Logbuch

LOW TECH & NO BRAINER.

Wenn ein Auto noch so ganz im Mechanischen verhaftet war, man es also mit Schraubenschlüsseln reparieren konnte, nannte es mein seinerzeitiger Chef: „no-brainer.“ Etwas ohne Hirn? Ein Lob! Er sagte das mit Respekt, nicht mit Verachtung. Für die wirklichen Experten ist weniger Tüftlertechnik und weniger Elektronikscheiss schlicht mehr. Siehe Uhren, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich kam gestern auf der A7 an Kassel-Calden vorbei; erinnert mich an den dortigen Feldflughafen. Hier hatte ich mal eine Notlandung. Wir kamen aus Gstaad im Berner Oberland, wo die Düsenflugzeuge ungern runtergingen und hatten deshalb einen zweimotorigen Propeller bestellt. Über Nordhessen wachte ich plötzlich wegen Hektik im Cockpit auf und sah durch mein Fensterchen einen der Motoren ausgefallen: Propeller starr, Segelstellung. Der Copilot kniete im Vorraum des Cockpits und durchblätterte einen Ordner, in hektischer Suche nach einem bestimmten Formblatt, das jetzt auszufüllen war. Hmmm. Ich wurde damit getröstet, dass, wenn ich eine Düse genommen hätte, und diese dann ausgefallen, wir jetzt alle schon hinüber wären. Proper der Propeller, bleibt selbst wenn einmotorig noch oben. Im Anflug Feuerwehr auf der Landebahn, großes Besteck. Geglückte Notlandung. Raus vors Terminal. Ein einziges Taxi, Fahrer ist erst noch zu wecken . Innen Pumakäfig. Und dann, jetzt kommt es, in diesem ausgelutschten Opel-Taxi mit übernächtigtem Fahrer von Kassel nach Berlin. Das war mit einiger Sicherheit der gefährlichere Teil dieser kleinen Reise.

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HATE SPEECH.

Lese eine Besprechung einer Biographie des amerikanischen Schriftstellers ROBERT STONE. Woher auch immer dieser Name in meinen Ohren klingt. Dort heißt es: Seinen Vater müsse es gegeben haben, weil es sonst ihn ja nicht gebe; mehr wäre über den aber nun wirklich nicht zu sagen. Seine Mutter sei eine Irre gewesen, die wahrscheinlich nur einmal Verkehr gehabt habe, nämlich anlässlich seiner Empfängnis. Oh ha. Es gibt einen Grad der üblen Nachrede, der schon aus sich selbst unannehmbar ist. Da würde die Erörterung, ob die Schmähung stimme oder stimmen könne, schon eine Anerkenntnis darstellen, die solch ein Hass prinzipiell nicht verdient hat. Dann sagten zurecht die Antiken: Anathema est. Das ist kein Thema. Man schweige.

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NATIONALCHARAKTER.

Die Annahme, dass es Charaktereigenschaften gibt, die aus der Nationalität folgen, ist falsch und vielleicht sogar bös. Es gibt aber schon unterschiedliche Kulturen, oder? Machen wir ein kleines Experiment. Wir haben einen Herrn A und einen Herrn B, die sich unterschiedlich verhalten. Herr A führt seine Mitarbeiter eher gleichberechtigt und entscheidet gern im Konsens. Herr B führt sie hierarchisch und regiert top-down. Sollte man sich nicht einigen, so geht Herr B sofort und unmissverständlich in die offene Konfrontation, Herr A vermeidet das lieber. Wenn es um Überzeugen und / oder Überreden geht, so richtet sich Herr A danach, wie es im Augenblick praktisch am besten passt, und Herr B nach seinen Prinzipien. Also genug des Spiels. Einer von beiden kommt aus Luzern am Vierwaldstätter See und der andere lebt am Starnberger See. Na, wer hat den Stiernacken? Oder: Der eine kommt aus Russland und der andere aus Schweden. Oder noch anders: der eine aus Australien, der andere aus Japan. So lässt mich meine Geschichte mit meinen Vorurteilen allein. 

PS: Vor 31 Jahren hat die Eiserne Lady in London einen Minister verloren, der seine Warnungen vor einer angeblich drohenden deutschen Vorherrschaft in der EU mit dem Nationalcharakter „der Hunnen“ begründet hatte, hinter denen die Franzosen als bloße „Pudel“ nur herdackelten. Der legendäre Nicolas Ridley. Ich habe ihn in seinem Club (Garrick in Covent Garden) mal kennengelernt. Gintrinker. Sehr englisch, der Herr.

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OKTOBERFEST.

Nicht mal den allseits gelobten Koks von der Damentoilette des Käferzelts gab es. Ich hätte eh nicht gewusst, wie da rankommen. Gelobt wurde aber schwarzgebrannter Vogelbeerenschnaps. Und das geröstete Bein vom Schwein. Für mich auch keinen Schnaps. Nur die Hax‘n und Wasser. Mein Abenteuer von der Wies‘n. Erkenntnisekel.

Es gibt Experimente im Ertragen von Sitten und Gebräuchen, die an die Grenze des Menschenmöglichen reichen. Umstände, die zu erläutern, keine weitere Aufklärung brächten, haben mich verleitet, einen vierstündigen Besuch des Münchner Oktoberfestes nüchtern vorzunehmen. Meine Begleiter haben derweil zwischen fünf und acht „Maß“ konsumiert. Helles halt.

Es ist mir klar, dass der Dirndl-Kult nicht archaisch bayerischen Ursprungs ist, aber er fasst schon den Kern des Trachtenwesens gut zusammen: Es handelt sich um eine bäuerliche Tradition, die aus gewachsenem Wissen um die Viehzucht das Elementare menschlicher Beziehungen fesch auszudrücken weiß. Für jeden gestandenen Kerl ist das Angebot praller Brüste in elementarsten Sehnsüchten nachzuvollziehen.

Die eigentliche Erkenntnis liegt aber in der Verwandlung des Genus Mensch, wenn er in Gruppen auftritt, die sich zu Horden entwickeln. Musikalische Begleitung nicht unwesentlich. Wesentlicher aber der gemeinschaftliche Rausch. Gegenüber „den Wiesen“ erscheint dem Zugereisten selbst rheinischer Karneval artifiziell. Das Bierzelt als Tempel des Nationalcharakters. Das will alle Welt sehen und mittun. Ich sehe viele Völker dieser Erde grundvergnügt. Das gemeinschaftliche Thema ist der Homo Sapiens kurz vor der Menschwerdung des Affen. Keine Pointe.