Logbuch
GETTO REGEL.
Ein ICE der Deutschen Bahn ist bei der Ausfahrt von Köln nach Dortmund in einen Ast gefahren, und zwar in dem bewohnten Vorort Köln-Mülheim, was die Weiterfahrt verhinderte und die Passagiere im gestrandeten Zug wie Gefangene festhielt. Für geschlagene fünf Stunden. Die Paxe seien ob dieser Wartezeit auf offener Strecke derart aggro gewesen, dass die Bahn die Polizei zum Schutze ihres Personals anforderte. Sie rufen die Bullen, echt?
Mich wundert das nicht. Ich meide, wo immer es geht, die Bahn vollständig. Eine Bahnsprecherin entschuldigt sich. So einfach also geht das? Wundert mich auch nicht. Ich kenne die Dame; sie war zuvor Journalistin beim WDR. Ich meide, wo immer es geht, den WDR vollständig. Das ist eine soziale Ausweitung einer alten Überlebensregel für das Getto. Meide den Ärger, wo immer es geht. Einfach aus dem Weg gehen. Gilt auch für den ICE im Kalifornischen.
Ich werde dem dortigen Bürgerkrieg auch meine Aufmerksamkeit entziehen. Der oberste Warlord hat die Unruhen gerade mit den vorjährigen Waldbränden verglichen. Ich hör es mir erst gar nicht mehr an. Von mir aus können sie die Bullen rufen. Und ich werde auch nicht mehr von Bullen reden. Auch das ist ja eine weitere Verrohung der Sitten. Nennen wir sie die schutzhaftgewährenden Service-Kräfte. Was wäre gewesen, wenn es in Köln gebrannt hätte? Der Garpunkt in der Röhre wär dann schnell erreicht. Vielleicht sollte die Bahn schlicht erwägen, ihr Personal zu bewaffnen. Zumindest mit Riot Guns. Wenn man seinen ICE in Köln wieder vor einem Ast beschützen muss. Oder das Personal vor den Passagieren. We are all getting Getto.
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WELL OFF.
Im Englischen nennt man jenen Zustand fehlenden Mangels, was die Dinge des täglichen Lebens angeht, also einen befriedigenden Grad der materiellen Sättigung, schlicht „well off“. Das beginnt mit einem eigenen Häuschen und endet vielleicht mit einem Anwesen nur für die Ferien. Aber auch da gibt es arme Schlucker, die prahlen, und Bescheidene mit einem satten Konto in der Schweiz. Ich persönlich glaube, dass man es an der Entspannung erkennt, ob die Knete reicht. Und an der Kleidung.
Gespräch in einem netten Kreis gesetzter Bürger, wenn man das so nennen darf, über die Frage, wer unter den berühmteren Zeitgenossen wohl VIEL Geld habe. Man sagt „Geld habe“, ohne Quantifizierung. Der small talk ist frei von bösem Neid, eher daran interessiert, unter den Bessergestellten die Blender zu enttarnen. Unweigerlich kommt es zum Begriff des Alten Geldes. Am Ort ist das gesichert ein einzelner Fabrikant, dessen Produkt lange sprichwörtlich war.
In meiner alten Heimat war das KRUPP. Proletenscherz: Was Krupp in Essen, sind wir in Saufen. Obwohl, wer die Geschichte derer aus der Villa Hügel kannte, stets frei von dem Eindruck war, dass die Dinge hier in höherer Gunst lagen. Generation um Generation hat um eine Anerkennung gekämpft, die selten ganz und nie für lange gewährt wurde. Es waren immer Parvenüs, die Stahlbarone, Geltungssüchtige. Auch der große BB.
Altes Geld sollte gesetzter sein. Der Diskurs unter den Kleinbürgern meiner Abendgesellschaft unterscheidet sich ganz grundsätzlich danach, ob man beamtet ist, oder gewerbetreibend. Diesen Mentalitätsunterschied kriegt man auch nicht durch Argumente gebrückt. Ebenso die Annahme der Unpolitischen dazu, dass Politiker es geschafft hätten, obwohl diese sich ständig klamm fühlen. Alles endet bei der fundamentalen Frage, wann man reich sei.
Ja, wann ist man well off? Ich habe eine Antwort großer Weisheit zu berichten. Reich sei man, wenn mehr Geld nichts daran ändern würde, wie man lebt.
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WER EIN BLATT BESITZT.
Ein Machtwechsel führt immer zu einer neuen Orientierung jener, die von ihr leben, indem sie aus der Gunst der Gönner gute Geschäfte machen. Ich lese gerade einen kleinen Abriss zur Entwicklung der WASHINGTON POST, von ihren Freunden nur kurz POST genannt. Das Blatt begründet den Mythos einer freien Presse; namentlich von privaten Verlegern und mutigen Reportern, die den Regierenden auf die Finger schauen und gelegentlich auch hauen. Der hehre Traum aller Schreiberlinge, so sie einen Verleger finden.
Der amerikanische Präsident Richard Nixon wurde von der POST zu Fall gebracht, Stichwort Watergate; eine Geschichte, zu der ich bis heute eine sehr skeptische Haltung habe, aber ich bin ja auch kein Investigativ-Journalist, der unbekannten Quellen gezielte Denunziationen brav abnimmt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Mir hat noch nie ein Blatt gehört; vielleicht mit Ausnahme der Schülerzeitung, von der ich nicht mal mehr den Titel weiß. Die Brotlosen bloggen.
Die POST ging, weil viel frisches Kapital von Nöten, an einen Oligarchen, den Gründer von Amazon, einen alerten Bubi namens Jeff Bezos, der dem Blatt schwor, dass sich an der verlegerischen Liberalität nichts ändere, da er nun damit spielen dürfe. Es gibt nun ein Narrativ, wie die Neue Rechte die Bude und den Bubi schrittweise einhegten. Ein Lehrstück. Darin die Episode, dass der amtierende Präsidentengattin die Rechte ihrer eigenen Lebensgeschichte von Bezos nach einem geneigten Dinner für 40 Mille abgekauft wurden; 28 für die Lady.
Dazu werde ich mich nicht ironisch einlassen. Ich habe solche Beckmesserei schon vermieden, als Maschi dem Gerd zwei Mille für dessen Lebensgeschichte zahlte. Was hier allenthalben Platz greift, ist nämlich der Neid der Besitzlosen. Damit meine ich nicht die klammen Zahlungsempfänger. Und auch den Erwerbern der Rechte habe ich keine Patzigkeiten zu sagen. Wenn der Gerd den Maschi schätzte, dann wird er gewusst haben, warum. Ich kenne nur neidische Neider, bin aber selbst dazu nicht begabt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Mein Ernst.
Der Neid der Besitzlosen meint hier nicht GELD; er beschreibt vielmehr jene, die nix zu erzählen haben. Die Memoiren von Olaf Scholz an der Seite seiner fabelhaften Frau Britta in der miefigen Mietbude in Potsdam, das interessiert keine Sau. Mein ganzes Leben ist voll von Gestalten, die auf die Gnade des Vergessens hoffen dürfen. Aber den mächtigsten Mann der Welt in Unterhosen, sprich aus der Sicht einer übellaunigen osteuropäischen Schönheitskönigin, das wäre mir die Knete wert, wenn ich sie hätte. Ich habe sie aber nicht. Mir gehört kein Blatt. Dabei fängt die Meinungsfreiheit dort erst an, wo man Verleger wird. Alles richtig gemacht: Bravo Bezos!
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UNGEPFLEGTE LANGEWEILE.
Es mag ja die englische Teenerven schonen, wenn „business as usual“ herrscht, für Medien ist das schlecht für‘s Geschäft. Für Meinungskolumnisten gar tödlich. Die Empörungskommunikation verlangt Skandale, die das Publikum aufschreien lassen. Die Sozialen haben den Trend noch verstärkt. Meine Beobachtung: Das Geschäftsmodell geht im allgemeinen Gähnen unter.
Die Überraschungen liegen nur noch im Kleinen. Nehmen wir die sprichwörtliche Gefahr von rechts. Betrachtet man den Wählerwillen in der gestrigen Kommunalwahl in NRW (meine Heimat), so hat die AfD zugelegt, aber noch ist sie bei einem Sechstel der Stimmen. Die CDU macht das Rennen mit dem, der die Haare schön hat. Machtergreifung geht anders. Jetzt können nur noch einzelne Städte für Untergangsstimmung sorgen; Gelsenkirchen etwa, oder Oer-Erkenschwick. Aber wen kümmert das?
Das gleiche Gähnen im Heimatland der zitierten Teenerven. Der britische Premier hat seinen Botschafter in den USA geschasst, weil Baron Peter Mandelson Ergebenheitsadressen an den verpönten Investmentbanker Epstein gerichtet hatte. Nun, Peter ist „the godfather of all spindoctors“; wir verehren ihn als THE PRINCE OF DARKNESS. Ich habe ihn noch kurz vor seiner Ernennung in seinem Londoner Büro besucht, mit einer Delegation des Wirtschaftsforums der SPD. Er war einst zusammen mit Bodo Hombach der Autor des Blair-Schröder-Papiers zu NEW LABOUR, bei uns Neue Mitte genannt. Sir Peter stürzt zum dritten Mal in seinem politischen Leben über eine Compliance-Frage. Alta, lernst Du es mal?
Apropos Ergebenheitsadressen. In Berlin will die SPD wieder den Regierenden stellen und hat sich einen abgelegten Kandidaten aus Hannover besorgt, der es dort trotz Ambition zu keinem Ministerposten gebracht hat. Provinzreservoir. An der Leine scheint ein Nest zu sein. Einer von denen, mit dem ich bei Peter Mandelson war, engagiert sich schon auf den Sozialen mit einem braven Diener; es beginnt der Wahlkampf. Mit dem Hut in der Hand… Langweilt mich. Ich bin ohnehin für Franziska, diese Frau aus Frankfurt / Oder. Aber auch das ist Teil der von mir beklagten Langeweile.
Ich lese ersatzweise für Abenteuer im wirklichen Leben einen Roman über die Bilderberg-Konferenzen; der allerdings ist spannend. Ich will mich vorbereiten, falls ich im nächsten Jahr nach Oosterbeek eingeladen werde. Man weiß ja nie. So käme ein wenig Aufregung in mein allzu tristes Leben. Verdient hätte ich es. Der dunkle Prinz ist auch da.