Logbuch

DIE HALBE WELT.

Wer nur von Männern spricht, verschweigt die andere Hälfte der Menschheit. Ein altes und anschauliches Argument gegen das Patriarchat. Die gleichen Größenverhältnisse gelten bei der Presse. Einer schwindenden Zahl von Journalisten stehen immer mehr PR-Leute gegenüber; inzwischen der größere Teil. Das verschweigt der Journalismus. Den PR-Leuten ist das Recht.

Man sieht die im Licht, die im Dunkeln sieht man nicht. Ein schönes Motto des großen Bert Brecht. Daran denke ich, als ich das Podium zu einer Debatte um das verlorene Vertrauen in die Presse sehe. Edelfedern, Gurus des Mainstreams sollen sich um die Frage bemühen, wie die Presse wieder in den Ruf kommen könnte, ein zutreffendes Bild der Welt zu zeichnen. Fünf Journalisten und kein Vertreter jenes Teils der Zunft, die darauf in gleicher Mannschaftsstärke, aber verdeckt Einfluss nimmt. Zum Vergleich: als ließe man fünf alte weiße Männer auf dem Podium die Frauenfrage lösen.

Ein große PR-Agentur bewirbt sich selbst gerade mit dem Gerücht, dass ein bestimmter Ölkonzern ihnen einen Monatsretainer von 80.000 € zahle, also eine knappe Million im Jahr. Wenn die anderen ÖL-Multis das auch so handhaben, dann sind hier geschätzt 6 Millionen € an PR-Honoraren im Feld, die die Berichterstattung über die steigenden Tankstellenpreise begleiten. Die GRÜNEN geraten dabei politisch unter Druck. Und was machen die sogenannte Faktenchecker in den Netzwerken der Investigativen? Ich zitiere deren Selbstauskunft: Sie rufen beim MWV an, dem Mineralölwirtschaftsverband. Das ist der Lobbyladen der Ölleute. Die Investigativen nehmen dessen Sprachregelungen nun für die Wirklichkeit. Sie entlasten argumentativ die GRÜNEN und kritisieren die Erdgasimportpolitik. Fakten gecheckt, ja?

PR ist ein Geschäft zur „Konstruktion wünschenswerter Wirklichkeiten“, wenn man es mit LUHMANN sagen will. Die Geschäfte um diese Konstruktionen suchen das Licht nicht. Während sich Journalisten in Larmoyanz um verlorenes Vertrauen suhlen, machen selbst die Verlage PR-Agenturen auf, um sich so vom großen Brotlaib ihren Teil zu schneiden. Die Verleger haben die Trennung von Presse und PR schon lange STRUKTURELL aufgehoben. Gerade das darf im Halbschatten bleiben. Als hätte der sterbende Goethe gesagt: „Weniger Licht!“

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SCHWEIGEN.

Als der große Held Shakespeares, Hamlet, stirbt, bestimmt er, dass der Rest Schweigen sei: „The rest is silence.“ So bricht, sagt da sein treuer Gefährte Horatio, ein edles Herz. Der Rest ist Ruhe.

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VERKLEIDEN.

Zu Halloween scheint als Kult auf, was im Karneval ausgiebig wird: der Zwang sich originell zu kostümieren. Graf Dracula, Billy the Kid oder Seeräuber. Wie doof ist das denn?

Die Unschuld eines Kinderspiels geht verloren, wenn der erwachsene Ernst seine Sache gut machen will. Von Markus Söder, dem Franken, gibt es Fotos von solchen Auftritten. Man merkt die Absicht und ist völlig zu Recht verstimmt. Nichts an diesem Mann hat „esprit“, nicht mal sein Humor. In die Prinzen- und Ehrengarde-Kultur des Karnevals hatte ich einen kurzen Einblick; führte zu dem festen Entschluss, alles darin und darum zu vergessen. Ich habe noch irgendwo einen Orden, der zu entsorgen ist. Nicht vergessen!

Jede Kleidung ist Verkleidung. Man nannte das früher HABIT. Was die Nonne kenntlich macht oder den Obersteiger, wenn er ausgeht. Uniformierung. Bei HOHEITSTRÄGERN wichtig wegen der Rangordnung. Als was gehst du zu Halloween? Richtiger: Als wer gehst du zu Halloween? Wenn Verkleidung zu ihren Ursprüngen zurückkehrt, will sie ROLLENWECHSEL. Der Sultan nächtens als Teppichhändler in den Spielhöllen des Basars. Der Pope als Fischhändler ausgelassen im Bordell. Die ewige Jungfrau frivol als Lebedame mit tiefem Dekolleté. Der Geheimdienstler, diesmal ohne Schlapphut.

Mode ist die leichte Spielart der großen Tarnung. Auch sie kostümiert. Allerdings mit einer saftigen Lüge: sie soll den Typ, der man ist, zur Geltung bringen. AUTHENTIZITÄT. Das ist natürlich Unsinn. KLEIDER MACHEN LEUTE. Wir sind das, für was wir gelten. Wir suchen Geltung durch unsere Klamotten. Nach mehr (!) oder anderer (!) Geltung.

Meine Frau Mutter pflegte scherzend zu sagen: „Gentlemennt bleibt Gentlemennt. Und wenn er in der Gosse pennt.“ Wie klug. An den Fenstern Stores, aber keine Laken im Bett.

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WATT IS NE DAMPF MASCHIEN?

Ein dunkler Raum mit zwei Löcher. Kennen wir aus der Feuerzangenbowle. Was ist eine Daten-Maschine? Da wird das Eis dünner. Das weiß nicht jeder. Es ist so wie früher bei den Zeitungen auf Papier; auch wer nicht wusste, wie man darin schreibt, konnte anderntags noch den Fisch darin einwickeln. Heute erfahren wir Neuigkeiten aus dem Smart-Phone, einem kleinen Scheißding, das unser Weltzugang geworden ist. Leider hat das Biest aber Algorithmen. Und KI, künstlichere Intelligenz. Das gefällt nicht jedem.

Ja, der Algorithmus, bei dem ein jeder mitmuss. Und die KI, mysteriös wie nie. Ich sitze in einem kreuznetten Kreis von Nachbarn und diskutiere mit einem hochgestellten Politiker über die Sozialen. Meine banale These: Was mal die Hinterzimmer von Kneipen waren, nämlich die kleinste und naheste Form von Öffentlichkeit, das findet sich für die junge Generation in den Social Media des Internets. Aber es kommt eben nicht jeder rein. Früher in die Kneipe, jetzt in das Netz.

Darauf reagieren die ANALOGEN wie immer mit Empörung. Natürlich sei man auf den Sozialen. Aber wie! Es erinnert mich an die Frage meiner frühsten Jugend danach, ob jemand schon Telefon habe; gemeint war ein Festnetzanschluss der Post. Oder ob man zu Hause schon Farbfernsehen besitze. Diese beiden übrigens die letzten Technologien, deren Einführung die SPD uneingeschränkt begrüßt hat. Heutzutage haben alle Internetz, die Bürgersteige werden gerade aufgegraben für Glasphaser, die nächste Phase.

Zeitgleich berichtet über lokale Ereignisse noch ein Druckerzeugnis, das sich allerdings keine Redaktion mehr leisten kann und deshalb die Erlebniserzählungen der lokalen Matadore eins zu eins ins #Blatt hebt. Blättchen, so nennt man das am Ort; zu recht in Verkleinerungsform. Wir sind Zeitzeugen einer epochalen Ungleichzeitigkeit gänzlich unterschiedlicher Techniken. Ich sage es mal so: Im Kulturellen ist das Verbrennerverbot noch nicht angekommen.

Der politische Grande führt aus, dass das Internetz nicht demokratie-geeignet sei, weil die Sozialen amerikanischen Milliardären gehörten, die darin Algorithmen & KI installiert hätten, mittels derer verdeckt Wahlen manipuliert würden. Es gebe sogar Hass & Propaganda. Er setzt große Hoffnungen auf den Digital Services Act der EU. Es erklingt der Ruf nach dem starken Staat, der Urimpuls aller Sozis, wenn etwas nach der Willkür des Marktes riecht. Algorithmen also. Teufelszeug. Man weiß im Alltagswissen älterer Menschen auch nicht annähernd, was die DIGITALEN umtreibt. Unsere Gesellschaft ist kulturell gespalten. Die Zahl der neuen Analphabeten ist groß.

Die KYBERNETISCHE WENDE findet statt, ist aber intellektuell nicht verdaut. Wir nutzen inzwischen alles, was wir noch begreifen; aber eben auch nicht mehr müssen, weil der Mangel an natürlicher Intelligenz ja ausgeglichen wird durch die künstliche. Aber ganze Milieus sind mittlerweile Altersheime des Analogen. Die Klugen unter den politischen Köpfen wissen das und begehren auf. Ich rechne über kurz oder lang mit der Forderung nach einem Algorithmus-Verbot.