Logbuch
DER AUSBRUCH DES FRIEDENS.
Am Sonntag, als ich gen Westen fuhr, kamen mir auf der Autobahn bemannte Panzer entgegen; sie fuhren gen Osten. Dabei dachte ich an MUTTER COURAGE.
In dem Brecht-Stück über die Marketenderin Courage geht es darum, dass die gute Frau vom Krieg leben möchte, zumindest ein wenig, und dabei am Ende doch alles verliert. Auf geringstem Niveau also eine KRIEGSGEWINNLERIN. Sie will dem großen Krieg ihren kleinen Vorteil abringen, wenigstens das.
Nur wenn man diese Perspektive der Marketenderin akzeptiert, versteht man ihre Furcht, dass (Achtung, Zitat) „der Frieden ausgebrochen“ sein könnte. Darüber ist sie sehr erschreckt, dass der Frieden ihr das Geschäft kaputtmachen könnte. Eine geschickte Formulierung des klugen Brecht mittels seines Verfremdungseffektes, die uns zeigt, wie wir denken: Kriege brechen aus, aber der Frieden wird gestiftet. Gegen den Ausbruch der Bestie Krieg, da kann man nichts tun; aber für den Friedensschluss, da will dann jemand gelobt werden. Eine fundamentale politische Täuschung! Auch Kriege werden gestiftet.
So sehr die rollenden Panzer als Verteidigung gelobt sein sollen, so nachhaltig ist mir die Courage im Kopf, die ihre Kinder verliert, weil sie gern noch ein Geschäft machen möchte, solange der Frieden nicht ausgebrochen ist. Eine Figur großer Tragik vergangener Zeiten. Vergangener Zeiten?
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DENGLISCH.
Man spricht Deutsch. Mit englischen Brocken. Das Fachchinesisch der ganz modernen Menschen. Hinter jedem Schlagwort lauert ein Geschäft.
Wenn die Heimarbeit andauert, so ist das das NEW NORMAL der NEW WORK bei den WOKEN. Sagt der Experte für HR, sprich „Ähtsch Ahr“, HUMAN RELATIONS. Oder, neuerdings: HUMAN RESSOURCES. Nur wer den neuen Jargon beherrscht, weist sich als zeitgemäßer Gestalter des Personalwesens aus. Das ist tatsächlich wichtig, dass jede Veränderung ihre Gewinner zu feiern gedenkt und möglichst wenig Verlierer zurücklässt.
Ich habe da nichts zu lästern, weil meine Profession, die ÖFFENTLICHKEITSARBEIT, sich vor hundert Jahren als PR (Public Relations) begründet hat. Vor HR kam PR, zwischendurch IR. Wegen dem SHAREHOLDER VALUE. Egal. Der Gründer der PR wollte den Begriff der PROPAGANDA ablösen, der aus dem Kirchlichen stammte. Es war übrigens ein Wiener Jude, angeblich mit Sigmund Freud („uncle Siggi“) verwandt, der als Migrant in die USA ein eher gebrochenes Englisch sprach, wie alle amerikanischen Intellektuellen dieser Zeit. Er machte mit PR ein Vermögen und feierte die neue Massenkommunikation als Geheimwissenschaft. Neues Wort, neues Geschäft.
So wie heute PR-Agenturen über PURPOSE plappern; das ist schlicht und einfach der Sinn einer Sache. Poooh. Die CSR (Corporate Social Responsibility) wird gerade durch das Buzz-Word GSE ersetzt; ich habe vergessen, was es heißt. Nein, ich möchte es nicht erklärt bekommen. Mich wundert nicht, dass die Hegemonie der Informationstechnologie ihren kalifornischen Jargon durchsetzt; das soll so sein, dass wer die Macht hat, auch das Sagen bestimmt. Mich wundert, wo das schlechte Englisch herkommt. Waren die alle auf der Berlitz School in Mumbai?
Ganz abstrus wird es, wenn in dem PIDGEON ENGLISH andere Moden eingewebt werden, etwas das GENDERN oder das #gerneperdu. „Can I say YOU to you?“ Ich bin kein Sprachpurist, aber doch von einem gewissen Gestaltungswillen. Wer sorglos redet, denkt auch nicht sauber. Man kann auch sprachlich ganztägig Jogginghose tragen, sprich verwahrlosen. DID I MAKE MYSELF CLEAR. Nur so als question. Wegen der learnings.
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GUYS.
Am Empfang des Raffles in Singapur fragt der Hotelmitarbeiter mich und Gattin: „What can I do for you guys?“ Eine echte Unverschämtheit. Typen? Für Euch Typen?
Aus dem Amerikanischen kommt eine geschlechtsneutrale Anrede, deren Ursprung vergessen scheint. „GUYS and dolls“, das waren mal Typen und ihre Schicksen; heute steht GUY für jedweden Typen jedweden Geschlechts. Da ist ja mehr im Schwimmen begriffen als die Biologie weiß. Guys also? Aber nicht, wenn ich tausend Dollar für ein Bett zahle. Dann redet der uniformierte Laffe mich mit Sir an und die Blonde an meiner Seite mit Mam.
Übrigens ist es Mam mit einem „a“ wie in „marmelade“ und nicht Mäm mit einem „ä“ wie in „jam“ oder „ham“. Kommt auch am englischen Hof aus dem Französischen von „Madame“, dem Pendant zu „Monsieur“ (Meine Dame/ Mein Herr). Im George V in Paris bin ich ebenso Monsieur wie im kleinen Bistro um die Ecke; eine Kulturnation. Da quakt einem niemand „salut les copains“ beim Check-In oder dem Absinth ins Gesicht. Die Anrede mit GUYS ist eine egalistische Frechheit.
Wie das routinierte Duzen im Geschäftsleben und die Verkürzung von Namen (eigentlich nämlich mindestens zwei gemäß Tauf- und Familiennamen) auf eine einsilbige Verballhornung des Vornamens. Weil sich im Einwanderungsland USA niemand Fremdsprachiges merken will oder kann. Aus Richard wird Dick; und Dick, das heißt Schwanz oder Blödmann. Ich mag die Amis nicht. Obwohl unsere geschätzte Schutzmacht; wg. GI, was „government issue“ heißt, sprich Staatseigentum. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Unter Freunden duzt man sich. Und unter Kollegen (#gerneperdu); finde ich gut. Historisch auch unter Genossen. Und bei den Sportskameraden. Alles gut. Ich habe schon Bundeskanzler geduzt und Bundespräsidenten, aber den schnorrenden Bettler in Zehlendorf vor dem Rathaus, den sieze ich. Oder die Nichtsesshafte in dem Transporter auf dem Autobahnrasthof Göttingen (Fahrtrichtung Hannover). Eine Anrede ist eine Respektsbezeugung.
Wo wir gerade dabei sind: der Doktortitel ist Namensbestandteil. Von seiner Nennung sind ausdrücklich nur andere Promovierte ausgeschlossen. Hier kann man sich aber das Vergnügen bereiten und die Doktorarbeit anderer Doktoren über die Fernleihe zu besorgen und mal mit Muße anzusehen. Es gibt so manche GUYS unter den Damen und Herren Doktoren. Typen halt. Dicks.
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UNGEPFLEGTE LANGEWEILE.
Es mag ja die englische Teenerven schonen, wenn „business as usual“ herrscht, für Medien ist das schlecht für‘s Geschäft. Für Meinungskolumnisten gar tödlich. Die Empörungskommunikation verlangt Skandale, die das Publikum aufschreien lassen. Die Sozialen haben den Trend noch verstärkt. Meine Beobachtung: Das Geschäftsmodell geht im allgemeinen Gähnen unter.
Die Überraschungen liegen nur noch im Kleinen. Nehmen wir die sprichwörtliche Gefahr von rechts. Betrachtet man den Wählerwillen in der gestrigen Kommunalwahl in NRW (meine Heimat), so hat die AfD zugelegt, aber noch ist sie bei einem Sechstel der Stimmen. Die CDU macht das Rennen mit dem, der die Haare schön hat. Machtergreifung geht anders. Jetzt können nur noch einzelne Städte für Untergangsstimmung sorgen; Gelsenkirchen etwa, oder Oer-Erkenschwick. Aber wen kümmert das?
Das gleiche Gähnen im Heimatland der zitierten Teenerven. Der britische Premier hat seinen Botschafter in den USA geschasst, weil Baron Peter Mandelson Ergebenheitsadressen an den verpönten Investmentbanker Epstein gerichtet hatte. Nun, Peter ist „the godfather of all spindoctors“; wir verehren ihn als THE PRINCE OF DARKNESS. Ich habe ihn noch kurz vor seiner Ernennung in seinem Londoner Büro besucht, mit einer Delegation des Wirtschaftsforums der SPD. Er war einst zusammen mit Bodo Hombach der Autor des Blair-Schröder-Papiers zu NEW LABOUR, bei uns Neue Mitte genannt. Sir Peter stürzt zum dritten Mal in seinem politischen Leben über eine Compliance-Frage. Alta, lernst Du es mal?
Apropos Ergebenheitsadressen. In Berlin will die SPD wieder den Regierenden stellen und hat sich einen abgelegten Kandidaten aus Hannover besorgt, der es dort trotz Ambition zu keinem Ministerposten gebracht hat. Provinzreservoir. An der Leine scheint ein Nest zu sein. Einer von denen, mit dem ich bei Peter Mandelson war, engagiert sich schon auf den Sozialen mit einem braven Diener; es beginnt der Wahlkampf. Mit dem Hut in der Hand… Langweilt mich. Ich bin ohnehin für Franziska, diese Frau aus Frankfurt / Oder. Aber auch das ist Teil der von mir beklagten Langeweile.
Ich lese ersatzweise für Abenteuer im wirklichen Leben einen Roman über die Bilderberg-Konferenzen; der allerdings ist spannend. Ich will mich vorbereiten, falls ich im nächsten Jahr nach Oosterbeek eingeladen werde. Man weiß ja nie. So käme ein wenig Aufregung in mein allzu tristes Leben. Verdient hätte ich es. Der dunkle Prinz ist auch da.