Logbuch

UND JETZT ACTION.

Hollywood ist in das bescheidenste Leben eingezogen. Man macht Tick-Tock-Filmchen. Episoden, die in ihrer Banalität nicht zu unterbieten sind. Laienschauspieler all überall.

Dümmer geht es nümmer. Die neue Massenkultur.

Immer schon hat intellektuelle Beobachter fasziniert, was eine MASSE ausmacht, eine große Ansammlung von Menschen, kurz DIE MENGE. Dabei gibt es ein Wahrnehmungsmuster, nach dem der einzelne Mensch gut ist, aber der tobende Plebs eine Bestie. Von Pogromen wird berichtet, brutalen Horden, Hooligans. Vieles dabei feierte im Faschismus Wiedergeburt.

Diese MASSENPSYCHOLOGIE war nie eine Wissenschaft, sondern immer eine Sammlung von historischen Beobachtungen der unteren Stände, die die Angst vor dem Volkszorn geboren hat. Man glaubte, dass der Mensch in der Masse sich dort enthemmt. Daran denke ich, als ich im TV den Trauerzug der Queen im schottischen Edinburgh sehe. Es gibt einen Kameraschenk über die Zuschauermenge und ich traue meinen Augen nicht. Da stehen Tausende mit erhobenem Arm.

Nun ist eine Analogie zum Hitlergruß an diesem Ort völlig absurd, aber man sieht kein Meer von Köpfen, sondern Heerscharen erhobener Arme. Was dort angesichts des königlichen Sarges hochgereckt wird, sind Handys, mit denen der Trauerzug gefilmt wird. Aber nun aber auch von jedem in der Menge. Ein Volk der Handyfilmer. Das hat keine Würde und wirkt wie die Steigerung des Gaffens. Die filmischen Produkte der Sensationslust werden anschließend die Sozialen Medien fluten. Ekelhaft.

Ich erinnere eine ähnliche Beobachtung in Rom im Vatikan. Der Papst erschien an einem Fenster und die Menge riss den Arm hoch. Nun ist man in Italien ja nicht sicher, ob sich da eine Brüderschaft alter Zeiten erinnert. Gestern Abend meine ich sogar den greisen Berlusconi in einer italienischen Wahlwerbung gesehen zu haben. Straffe Gesichtshaut, tote Augen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Bisher hatte ich diesen Zwang, das Leben in Instagram-Episoden zu leben, nur bei chinesischen Prinzlingen erlebt, die im Sternerestautant ihre Gerichte extensiv filmen, bevor sie sie nachlässig herunterschlingen. Jetzt also auch bei John und Jane Brown. Wo demnächst noch? Was noch? Hochzeitsnacht? Kreißsaal? Letzte Worte, und zwar als Filmchen auf YouTube? Das gäbe den Letzten Worten Goethes neuen Sinn. Er soll sich gewünscht haben: „mehr Licht“!

Aber bitte nicht auch noch hier episodische Witzchen. Denn was bleibt, das ist Erkenntnisekel.

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GEBOT VOR GOTT.

Gibt es Prinzipien, die so universell sind, dass sie über jedweder Religion stehen? Das klingt gotteslästerlich, zumindest protestantisch oder vielleicht sogar agnostisch. Gemach.

Sehr interessante Diskussion in einer Vorlesung Kants. Eine unveröffentlichte Handschrift. Es geht um Abraham, der als Entdecker des Monotheismus gilt, also der Annahme, dass es nur einen (!) Gott gibt. Das eint ja dann Judentum, den Islam und die Christenheit.

Abraham streitet mit Gott, als dieser vorhat, SODOM und GENEZARETH auszulöschen, weil die Twin Cities voll sündig leben. Abraham gefällt nicht, dass alle Bewohner der göttlichen Rache zum Opfer fallen sollen. Das sei, jetzt kommt es, nicht GERECHT, wenn man den Lauteren wie den Unlauteren auslöschen wolle. Er belehrt Gottvater.

Das gefällt dem ollen Kant, dass der EINE Gott, sprich Gott der Herr, sich eine Moralpredigt des Erzvaters anhören muss. Offensichtlich hatte sich Abraham einen Chef erwählt, der weisungsgebunden ist. Das Postulat der GERECHTIGKEIT steht über dem göttlichen Willen. Ich spüre beim Lesen geradezu das unbändige Vergnügen des ollen Kant über diesen Gedanken.

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EINEN SACK FLÖHE HÜTEN.

PR-Leute finden, dass ehemalige Journalisten nicht notwendig gute Pressesprecher sind. Das ärgert die Journaille. Aber es stimmt oft. Zu unterschiedliche Berufe.

Der Pressesprecher einer bestimmten Bundesministerin soll nix taugen, lese ich bei einem Investigativen. Die Ministerin hat schlechte Presse. Der Mann war vorher TV-Journalist im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen. Also nicht vom Fach. Ein guter Regierungssprecher ist ein Kommunikationsmanager, ein Organisationsgenie, ein Stratege. Er führt Regie und kann einen Sack Flöhe hüten. Das ist etwas anderes als verdienter TV-Onkel beim müden ZDF.

Journalisten sind Konsumenten von PR; wenn sie gut sind, nutzen sie das Angebot virtuos. Aber wer gerne an fremden Tischen isst, der kann deshalb noch lange nicht kochen. Und wer kochen kann, der ist deshalb noch lange kein guter Restaurantleiter. Wer ein Restaurant zu führen weiß, der kann damit noch lange nicht mit dem Löffel füttern. Sprich als Informant agieren.

Wir reden gerade über die KOMPLEXITÄTSFALLE. Auch der Regierungssprecher (Leiter des Bundespresseamtes) hängt am Tropf des Ressortprinzips; ein Sack Flöhe. In den Ministerien alles mittlere Begabungen; bestenfalls. Die Unfähigkeit zur PR sieht man am deutlichsten, wenn Journalisten von Journalisten journalistisch angegriffen werden. Siehe RBB und NDR. Die Vierte Gewalt stolpert über die eigenen Füße. Kollateralschäden zuhauf.

Es mag angehen, dass man Schauspieler zu Politikern macht, professionelle Schauspieler, aber es geht nie gut, wenn man das Parkett auf die Bühne holt. Sie können klatschen und Buh rufen, aber Dramaturgen, das sind sie eben nicht. Und Regie zu führen, das geht ihnen gänzlich ab. Sie können kein PR.

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WER SITZT AM STEUER?

Man könnte es in 50 Stunden hinkriegen, wenn man durchführe. Bei kommoderen Tagestouren geht es in einer guten Woche. Wir sprechen von dem 4500 km zwischen Atlantik und Pazifik, einmal mitten durch Amerika. Das ist die Tour „coast to coast“, die man mit Benzinkutschen ablegen kann, wenn man sieben, acht Mal an die Pumpe möchte. Mit meinem Diesel reichten 5 Tankaufenthalte. Das wäre aber unmodern.

Meinem italienischen Freund in Wolfsburg scheint das keine unüberbrückbare Distanz; er lächelt mich an. „Das ist eine Mal Palermo und zurück!“ Nun gut, die Gewalttouren der Gastarbeiter in ihre ursprüngliche Heimat sind ein anderes Thema. Zudem habe ich einen Verdacht bei den Einkaufstouren der Pizzeria in Niedersachsen nach Sizilien wegen der besonders leckeren Tomaten, dem ich hier nicht nachgehen möchte. Wir reden also nicht von bolivianischem Marschierpulver, wenn wir über Elon Musk und sein Batterie-Auto namens Tesla reden; diesmal nicht.

Das batteriebetriebene Gefährt wird beworben, indem seiner Steuerungstechnik bescheinigt wird, dass die Karre „autonom“ fahren könne, sprich ohne Eingreifen des Fahrers selbständig zu ihrem Ziel finde. Gemeint ist „automatisch“, was nicht das Gleiche ist; aber geschenkt. Ein jüngstes Experiment mit dem „self driving coast to coast“ endete nach 90 von den 4500 km im Crash. Keine Schadenfreude meinerseits. Mir war seit dem ersten Versprechen des Tesla-Eigners 2018 klar, dass wir über einen Marketing-Mythos reden.

Ich habe von dem rennbegeisterten Ferdinand Piëch gelernt, dass ein skrupelloser Fahrer mehr zum Sieg beitrage als ein perfektes Fahrzeug. Aber es geht mir nicht um die Mentalität der Racer, obwohl dazu einiges zu sagen wäre. Wie zu den Tomatenlieferungen. Es geht mir um ein Grundgesetz der Kybernetik. Das ist die Wissenschaft von den Steuerungsmaschinen, den Daten-Automaten. Ich hab das studiert.

Die Selbstregulierung stößt an eine natürliche Grenze, wenn der zu steuernde Vorgang zu komplex wird. Irgendwann ist die Steuerung nicht mehr durch eine Erhöhung der Regler zu verbessern, sondern nur noch durch die Entkomplizierung der Regelstrecke. Die Erhöhung der Regelleistung ist nur bis zu einem gewissen Punkt dem Regelerfolg förderlich; dieser mag sich mit jeder Generation von Rechnern erhöhen, aber er ist endlich; der Prozess kippt irgendwann um und endet automatisch und zunehmend im Chaos.

Praktischer? Mehr Computer ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Noch praktischer? Wenn der Rechner so groß ist, dass die Karre autonom von Küste zu Küste fahren kann, ist kein Platz mehr für Passagiere. Außer der Rechner wäre gar nicht in meinem Auto, sondern in Elons Zentrale. Und diese Art von Autonomie möchte ich nicht.