Logbuch
FREISCHWEBEND.
Gestern in München die CSU-Granden aus ihrem Limousinen steigen gesehen. Dann den abgeschmackten Söder in den Nachrichten. ERKENNTNIS-EKEL.
Ich muss kein Fan eines Fußballvereins mehr sein. Obwohl ich einst schwor: „Ob ich verroste, ob ich verkalke, Schalke.“ Und hätte ich einen Gott, bräuchte ich keine Kirche; jedenfalls keinen Papst. Und stände ich politisch wo, so könnt ich das auch ganz gut ohne Tambours-Major. „I would prefer not to. I’d rather walk alone!“
„Der selbstbestimmte Abschied aus einem politischen Amt ist eine hohe Kunst.“ Das hat gerade ein Parlamentarier der FDP über einen Parteivorsitzenden der SPD geschrieben. Kluger Mann, der Liberale, übrigens aus der „Stadt der tausend Feuer“. Oder seine PR-Mitarbeiterin aus Gummersbach war das. Kluge Frau, hat übrigens bei mir Examen gemacht. Ich lebe gut im selbstbestimmten Abschied eines gelernten Genossen von jedweder Partei.
Man kann einer Partei angehören, weil das nützt. Oder man kann einer Partei angehören, obwohl das schadet. Ich habe zeitlebens der zweiten Kategorie angehört. Es hat mich allenfalls in Misskredit gebracht; ich verdanke ihr nichts. Als ich das Gefühl hatte, sie hat mich verlassen, meine Partei, habe ich den Schritt der „ehrlichen Scheidung“ gewählt und sie verlassen. Seitdem bin ich PARTEILOS. Für einen gelernten Sozi ist das was. Bei einer Amputation spricht man vom PHANTOM-SCHMERZ.
Übertritt zu einer anderen Partei? Dazu bin ich zu klug. Und leide unter den schlechten Vorbildern der opportunistischen Wechsler. Nein, die Zeit ist um. Ab jetzt PRIVATGELEHRTER und WECHSELWÄHLER. Das muss reichen.
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FLAT RATE.
Immer mehr Menschen nutzen mehrere Smartphones gleichzeitig und davon einige immer, ständig. Sie hören Stimmen, sind aber nicht irre.
Ich treffe auf Zeitgenossen, die gleichzeitig leise mit sich selbst reden (oder wem auch immer) und laut mit anderen (etwa mit mir). Auch außerhalb der Psychiatrie. Dabei daddeln sie noch mit links und scrollen auf einem anderen Gerät mit rechts. Im Hintergrund läuft via Netflix ein Spielfilm auf dem IPad, halblaut. Unterschiedliche Klingeltöne erklingen in unheimlichen Wechsel. Ich kämpfe um Orientierung.
Zuerst ist es mir bei meiner Änderungsschneiderin in Berlin aufgefallen. Neben dem freundlichen Dialog mit mir, ihrem Kunden, sprach sie leise und auf afghanisch mit jemanden über ihr Smart-Phon. Ich dachte noch: vielleicht Heimweh. Oder eine Sicherheitseinrichtung.
Dann nehme ich das auch in meinem Blumenladen auf der U-Bahnstation wahr. Die immer angeregt plaudernde Verkäuferin hat überhaupt niemanden hinter der Theke zu sitzen, mit dem sie auf vietnamesisch trällert. Sie telefoniert fröhlich mit einer Freundin, während sie einen Strauß bindet, freihändig und immer.
Gestern der stoffelige Taxifahrer von der Schwabinger Bürovorstadt zum Franziskaner; er nuschelte die ganze Fahrt mit einem Kumpel an einem seiner drei IPhones, darauf vertrauend, dass ich seine türkischen Kommentare nicht verstehe. Womit er recht hat, halt nur die deutschen Einsprengsel dazu, wo wohl die Oper ist. Ich sorge mich ein wenig um meine Fahrsicherheit bei einem forschen Fahrstil und vielfältiger Ablenkung des Fahrers.
Ich neige nicht zur Nostalgie. Aber früher telefonierte man mit jemandem, legte auf und sprach dann mit jemandem anderen. Schon der Begriff „den Hörer auflegen“ zeigt, wie alt ich bin. In den Telefonzellen hatte der Betreiber die Mahnung angebracht FASSE DICH KURZ. Ich habe sogar noch aus dem Urlaub in England aus einer roten Telefonzelle mitten im Moor nach Hause telefoniert, ein Stahlmonstrum, in das man unentwegt Münzen einwerfen musste. Sackweise.
Münzen sind runde Metallstücke mit hoheitlicher Prägung, sogenanntes Hartgeld, mit dem man früher kleinere Beträge beglich, in den Zeiten, als Apple noch ein Obst war.
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DO IT YOURSELF.
Die Sozialen Medien ermöglichen ihren Nutzern die unmittelbare Selbstdarstellung. Twitter, Facebook, LinkedIn. Donald Trump auf der Bettkante vor einem Millionenpublikum.
Schamgrenzen fallen. Ein Bankensprecher über seine Gefühlslage an seine Ehefrau. Öffentlich. Der Vorstandsvorsitzende von einer privaten Feier an die Belegschaft. Via LinkedIn. Die Öffentlichkeitsarbeit ist nicht länger in Händen der Profis. Jetzt spricht der Chef selbst. Ein neuer Volkssport der Eliten. Going public. Furchtbar.
„Du siehst an der Art, wie der Zimmermann den Hammer hält, ob der Nagel krumm wird.“ Mein Alter Herr hatte Zeit seines Lebens eine besondere Wertschätzung gegenüber Fachleuten, die er mit Wertschätzung HANDWERKER nannte. Profis halt. Die anderen, die Pfuscher, das waren Heimwerker, Dilettanten. Diese zweite Gattung hat im Internet das Sagen. Jahrmärkte der Eitelkeit.
Es galt schon immer das Gebot der INFORMALITÄT, verstehst Du Digga? Läuft bei Dir, Alta! Jetzt kommt das der SPONTANEITÄT hinzu. Aus der Unterhose („Unnabux“) in die Welt! Kein Vorsatz darf aufscheinen, keine ambitionierte Idee, kein Hintergedanke. Es muss alles IMPROVISIERT sein, um authentisch zu wirken. Scham würde da nur stören.
Würde des Amtes und der Stellung? Paaah. Keine Sache ist zu privat, nichts zu intim; vielleicht mit Ausnahme des explizit Sexuellen. Die neue Pornografie liegt in der Entkleidung der Seele. Striptease des Privaten.
Peinlich.
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EIN MISANTHROP ALSO.
Die christlich argumentierende Rechte, ein umfangreiches Milieu in den USA, hat gerade einen ihrer Vertreter verloren, weil ihn ein Attentäter vor den Augen seiner Familie abgeschossen hat. Das hat dort ja Tradition seit Abraham Lincoln & John F Kennedy. Die Kommentarlage im Öffentlich-Rechtlichen hierzulande ist geprägt durch scheinheiliges Bedauern und den ausdrücklichen Hinweis darauf, dass der Ermordete ein Menschenfeind gewesen sei. Er habe menschenfeindliche Meinungen gezeigt. Ein Misanthrop also.
Zu belegen ist das durch Äußerungen, die er auf Debatten getätigt habe, jedenfalls einzelne Zitate, deren Kontext jetzt nicht so sehr interessiert, da er ja rechts, sprich ein Faschist gewesen sei, jedenfalls ein Menschenfeind. Ein Misanthrop. Die Kommentatoren konnotieren: Na, da braucht er sich ja nicht wundern. Jedenfalls warnen sie das Publikum vor Mitleid. Der Mann war rechts. Tiefenphrase: Ein Nazi weniger. Da darf ein wenig Terror schon mal sein. Werden wieder Süßwaren verteilt?
Der Menschenhass, der den Misanthropen verrät, zeigt sich, wenn man sich die politische Agenda in den USA anschaut, in symbolisch gestellten Kontroversen um Abtreibung und Homosexualität, also das Familienbild. Dabei gibt es evangelikale Begründungen durch eine Laienexegese der Bibel, auch des Alten Testaments. Was steht bei Leveticus? Die amerikanische Linke empfindet die von ihr abweichende Gesinnung als Hass, der der Verfolgung bedarf; zur Not auch unterhalb der Schwelle der Strafwürdigkeit. Auch auf unseren Straßen wird „Ciao, bella, ciao!“ gegen die allgegenwärtigen Nazis gesungen.
Es gibt bei uns inzwischen Meldestellen zur Denunziation von abweichender Meinung, bei der man leider noch nicht den Staatsanwalt schicken kann. Denn Hass geht ja gar nicht. Geht also der Misanthrop zu Recht seiner Menschenrechte verlustig? Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Menschenfeind. So redet des Menschen Freund? Merkst Du auch, oder?