Logbuch
RARE BOOKS.
Für den Laien in der Kunst des Büchersammelns sind es die ERSTAUSGABEN, denen er besonderen Wert zumisst; zumeist stimmt das auch, insbesondere wenn die erste Auflage des Werkes niedrig war. Die versteckteren Kostbarkeiten bedürfen einer aufwendigeren Geschichte.
Im BRITISH MUSEUM treffe ich beim Frühstück (Eier mit Kresse auf weißem Toast) einen portugiesischen Experten für die sogenannte Asley Library, sprich den Nachlass des Thomas James Wise, dem seinerzeitigen Präsidenten der Bibliographical Society of London. Ich sage es ungern, aber ich mag sie eigentlich nicht, die Portugiesen. Meist aufgeblasene Schwätzer. Er textet mich zu und nimmt, mit geöffnetem Mund essend, ausgerechnet gebutterten Toast mit Würstchen, einfach ekelhaft.
Nun, es geht um die Liebesgedichte der Elizabeth Barrett, die sie ihrem Verlobten Robert Browning zueignete, worauf dieser sie vom Fleck weg heiratete. Die kleine Auflage der Sonette ist publiziert als „Sonnets of E.B.B.“ (für Barrett Browning). Der vorgenannte Wise will ein Dutzend Exemplare erworben haben, von denen noch zwei in British Museum erhalten sind. Rare books. Dürfte soviel kosten wie ein Mittelklassewagen.
Der Portugiese verweist auf einen Eintrag „Sonets of the Portugese“ in dem Bibliotheksexemplar, das er der Handschrift wegen Elizabeth zuordnet. Das ist aber Unsinn. Ich erinnere mich, irgendwo die Rezension eines William Cox Bennett aus Camberwell gelesen zu haben, der das Dutzend der Erstdrucke an Wise verkauft hatte; ein Scheunenfund, wie er berichtete.
Wahr ist, dass die jugendliche Verlobte so tarnen wollte, dass sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube gemacht und den Angebeteten vor den Altar gedichtet hatte. Das mit der Übersetzung war nur Tarnung. Es waren ihre ureigensten Herzensergießungen. Frei von jedweden Einflüssen des Portugiesischen. Eh klar.
Logbuch
POESIEALBUM.
Poesie? Nur Mädchen hatten so was. Und machten darum ein unheimliches Gewese. Das Poesiealbum. Es war eine Art Freundschaftsbuch, genauer gesagt ein Katalog von Eintragungen der Freundinnen. Wie bei Girlies üblich, der BESTEN Freundinnen. Man musste in Schönschrift etwas Aphoristisches eintragen. Und durfte ja keine Seiten rausreißen; allfällige Warnung davor.
„In allen vier Ecken / Soll Liebe drin stecken.“ Für Jungs war das albern und kitschig. Aber gemach. Das Spießige hat sich erhalten. Mit krauser Stirn sehe ich, was sich alte Männer im Stundentakt per SMS oder WHATSAPP übermitteln. Bildchen und Sprüche der vordergründigsten Art. Und der abgründigsten: „Kommt eine Frau beim Arzt…“ Regelrechte Rituale des Witzchenreissens. Man will antworten mit dem Spruch: „… und heute sinkt für Sie, das Niveau.“ Auch schon wieder so ein Spruch.
Tagebücher und Poesiealben sind kulturhistorisch interessante Quellen. Da gab es doch mal einen Schriftsteller, der Kriegstagebücher sammelte. Ob das mal jemand mit Chatverläufen machen wird? Wahrscheinlich zu leichtflüchtig. Sind halt keine Logbücher (pun intended).
Gestehen wir Nach-Erwerbstätigen es uns ein: das heutige POESIEALBUM heißt FACEBOOK. Jüngere Generationen, einst bei StudiVZ die Begründer, sind längst geflohen. Die Verbohrten nach Twitter, die Albernen auf TikTok und die Arrivierten agieren auf LinkedIn. Wie früher bei Zeitungen entstehen hier auch Gesinnungskriterien der jeweiligen Wahl. Man sagt mir, dass Twitter als X gar nicht mehr gehe, da der Inhaber nicht satisfaktionsfähig sei. Also, das waren Verleger immer nur sehr selten.
Was die Instagrammisierung ausmacht, ist die Manie zum Episodischen. Eigentlich würde ich sagen, dass das pubertante Albernheiten sind, wenn ich nicht auf Facebook sähe, dass gerade die Greise das zum Hobby machen. Waldorf & Städler, wohin ich schaue.
Ja, auch Zoten und Rassismen, auch Drogen und Waffen. Telegram. Da ist mir das Girlie-Gossip der Poesiealben fast lieber. Zum Schluss von dort mein Lieblingsspruch:
„Ursprünglich eignen Sinn /
Laß dir nicht rauben! /
Woran die Menge glaubt, /
Ist leicht zu glauben.“ //
Ist vom ollen f*** you Göte.
Logbuch
DER WÄHLER.
Auf den Wähler als solchen ist einfach kein Verlass. Er ist ein Kindskopf, eine Beute der niederen Triebe, seinen Launen hoffnungslos unterworfen. Die Idee der Demokratie beruht darauf, dass man zwischen dem einzelnen Depp und der Gesamtheit aller Hanseln unterscheidet. Man nimmt an, dass die versammelten Kindsköpfe der Vernunft zum Siege verhelfen. Wieso eigentlich.
Es gibt gute Wahlergebnisse, wie an der Themse jüngst zum Beispiel; und es gibt bescheuerte, siehe Frankreich. Zu beiden, den Inglesen wie den Franzmännern kann man eine Meinung haben. Dass unsere Nachbarn von der Seine wie die von der Themse die Rechtspopulisten unterhalb der Sperrminorität gehalten haben, das passt uns am Rhein. Stichwort AfD. Hier gibt’s nur einen Unfall von unserem ehedem liberalen Nachbarn Kees zu berichten. Der Holländer wird ruppig, übrigens wie der Schwede.
Der Kern des Problems ist, dass sich die sogenannten Kleinen Leute nicht dem Weltgeist gegenüber in der Verantwortung sehen, sprich Vernunft walten lassen, sondern ihren banalen Klassenstandpunkt vertreten, wenn so eine marxistische Vokabel erlaubt ist. Oder den ihrer schlechten Laune. Insbesondere wenn miese Laune ihre eigentliche Klasse ist. Jetzt kann Monsieur Le President sehen, wie er mit dem Mist zurechtkommt, den die Gelben Westen sich da zusammengewählt haben. Auch nicht einfach.
Der wesentliche Beitrag zur Demokratie kommt aus der Geronto-Diktatur USA, von unserem Hegemon. Dort sagt ein Oberstes Gericht, dass jedweder Mister President gar kein Unrecht nicht walten lassen kann, wenn er im Amt handelt. Das Recht als Hure der Politik. Na, und wie man der Schweigegelder zuschiebt, das weiß er ja, der künftige Hegemon.
Ich bitte also um Unterstützung von Kir Starmer, Beileidsbekundungen bei Emmanuel Macron und eine Bettflasche für den älteren Herrn. Am 28. September 2025 ist übrigens Bundestagswahl, wieder gleichzeitig zum Berlin Marathon. Chaos in der Metropole gewiss. Es wird, darauf kann man wetten, nicht die Vernunft sein, die als Erste durch‘s Ziel gehen wird.
Logbuch
WALKING THE DOG.
Nicht, dass ich auf meinen Arzt hörte, aber ich soll mich acht Kilometer am Tag ergehen. Per pedes, zu Fuß. Das sind 10.000 Schritte. Sitzen, sagt der Weißkittel, sei das neue Rauchen. Auf dem Land fällt das nicht schwer, weil alles immer mindestens ein Dorf entfernt; selbst in die nächste Kneipe sind es vier Kilometer. Aber im großstädtischen Kiez? Alles ist, wie man hier sagt, umme Ecke.
Ich kann im Umfeld von 1.000 Schritten zum Italiener, zahllosen Türken, drei Vietnamesen, einem Inder, der China Pfanne und einem Hotelrestaurant, einer bayrischen Schwemme und zwei Berliner Eckkneipen. Acht Spätis, das sind, was im Revier Trinkhalle oder Büdchen genannt. Mein Schrittzähler bringt es auf keine Werte.
Man rät mir zu einem Hund, der mindestens zweimal täglich raus müsste, also Schritte bringt. Das kann ich nicht. Ein Hund gehört in keine Wohnung, weil wer das macht, wird sehr bald sehen, dass nicht der Hund bei ihm eingezogen ist, sondern er beim Köter. Herrchen (so heißen die Halter in tiefer Ironie) wohnt danach in einer Hundehütte, die mal seine Wohnung war. Frauchen nimmt die Töhle gar mit ins Bett. Pervers.
Ich habe aber, clever, wie ich bin, die Lösung. Ich tue nur so. Ich schlendre morgens wie am späten Nachmittag meine Runde durch den Kiez, gemessenen Schrittes, grüß freundlich die Völker der Erde und bleibe an Straßenbäumen wie Laternenpfählen kurz stehen, so als müsse ich auf das Schnüffeln eines Köters Rücksicht nehmen. Ich knurre dann schon mal: „Komm, Hector, komm!“ So heißt der Hund, den ich nicht habe.
Alle sind froh, mein Doc, mein Schrittzähler, die Nachbarn, die mich zweimal am Tag sehen. Nur der greise Vater meiner armenischen Bäckerin redet schlecht über mich. Er sitzt ganztägig vor dem Lokal auf einem Holzstuhl und beobachtet den Kiez. Er versündigt sich an meinem Ruf und erzählt irres Zeug über mich. Ich hätte gar keinen Hund. Seit gestern habe ich schwarze Plastikbeutelchen in der Tasche. Ich hebe ab und zu, wenn einer kuckt, einen Haufen auf. Liegen ja genug rum. Picking up after one‘s dog. So macht das ein Gentleman. Ha!