Logbuch

WELTTHEATER.

Wenn die Welt ein Theater ist, so sitzen wir also im Parkett oder der Loge und dürfen entscheiden, ob uns gefällt, was da auf der Bühne gegeben wird. Applaus ist möglich, aber auch der Buh-Ruf. Mir ist nach letzterem. Mir ist nicht wohl in meiner Loge.

Es wird wieder, schinderassa bumm, das alte Militärstück gespielt, das eine AUFRÜSTUNG als Notwehr inszeniert. Man gibt diesem Säbelrasseln den Titel NACHRÜSTUNG, weil ihr defensiver Charakter deutlich werden soll. Vielleicht ist das ja so, dass die neuen Raketen meiner Verteidigung dienen. Mich wundert aber das Halleluja der Grünen; aber es zeigt wohl nur, dass sie nicht mehr der Linken zuzurechnen sind. Aus der Kulisse werden Raketen auf die Bühne geschoben. Der Vorhang zu und wir sehen betroffen: alle Fragen offen.

Das zu der Frage: „Was wird hier eigentlich gespielt?“ Keine ganz unwesentliche, im Welttheater. Dann gibt es das Senioritätsproblem. Weise Greise. Wir sehen sehr bekannte Staatsschauspieler, die bei aller Würde im Habitus leider nicht mehr ganz textfest sind. Vom Bühnenrand hilft aus ihrem verborgenen Kasten die Souffleuse, wenn selbst das Ablesen des Textes vom Teleprompter nicht mehr klappt. Wir im Parkett wissen nicht, ob wir dem greisen Mimen gegenüber höflich zu sein haben oder zu erkennen geben sollen, dass er sich zum Narren macht. Wieder wird gegeben: DES KAISERS NEUE KLEIDER.

Dann die eklatanten Fehlbesetzungen. Es kommt im „theatrum mundi“ vor, dass die Schauspielerinnen ihrer Rolle nicht so ganz gewachsen sind und sie in unfreiwilliger Komik chargieren. So verkündete gerade die Bundesministerin für das Äußere, sie werde demnächst nicht als Kanzlerin antreten. Ich war auf meinem Logenplatz echt verdutzt. Wenn Du schon froh bist, wenn sie nicht wieder vom „Schinken der Hoffnung“ faselt oder die Barbie gibt, dann dieser Verzicht, dessen Kern eine Anmaßung obszönen Ausmaßes ist. Selbsternannte Aufsteiger: DER BÜRGER ALS EDELMANN.

Die schwerwiegendste Erkenntnis des Theaterabends aber ist eigentlich eine banale: Die Herrschaften spielen nur ein Stück, das ganz jemand anderes geschrieben hat. Der wahre Autor aber betritt die Bühne nicht. Er lässt spielen. Wenn wir ihn kennten, wüssten wir, was hier gespielt wird. Das ist aber nicht unsere Rolle. Wir sind nur die Claqueure, bestellt und bezahlt, um Beifall zu klatschen.

Leider ist aber diese Posse da auf den Brettern, die die Welt bedeuten, unser Leben.

Logbuch

RARE BOOKS.

Für den Laien in der Kunst des Büchersammelns sind es die ERSTAUSGABEN, denen er besonderen Wert zumisst; zumeist stimmt das auch, insbesondere wenn die erste Auflage des Werkes niedrig war. Die versteckteren Kostbarkeiten bedürfen einer aufwendigeren Geschichte.

Im BRITISH MUSEUM treffe ich beim Frühstück (Eier mit Kresse auf weißem Toast) einen portugiesischen Experten für die sogenannte Asley Library, sprich den Nachlass des Thomas James Wise, dem seinerzeitigen Präsidenten der Bibliographical Society of London. Ich sage es ungern, aber ich mag sie eigentlich nicht, die Portugiesen. Meist aufgeblasene Schwätzer. Er textet mich zu und nimmt, mit geöffnetem Mund essend, ausgerechnet gebutterten Toast mit Würstchen, einfach ekelhaft.

Nun, es geht um die Liebesgedichte der Elizabeth Barrett, die sie ihrem Verlobten Robert Browning zueignete, worauf dieser sie vom Fleck weg heiratete. Die kleine Auflage der Sonette ist publiziert als „Sonnets of E.B.B.“ (für Barrett Browning). Der vorgenannte Wise will ein Dutzend Exemplare erworben haben, von denen noch zwei in British Museum erhalten sind. Rare books. Dürfte soviel kosten wie ein Mittelklassewagen.

Der Portugiese verweist auf einen Eintrag „Sonets of the Portugese“ in dem Bibliotheksexemplar, das er der Handschrift wegen Elizabeth zuordnet. Das ist aber Unsinn. Ich erinnere mich, irgendwo die Rezension eines William Cox Bennett aus Camberwell gelesen zu haben, der das Dutzend der Erstdrucke an Wise verkauft hatte; ein Scheunenfund, wie er berichtete.

Wahr ist, dass die jugendliche Verlobte so tarnen wollte, dass sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube gemacht und den Angebeteten vor den Altar gedichtet hatte. Das mit der Übersetzung war nur Tarnung. Es waren ihre ureigensten Herzensergießungen. Frei von jedweden Einflüssen des Portugiesischen. Eh klar.

Logbuch

POESIEALBUM.

Poesie? Nur Mädchen hatten so was. Und machten darum ein unheimliches Gewese. Das Poesiealbum. Es war eine Art Freundschaftsbuch, genauer gesagt ein Katalog von Eintragungen der Freundinnen. Wie bei Girlies üblich, der BESTEN Freundinnen. Man musste in Schönschrift etwas Aphoristisches eintragen. Und durfte ja keine Seiten rausreißen; allfällige Warnung davor.

„In allen vier Ecken / Soll Liebe drin stecken.“ Für Jungs war das albern und kitschig. Aber gemach. Das Spießige hat sich erhalten. Mit krauser Stirn sehe ich, was sich alte Männer im Stundentakt per SMS oder WHATSAPP übermitteln. Bildchen und Sprüche der vordergründigsten Art. Und der abgründigsten: „Kommt eine Frau beim Arzt…“ Regelrechte Rituale des Witzchenreissens. Man will antworten mit dem Spruch: „… und heute sinkt für Sie, das Niveau.“ Auch schon wieder so ein Spruch.

Tagebücher und Poesiealben sind kulturhistorisch interessante Quellen. Da gab es doch mal einen Schriftsteller, der Kriegstagebücher sammelte. Ob das mal jemand mit Chatverläufen machen wird? Wahrscheinlich zu leichtflüchtig. Sind halt keine Logbücher (pun intended).

Gestehen wir Nach-Erwerbstätigen es uns ein: das heutige POESIEALBUM heißt FACEBOOK. Jüngere Generationen, einst bei StudiVZ die Begründer, sind längst geflohen. Die Verbohrten nach Twitter, die Albernen auf TikTok und die Arrivierten agieren auf LinkedIn. Wie früher bei Zeitungen entstehen hier auch Gesinnungskriterien der jeweiligen Wahl. Man sagt mir, dass Twitter als X gar nicht mehr gehe, da der Inhaber nicht satisfaktionsfähig sei. Also, das waren Verleger immer nur sehr selten.

Was die Instagrammisierung ausmacht, ist die Manie zum Episodischen. Eigentlich würde ich sagen, dass das pubertante Albernheiten sind, wenn ich nicht auf Facebook sähe, dass gerade die Greise das zum Hobby machen. Waldorf & Städler, wohin ich schaue.

Ja, auch Zoten und Rassismen, auch Drogen und Waffen. Telegram. Da ist mir das Girlie-Gossip der Poesiealben fast lieber. Zum Schluss von dort mein Lieblingsspruch:

„Ursprünglich eignen Sinn /
Laß dir nicht rauben! /
Woran die Menge glaubt, /
Ist leicht zu glauben.“ //

Ist vom ollen f*** you Göte.

Logbuch

RECHTS VERSUS LINKS.

Es gibt eine Idiotie politischer Parolen, die man argumentativ nicht mehr auflösen kann. Etwa in der Aussage, dass Hitler ein Linker gewesen sei. Jede Relativierung dieses Teils deutscher Geschichte ist ohnehin nah an einem moralischen Verrat fundamentalen Ausmaßes. Man lasse das lieber.

Reflexhafte Debatte darum, dass der Nationalsozialismus der NSDAP seinen historischen Aufschwung genommen habe, indem er sich „linke“ Forderungen zu eigen machte. Da kann nicht sein, was nicht sein sollte. Da irre der Politikwissenschaftler Götz Aly; das hätten die „NS-Historiker“ (sic) schon mehrfach angemerkt. Die Historiker, diese eingeschworene Gesellschaft zur Verlangweiligung der Geschichte? Und die Politologischen vom dauerlinken OSI an der FU? Professorenstreit. Wen kümmert das? Diese Eifersüchtelei zwischen zwei Wissenschaften ist aber nicht uninteressant. Es geht um die moralische Scheidung zweier Welten.

Kann es ein Oxymoron von Rechtem und Linkem gegeben haben? Oder als tödliche Mischung wieder geben? Das aktuelle linke Milieu heult auf, weil eine so differenzierte historische Debatte die Verteufelung des Rechtspopulismus erschwert. Man will nachträglich aus dem „Nationalsozialismus“ begrifflich den Sozialismus tilgen, weil man den rechtsradikalen Charakter der AfD nicht verwässert wissen möchte. Es geht gegen die sogenannte Hufeisentheorie, nach der sich die Extreme von links und rechts treffen; eine durchschaubare Narration der politisch impotenten Mitte. Dazu habe ich zwei Meinungen.

Historisch ist es unzweifelhaft, dass sich die frühe NSDAP quasi-gewerkschaftlich gebärdet hat; um am Ende die Gewerkschaften aufzulösen. Aber sie inszeniert Volksgemeinschaft vor allem vor der Machtergreifung eben auch als Volksfürsorge. Das ist ja das innere Paradox von Populismus, dass er auch links daherkommt. Und dann woanders hingeht. Das ist das eine.

Das andere ist, dass es „die Linke“ nicht gab; man darf die KPD der Weimarer Republik nicht als Freunde von SPD und USPD lesen. Die Spaltung war von epochaler Bedeutung. Wenn Lenin explizit von der „Diktatur des Proletariats“ spricht, die millionenfach demokratischer sei als jede bürgerliche Demokratie sei, so meint er das auch so. Der Genosse Stalin hat daran ja keinen Zweifel gelassen. Mielke auch nicht.

Wie also kommen wir wieder auf gesichertes Terrain und Felsen unter die Füße? Mein Vorschlag ist, dass die Politologen in die Archive verbannt werden. Und die Historiker ins Philosophicum. Jeder auf das Terrain des anderen. Zumindest für ein Semester. Und dann wird miteinander geredet. Verlängerungsanträge für die Verbannung willkommen.