Logbuch

KLEIDER-CODE.

An der Rezeption eines Berliner Hotels der gehobenen Klasse steht gestern Abend ein stiernackiger Herr im weißen, deutlich zu kleinen Bademantel des Hauses und den dazugehörigen Badelatschen, allerdings in schwarzen Socken. Er hat eine Frage. Neben ihm eine jüngere Frau in schwarzer Jeans und Stiefeletten. Er tatscht ihre Gesäßtasche. Es verschlägt mir als unfreiwilligem Zeugen den Atem.

Es kann ja passieren, dass man solchen Gästen im Aufzug begegnet, auf deren Weg in die häusliche Sauna. Das ist schon peinlich. Aber in der Halle. Mit dieser Körpersprache? Wir erleben, was Kleidung angeht, einen INFORMALITÄTS-SCHUB, der seinen Ursprung in der FKK-Kultur der DDR haben könnte, aber eher schon Ausdruck dessen ist, was der LOCKDOWN zerstört hat. PYJAMA-POWER.

Ich will gar nicht wissen, was die Leute im HOME OFFICE tragen. Eine Verkäuferin bei meinem Herrenausstatter erzählt mir, sie verkaufen insbesondere bei Damenmode nur noch Oberbekleidung. Unten rum sei ja egal. Fassungslos.

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NARRATIV.

Jeder Simpel spricht heutzutage von anderen „Geschichten“, die jetzt mal erzählt werden müssten. Der Rufmord kommt modern daher. Dabei ist das uralt.

Aus dem Schatzkästlein des kundigen Thebaners: Trivialmythen dienen den Dummen als Beweis des Bösen oder des Guten. Seit dem Griechen HOMER und früher. MUTTI ist so ein Trivialmythos. Journalisten füllen solche Rahmen („frames“) dann mit Nachrichten. Sie machen Mythen frisch. Das ist der Kern von Presse, alte Mythen als neueste Nachrichten verkaufen.

Als Urvater des Journalismus gilt PIETRO ARETINO, eine loses Mundwerk der italienischen Renaissance. Er war, obwohl Spötter und Lebemann, sehr um seinen RUF & RUHM bemüht. Mit aller gebotenen Unbescheidenheit nannte er sich selbst DER GÖTTLICHE. So zeichnete er mit DPA für „Divino Pietro Aretino“. Das ärgerte seine Kritiker.

So reicherte man die Biografie mit der Episode an, seine Mutter, eine stadtbekannte Dirne aus Arezzo, habe in der Nacht vor seiner Geburt geträumt, sie werde einen Weinschlauch gebären. Dann aber kam sie mit dem Balg Pietro nieder. Der fortan „vom Wein“ als Spottname trug: DI VINO. Das ist hübsch gemein: aus DIVINO wird DI VINO, ein besoffener Hurensohn.

So machten es die Alten Römer. Ihre Gründungsväter Romulus und Remus sollen ja von einer Wölfin gesäugt worden sein. Wolfskinder. Nun, LUPA hatte damals noch eine andere Bedeutung. So wie das „bitch“ (Hündin) heute im Englischen. Aber man stammte natürlich lieber von den Göttern ab als der Sohn einer LUPA zu sein. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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REFORM FÜR JEDERMANN.

Ich tue mich schwer mit der Reformation und dem Dr. Martin Luther. Er war ein sehr mittelalterlicher Mensch. Dazu gehört sein Zorn, der bis zum Vernichtungswillen wachsen konnte. Dazu gehört sein Antisemitismus, der eben nicht nur ein Antijudaismus war. Dazu gehört in der Politik sein brutaler Hang zum autoritären Regime.

Andere Sachen gefallen mir. Die Liebschaft des Mönchs Luther zu der Nonne Katharina von Bora. Und sein Sprachwitz begeistert mich; wir verdanken ihm viele kräftige Vokabeln in strammen Deutsch. Auch seine Neigung zur Deftigkeit erfreut mein Herz für gute Propaganda.

Natürlich ist die Übersetzung der Bibel ins Deutsche zu loben. Das ging übrigens relativ flott. Muntere Plagiate. Möglich, weil es schon übersetzte Fragmente gab. Vor allem aber, weil er ein ausgezeichnetes Latein und passables Griechisch sprach. Halt ein guter Philologe. So konnten dann die TESTAMENTE den Popen entrissen werden und als HAUSBIBEL auf jedem Tisch landen.

Damit kam aber die LAIEN-EXEGESE in die Welt. Jeder Dummfick konnte die HAUSBIBEL an irgendeiner Stelle aufschlagen und sich selbst seinen Vers wahllos auf irgendeinen Satz machen, den er dann für GOTTES WORT hielt. Dadurch ist viel Unglück in die Welt gekommen.

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WALKING THE DOG.

Nicht, dass ich auf meinen Arzt hörte, aber ich soll mich acht Kilometer am Tag ergehen. Per pedes, zu Fuß. Das sind 10.000 Schritte. Sitzen, sagt der Weißkittel, sei das neue Rauchen. Auf dem Land fällt das nicht schwer, weil alles immer mindestens ein Dorf entfernt; selbst in die nächste Kneipe sind es vier Kilometer. Aber im großstädtischen Kiez? Alles ist, wie man hier sagt, umme Ecke.

Ich kann im Umfeld von 1.000 Schritten zum Italiener, zahllosen Türken, drei Vietnamesen, einem Inder, der China Pfanne und einem Hotelrestaurant, einer bayrischen Schwemme und zwei Berliner Eckkneipen. Acht Spätis, das sind, was im Revier Trinkhalle oder Büdchen genannt. Mein Schrittzähler bringt es auf keine Werte.

Man rät mir zu einem Hund, der mindestens zweimal täglich raus müsste, also Schritte bringt. Das kann ich nicht. Ein Hund gehört in keine Wohnung, weil wer das macht, wird sehr bald sehen, dass nicht der Hund bei ihm eingezogen ist, sondern er beim Köter. Herrchen (so heißen die Halter in tiefer Ironie) wohnt danach in einer Hundehütte, die mal seine Wohnung war. Frauchen nimmt die Töhle gar mit ins Bett. Pervers.

Ich habe aber, clever, wie ich bin, die Lösung. Ich tue nur so. Ich schlendre morgens wie am späten Nachmittag meine Runde durch den Kiez, gemessenen Schrittes, grüß freundlich die Völker der Erde und bleibe an Straßenbäumen wie Laternenpfählen kurz stehen, so als müsse ich auf das Schnüffeln eines Köters Rücksicht nehmen. Ich knurre dann schon mal: „Komm, Hector, komm!“ So heißt der Hund, den ich nicht habe.

Alle sind froh, mein Doc, mein Schrittzähler, die Nachbarn, die mich zweimal am Tag sehen. Nur der greise Vater meiner armenischen Bäckerin redet schlecht über mich. Er sitzt ganztägig vor dem Lokal auf einem Holzstuhl und beobachtet den Kiez. Er versündigt sich an meinem Ruf und erzählt irres Zeug über mich. Ich hätte gar keinen Hund. Seit gestern habe ich schwarze Plastikbeutelchen in der Tasche. Ich hebe ab und zu, wenn einer kuckt, einen Haufen auf. Liegen ja genug rum. Picking up after one‘s dog. So macht das ein Gentleman. Ha!