Logbuch
DIE GUILLOTINE.
Wenn Sie eine Hohe Küche für ein Architektenmass halten, habe ich heute nichts für Sie. Wir reden heute kulinarisch von Haute Cuisine. Über wirkliche Sterne-Küche. Für feine Gaumen und gegen stramme Rechnung.
Hätten Sie drei Sterne und ein Restaurant, so würden Sie die Kritiker fürchten, die für diesen Ruhm sorgen. Oder eben nicht. Test-Esser. Sie fürchten dann Resto-Führer wie den Gault Millau oder den Guide Michelin. Und deren Rezensenten. Sie würden einen Stefan Durand-Saufland kennen (so Gallier zu Paris) oder einen Jürgen Dieblase (so teutscher Zunge). Oder den wirklichen Star aller Resto-Kritiker, Giles Coran, der als Waliser die Tommys in der TIMES beglückt.
Jüngster Skandal: Im Pariser Resto namens Apero gab es Zucchini (ein gurkenhaftes Gemüse) und darin lag ein Stück Plastik. Die stockseröse, eher konservative Zeitung FIGARO (kein Frisörblatt) hatte die Story. SKANDAL. Stephane Duroc-Saufland, deren Edelfeder für NOUVELLE CUISINE, zeigt sich ungehalten. Er zieht ein weiteres Ass aus dem Ärmel: Das Essen habe ihn insgesamt traurig gemacht; welch ein Todesurteil durch die genialische Gabel-Garbo. Die Guillotine. Es war bloße Routine, also traurig. Dafür zahlt man dann ungern 500€ pro Menu, ohne Getränke, versteht sich.
Fremdes im Essen? Ich hatte schon eitriges Pflaster im Hühnerfrikassee (Mensa der Ruhr Universität Bochum, Großer Saal). Silberfischchen in der Brotschublade (Vier Jahreszeiten Hamburg). Hosenknopf im Baeckeoffe (Zum Storch im Elsässischen). Haare unterschiedlicher Farbe und Länge (weltweit). Ein Tampon unter Seetang in den Muscheln in Weißweinsud (Dubrovnik).
Und unendlich viele Essen, die mich traurig ins Leben entließen. Weil nicht mal eklig. Es gibt Ausnahmen. Gestern Abend etwa: Austern, Rindstartar, Rehschulter geschmort mit Wirsing. Wein aus der Wachau. Großartig. Nicht ganz billig, aber auch nicht abgehoben. Wo? Sag ich nicht.
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SALZ DER ERDE.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat ein Eigenformat namens ZAPP, das so medioker ist, dass man im Fremdschämen schon einige Routine braucht. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.
Ich war zeitlebens Publizist, aber habe nie den hehren Anspruch des Journalismus als Vierter Gewalt für mich reklamiert. Oft war ich in Konflikten auf der anderen Seite des Schreibtisches, wie man so sagt. Und ich habe innerhalb der Journaille wenig Licht sowie viel Schatten gesehen; gelegentlich tiefe Finsternis.
All das gesagt habend: Ich habe den Beruf und die dazu Berufenen immer geschätzt. Mein Respekt ist eigentlich ungebrochen. Viele Journalistinnen und Journalisten waren meine Freunde; einige sind es noch immer (worüber ich nie öffentlich reden würde). Deshalb mit Emphase: Salz der Erde. Vielleicht lässt sich dies Verhältnis mit dem Respekt eines Strafverteidigers vor einem guten Staatsanwalt vergleichen. Die andere Seite, ein Gegner, aber jeder Ehre wert.
Das Bild, das jetzt aber die Chatting Classes beim NDR von sich malen, das schmerzt. Ich meine das nicht vordergründig. Etwa bezogen darauf, dass beim NETZWERK RECHERCHE die Verschlossene Auster von einem Journalisten des SPRINGER VERLAGES verliehen wird. Ich kenne den Mann und habe einschlägige Erfahrung mit ihm. Der Rest ist Schweigen. Schließlich ist Stefan Aust inzwischen Herausgeber von SPRINGERS WELT. Das mag alles sein, wie es will.
Was aber die Beschwerdeführer:innen beim NDR, die unter einem ach so schlechten Betriebsklima litten, jetzt an Hasenmut vortragen, das nimmt mir den Atem. Mein Gott, was für gekränkte Seelchen. Sie beklagen sich, dass ihnen der Arbeitgeber die vorherige Absolution für Kollegenschelte verweigert habe. Obwohl die Anwälte des Journalistenverbandes DJV danach gefragt hätten. Echt, Geschäftsschädigung nicht gratis?
Wehleidige Heckenschützen! Wie deutsch. Wie beamtenhaft. Welch ein Mangel an Charakter. Aber es gibt natürlich auch die Stehaufmännchen aus der Hierarchie. Die jetzt ihre zweite Reihe vors Rohr ziehen. Poooh, ist das alles klein. Mein Respekt vor dem Journalismus ist, ich gestehe es, kontrafaktisch. Und gesunken.
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SCHÖNHEIT.
Selbst Autos haben Gesichter. Wir lesen die Fahrzeugfront mit Scheinwerfern und Grill als Charaktermaske. Es gibt anmutige Autos und stockdoofe. Aggressive und alberne. Grazile Karossen und fette SUVs. Wie im Leben.
Durch Oslo schlendernd sehe ich ein Werbeplakat für ein sogenanntes Fitness-Studio, das immer geöffnet sei (24/7). Es heißt, man solle aufhören, fett und hässlich zu sein. Ungewöhnlich für ein Land, das sehr im Privaten lebt; noch privater ist nur das Baltikum, wo die Botschaft deutsche Ex-Pats sogar warnt, die Ehefrau mitzubringen. Exzesse des Calvinistischen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Diese Stätten der körperlichen Ertüchtigung sind mir ein Rätsel. Niemand hindert mich zu Hause an Gymnastik oder gar dem Turnen. Niemand entzieht dem Wanderwilligen die Gegend oder dem Jogger das Pflaster. Gleichwohl wollen Menschen in schlecht klimatisierten Räumen auf Laufbändern eng nebeneinander hecheln und die Luft, Tröpfchen prustend und transpirierend wie ein Schwein, mit Körperflüssigkeit füllen, als habe es COVID nie gegeben. Seit frühester Jugend hasse ich diesen Odem aus Schweiß, Proleten-Deo und Bohnerwachs; Turnhallen sind die Hölle.
Der Norweger macht übrigens Witze. Er sagt auf dem Plakat: „Hör auf, fett und hässlich zu sein; sei nur noch hässlich.“ Ich musste schmunzeln. Mir kam die Sottise, dass Schönheit immer nur im Auge des Betrachters liege. Wie alle Sprüche, die Trost spenden, stimmt er nicht. Beispiel: das Gesicht. Das Ponem. Die Hackfresse. Wir können in kein Antlitz starren, ohne es zu lesen. Etwas in es hineinzulesen.
Animalisch haben wir schon drauf, nach GEFAHR zu schauen. Oder Begattungsbereitschaft. Mona Lisa lächelt. Dann lesen wir die Züge um den Mund und die Falten an den Augen als CHARAKTERSPIEGEL. Wir kennen liebe Augen, traurige und tote. Insbesondere bei Junkies fallen sie mir auf, die toten Augen. Und bei trockenen Alks. Aber ich mag mich irren. Man sieht, was man sehen will.
Wie bin ich jetzt von der Hauptstadt der nordischen OPEC auf Alleinreisende in Riga und von da auf diese allgegenwärtigen Sportstätten der dünnen Sportschrate gekommen? Wie bringt mich das zum Lächeln der Mona Lisa? Ach so, ich war im Munch-Museum und hatte vorher den mit den Ohrenschmerzen im Original gesehen.
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WATT IS NE DAMPF MASCHIEN?
Ein dunkler Raum mit zwei Löcher. Kennen wir aus der Feuerzangenbowle. Was ist eine Daten-Maschine? Da wird das Eis dünner. Das weiß nicht jeder. Es ist so wie früher bei den Zeitungen auf Papier; auch wer nicht wusste, wie man darin schreibt, konnte anderntags noch den Fisch darin einwickeln. Heute erfahren wir Neuigkeiten aus dem Smart-Phone, einem kleinen Scheißding, das unser Weltzugang geworden ist. Leider hat das Biest aber Algorithmen. Und KI, künstlichere Intelligenz. Das gefällt nicht jedem.
Ja, der Algorithmus, bei dem ein jeder mitmuss. Und die KI, mysteriös wie nie. Ich sitze in einem kreuznetten Kreis von Nachbarn und diskutiere mit einem hochgestellten Politiker über die Sozialen. Meine banale These: Was mal die Hinterzimmer von Kneipen waren, nämlich die kleinste und naheste Form von Öffentlichkeit, das findet sich für die junge Generation in den Social Media des Internets. Aber es kommt eben nicht jeder rein. Früher in die Kneipe, jetzt in das Netz.
Darauf reagieren die ANALOGEN wie immer mit Empörung. Natürlich sei man auf den Sozialen. Aber wie! Es erinnert mich an die Frage meiner frühsten Jugend danach, ob jemand schon Telefon habe; gemeint war ein Festnetzanschluss der Post. Oder ob man zu Hause schon Farbfernsehen besitze. Diese beiden übrigens die letzten Technologien, deren Einführung die SPD uneingeschränkt begrüßt hat. Heutzutage haben alle Internetz, die Bürgersteige werden gerade aufgegraben für Glasphaser, die nächste Phase.
Zeitgleich berichtet über lokale Ereignisse noch ein Druckerzeugnis, das sich allerdings keine Redaktion mehr leisten kann und deshalb die Erlebniserzählungen der lokalen Matadore eins zu eins ins #Blatt hebt. Blättchen, so nennt man das am Ort; zu recht in Verkleinerungsform. Wir sind Zeitzeugen einer epochalen Ungleichzeitigkeit gänzlich unterschiedlicher Techniken. Ich sage es mal so: Im Kulturellen ist das Verbrennerverbot noch nicht angekommen.
Der politische Grande führt aus, dass das Internetz nicht demokratie-geeignet sei, weil die Sozialen amerikanischen Milliardären gehörten, die darin Algorithmen & KI installiert hätten, mittels derer verdeckt Wahlen manipuliert würden. Es gebe sogar Hass & Propaganda. Er setzt große Hoffnungen auf den Digital Services Act der EU. Es erklingt der Ruf nach dem starken Staat, der Urimpuls aller Sozis, wenn etwas nach der Willkür des Marktes riecht. Algorithmen also. Teufelszeug. Man weiß im Alltagswissen älterer Menschen auch nicht annähernd, was die DIGITALEN umtreibt. Unsere Gesellschaft ist kulturell gespalten. Die Zahl der neuen Analphabeten ist groß.
Die KYBERNETISCHE WENDE findet statt, ist aber intellektuell nicht verdaut. Wir nutzen inzwischen alles, was wir noch begreifen; aber eben auch nicht mehr müssen, weil der Mangel an natürlicher Intelligenz ja ausgeglichen wird durch die künstliche. Aber ganze Milieus sind mittlerweile Altersheime des Analogen. Die Klugen unter den politischen Köpfen wissen das und begehren auf. Ich rechne über kurz oder lang mit der Forderung nach einem Algorithmus-Verbot.