Leuchtet mir ein. Ich weiß, dass das nicht alle so sehen. Sexuelle Orientierung und Glaubensfragen sind Privatangelegenheiten. Vereinspräferenzen bei Fußball („Fusseck“) belanglos. Über Politik soll man aber doch diskutieren. Da widerspreche ich Mehmut. Sagt er, da wir am Ziel sind: „Raus aus mein Taxi, Araber!“ Haben wir gelacht. „Mach Dir einen!“

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ENTEN.

Der von mir geschätzte NEW YORKER hat ein längeres Stück über „fact checking“; das, was beim SPIEGEL etwas irreführend Dokumentation heißt. Es geht um ein obligatorisches Lektorat in Redaktionen, das die faktischen Angaben der Autoren auf Richtigkeit prüft, bevor der Text in Druck geht. Das hat mit Fälschung noch nicht viel zu tun und mit Wahrheit gar nichts. Aber langsam mitti die jungen Pferde; respektive die Enten.

Wie immer im amerikanischen Journalismus ist der Bericht im NEW YORKER eine Plauderei, die nicht wirklich auf den Punkt kommt; nennen wir es ein „Feature“, was da zwischen ernster Problemstellung und Anekdoten pendelt. Wie man zum Beispiel die Autorenzuschreibung an ein gleichaltriges Geschwisterpaar als identische Zwillinge geprüft habe und widersprüchliche Angaben der vermeintlich Eineiigen erhalten, es also offen war, ob die Mutter dies Wunder der Natur überhaupt habe prüfen lassen.

Tjo, denkt man sich. Und? Viel interessanter wäre doch die Geschichte, wenn die Zwillinge unterschiedliche Väter hätten. Daraus mache ich eine Story! Vielleicht gar der eine schwarz, der andere weiß. So macht man Auflage. Sex and the City. Neu bei Netflix. In der Hauptrolle eine hochrangige Politikerin der UN in High Heels. Wäre Herr Relotius noch beim SPIEGEL, würde das Ding fliegen.

Allerdings könnte es sein, dass dann ein aufmerksamer Lektor „n. t.“ an den Rand schreibt. Das meint „non testatum“, zu deutsch „unbestätigt“. Von diesem „n. t.“ kommt die Zeitungsente; heute „fake news“ genannt. Aber Fälschungen sind nicht das Problem. Viel mehr stören mich Geschichten, die einfach zu sehr stimmen. Eine Geschichte kann zu rund sein. Man entwickelt als alter Fahrensmann da im Laufe der Zeit ein Störgefühl. Unabhängig davon, was der Tatsachen-TÜV sagt.

Das ist das Wesen der Propagandalügen, dass sie zu plausibel sind. Das Leben ist voller offener Fragen und der Mensch aus krummem Holz. Man misstraue der glatten Rede, dem hundertprozentigen Beweis. Dies ist ein seichtes Gewässer voller Enten.